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Jecken und Narren: An Karneval zieht es die Massen auf die Straßen und Plätze. Das birgt Gefahren, erklärt Gewaltforscher Andreas Zick. - © dpa
Jecken und Narren: An Karneval zieht es die Massen auf die Straßen und Plätze. Das birgt Gefahren, erklärt Gewaltforscher Andreas Zick. | © dpa

Bielefeld Konfliktforscher zu den Vorfällen in Köln: "Eine riesige Party der Gewalt"

Andreas Zick von der Universität Bielefeld erklärt im Interview die Gefahr von Menschenmassen

Anneke Quasdorf
31.01.2016 | Stand 01.02.2016, 10:09 Uhr

Nach der Silvesternacht in Köln sorgen sich viele um ihre Sicherheit im Karneval. Der Bielefelder Forscher Andreas Zick ist auf Gewalt und Konflikte spezialisiert. Er erklärt, wie sich Dynamiken in großen Menschengruppen entwickeln und warum die Gewalt in Köln eskaliert ist. Herr Zick, sehen Sie im Karneval einen Anlass zur Sorge? Hier herrschen immerhin die gleichen Bedingungen wie in der Silvesternacht: große Menschenmengen auf den Straßen, Alkohol, Ausgelassenheit, Unübersichtlichkeit... Andreas Zick: Der große Straßenkarneval, wie in Köln und Düsseldorf, ist immer eine große Sicherheitsanstrengung. An den Karnevalstagen stiegen über Jahre Diebstahls-, Drogen und Sexualdelikte schon vor der Zuwanderung durch Flüchtlinge. Derzeit weist aber sehr viel darauf hin, dass die Polizei besser vorbereitet ist für unterschiedliche Szenarios. Die Bevölkerung ist auch sensibilisiert und es wurden Informationen an Flüchtlinge und andere vermittelt, damit der Karneval nicht falsch interpretiert wird. Allerdings ist es alles nicht mehr ganz so unbeschwert, weil auch die Terrorgefahr bei den Sicherheitsbehörden auf der Agenda steht und wir noch nicht wissen, wie sich die Bürgerwehren verhalten werden. Sie sind Fachmann für Gewalt. Was glauben Sie, ist in der Silvesternacht in Köln passiert? Andreas Zick: Diese Situation hatte viele einzelne Elemente, die insgesamt die Eskalation der Gewalt begründen, und das ist nicht einfach zu erklären. Auch wenn wir nach einfachen Antworten suchen, um ein Sicherheitsgefühl wieder herzustellen, wird uns das nicht helfen. Was waren das für Elemente? Zick: Es gab sehr unterschiedliche Gruppen, die Gewalt ausgeübt haben. Es gab Banden, die aufeinander losgegangen sind, es gab Gruppen, die sich gemeinschaftlich verabredet wie vergewissert haben, dass die Gewalt legitim war. Es gab kaum Fluchtwege. Der Ausgang aus dem Bahnhof war zu eng. Es gab Feuerwerk, das direkt auf Menschengruppen abgefeuert wurde, was die Gewalt erhöht hat. Insgesamt hatte die Situation alles, was einen Gewaltexzess im öffentlichen Raum erleichtert und kaum Faktoren, die das gebremst haben. In großen Mengen wirken sich diese gewalterleichternden Faktoren zudem viel dramatischer aus als in kleinen Gruppen. Aber warum ist das so? Zick: Psychologen nennen das "Pluralistische Ignoranz". Das heißt nichts anderes als: In einer Menschenmenge erscheint plötzlich vieles legitim, weil alle es tun. Je mehr Menschen etwas machen, desto richtiger scheint es zu sein. Außerdem bilden sich viele ein: Irgendwer wird schon helfen, es sind so viele da, dann muss ich es nicht tun. Außerdem ist eine große Menschenmenge unübersichtlich, ich kann also vieles gar nicht sehen und deshalb auch gar nicht begreifen oder richtig einschätzen. Also verlieren Menschen in einer großen Menge einfach die Kontrolle? Zick: Genau das passiert nicht. Deshalb ist das Bild vom "Mob" in der Wissenschaft mittlerweile eher veraltet. Mob suggeriert Kontrollverlust, man ist lange davon ausgegangen, dass große Gruppen in einer Gewaltsituation jegliche Standards verlieren, die sonst für ein Miteinander gelten. Das stimmt so aber nicht. Das Verrückte ist: Es bilden sich neue Standards, die für die Täter in der Situation genau so eine Gültigkeit haben. Und das ist hochgefährlich. In Köln war eine massive Kontrolle der Opfer durch die Täter vorhanden, eine Kontrolle, die durch Gewalt entstanden ist. Vor allem durch sexuelle Gewalt. Zick: Sexistische Vorurteile gehörten in Köln über viele Gruppen hinweg zum gemeinsamen Wertebild. Da herrscht die Annahme: Frauen sind minderwertig, schwach, wehrlos. Viele sexuelle Misshandlungen basieren zudem auf Mythen, dass die Frauen das ja auch nicht anders wollten und geradezu provoziert haben. So nach dem Motto: Die gehen feiern, trinken, die wollen es ja gar nicht anders. Und ich geben denen jetzt, was sie wollen. Wie hätten die Frauen sich am besten wehren können? Zick: Nur durch Flucht, wie sie es ja auch versucht haben. Eine dermaßen aufgeputschte männliche Gewalt ist von einer Frau weder mit Pfefferspray, noch mit körperlicher Wehrhaftigkeit zu durchbrechen. Entsprechend muss der Kölner Hauptbahnhof besser mit Fluchtwegen ausgestattet sein. Und wir müssen natürlich langfristig versuchen, dass solche Szenarien gar nicht erst entstehen. Und was ist mit der Herkunft der Täter? Spielt der Kulturkreis, aus dem sie stammen, tatsächlich eine so geringe Rolle, wie die Politiker es uns gerade glauben machen wollen? Zick: Bei einigen Tätern spielen tradierte Männlichkeitsvorstellungen und Gewalterfahrungen in der Kultur eine Rolle. Einige Täter werden selbst Gewaltopfer sein. Gewalterfahrungen erleichtern das Ausüben von Gewalt im späteren Lebensalter. Für einen Teil spielt also Herkunft eine Rolle. Bei anderen Tätern spielen andere Gewalterfahrungen eine Rolle: Wir haben Leute aus der Türsteherszene dabei gehabt, Taschendiebe, die gewalterfahren sind, aber auch Zuschauer, die unwissentlich mitgemacht oder nicht eingegriffen haben. Mit einem Verweis auf die Herkunft der Täter werden wir keine Antwort finden. Wenn also 1.000 betrunkene deutsche Männer auf der Domplatte gewesen wären, hätte es das gleiche Gewaltpotential gegeben? Zick: Ich glaube: ja. Wir hören ja jetzt gerade, dass Frauen nach den Vorfällen von Köln berichten, wie bedroht sie sich oft auf der Straße fühlen - egal, in welcher Stadt und von Männern jedweder Herkunft. Außerdem: Läge das Problem wirklich ausschließlich in patriarchalischen, frauenfeindlichen Bildern, die jungen Männern vermittelt werden, müssten wir zum Beispiel viel mehr Probleme mit Lateinamerikanern haben. Die haben wir aber nicht. Also heißt das Problem "Männlichkeit"? Zick: Sie spielt zumindest eine enorme Rolle. In der Forschung zu Sexismus, Gewalt und Männlichkeit beobachtet man das schon lange. Und der Gewalt-Raum von Köln war ein männlicher Raum: Wenn so viele Männer auch noch alkoholisiert in einer solchen Atmosphäre aufeinandertreffen, werden sie bestimmt durch Stark-sein, Mann-sein, Männlichkeit zeigen. Da herrscht auch ein unglaublicher Gruppendruck. Auch bei den gewaltorientierten Gegendemonstrationen am Samstag in Köln, die von Pro NRW, Pegida und HoGeSa durchgeführt wurden, haben Männer die Gewalt gegen die Polizei ausgeführt. Allerdings dürfen wir uns auch nicht allein von einem Fokus auf Männlichkeit täuschen lassen. Wir haben in der Gesellschaft auch viele Frauen, die sexistische Frauen- wie Männerbilder haben und zum Beispiel von Männern geradezu Gewalt verlangen. In Köln waren die Frauen aber die Opfer. Deren Vertrauen in ihre öffentliche Sicherheit jetzt erschüttert ist. Kaufen wir jetzt einfach alle Pfefferspray? Zick: Ja und nein. Kurzfristig gesehen hilft es auf jeden Fall, die eigene Wehrhaftigkeit zu stärken. Aber nur, weil ich Pfefferspray besitze, heißt das noch lange nicht, dass ich es auch anwenden kann. Da geht es darum, Selbstverteidigung zu lernen, sein Selbstbewusstsein zu stärken. Viele Schulen vermitteln Mädchen das bereits und das ist gut so. Wie ich aber schon erwähnte: In der akuten Situation konnten die Frauen sich gegen eine solche Übermacht nur durch Flucht wehren. Deshalb ist es zwingend notwendig, dass Schutzmaßnahmen da sind, dass sich das gesellschaftliche Bild von Frauen noch weiter wandelt. Kurzum: Wir müssen fragen, was wir Frauen anbieten können. Sie sprachen eben davon, dass auch die Örtlichkeit die Vorfälle begünstigt hat. Zick: Der Hauptbahnhof in Köln ist schon lange bekannt als Ort, wo Frauen einen Spießrutenlauf absolvieren müssen. Hinter dem Eingang geht eine Treppe hoch auf das Domplateau, das ist verheerend, weil sie wie eine Zuschauertribüne wirkt, auf der ein Publikum den Akteuren noch zusätzlich einheizt und ihre Taten so legitimiert. An Silvester ist so eine riesige Party entstanden, die sich aus Gewalt gegen Frauen, Beleidigungen und Verfolgung inszeniert hat. Momentan steht die Kölner Polizei massiv in der Kritik, weil sie diese "Party" nicht erkannte und entsprechend handelte. Wie kann eine solche Situation denn am besten entschärft werden? Zick: Es gibt mittlerweile sogar Forschungsprojekte, die nach genau diesen Lösungen suchen. Konkret hätten die Polizisten die Anführer jeder Gruppe herausziehen und so deeskalieren müssen. Aber das hätte vorausgesetzt, dass es einen Überblick und ein Verständnis gegeben hätte: Was passiert da eigentlich gerade. Und das gab es eben nicht.

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