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Feiern das Scheitern: (v. l.) Tristan Niewöhner, Eyüp Aramaz, Stephanie Mayfield und Tino Hillemeyer haben Misserfolge erlebt und Lehrgeld gezahlt. Inzwischen sind alle wieder mit neuen Firmen am Markt. - © Jörg Dieckmann
Feiern das Scheitern: (v. l.) Tristan Niewöhner, Eyüp Aramaz, Stephanie Mayfield und Tino Hillemeyer haben Misserfolge erlebt und Lehrgeld gezahlt. Inzwischen sind alle wieder mit neuen Firmen am Markt. | © Jörg Dieckmann

Bielefeld Gescheiterte Unternehmer berichten auf der "Fuck-up-Night"

Lehrstunde für Existenzgründer: Gescheiterte Jungunternehmer erzählen von ihren Misserfolgen und davon, wie es nach einer Pleite weitergeht

Sebastian Kaiser
24.11.2015 | Stand 24.11.2015, 07:57 Uhr

Bielefeld. Die Existenzgründerberatung war umfassend, der Business-Plan verheißungsvoll, die Fördergelder zugesagt. Voll Tatendrang gründete Stephanie Mayfield direkt nach dem Studium ihr Unternehmen für Internetseiten und Computerberatung. Doch dann waren die Bankzinsen höher als gedacht, die Büromiete war zu teuer und die Umsatzsteigerung von zehn Prozent im Monat nur ein frommer Wunsch. Schließlich stieg die junge Frau vom toten Pferd ab und kam mit einem blauen Auge davon. "Meine Mutter rettete mein Konto." Kann denn Scheitern Schande sein? Über 60 Teilnehmer der ersten Bielefelder Fuck-Up-Night waren anderer Meinung. Sie waren in die G16-Lounge an der Goldstraße gekommen, um zu hören, was man falsch machen kann und wie es besser geht. Fuck-Up-Nights machen derzeit Furore, finden in vielen Städten rund um den Erdball statt. Gestrandete Firmengründer erzählen von ihren Misserfolgen und geben Tipps - eine Veranstaltung zwischen Therapie und Lehrstunde. Scheitern macht keinen Spaß, aber darüber zu reden offenbar schon. Die Stimmung in der G16-Lounge jedenfalls war prächtig. Applaus für die Gescheiterten. "Scheitern ist die Voraussetzung für persönliche Weiterentwicklung", sagt Organisator Eyüp Aramaz. Er will ein Umdenken bewirken. Ökonomischer Misserfolg dürfe nicht mit moralischem Versagen gleichgesetzt werden. Drei Redner hatte er eingeladen. Die berichteten offen von ihren Flops. Nach dem Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre, Auslandsaufenthalten in China und den USA und einem Trainee-Programm in einem großen Konzern sah sich Tristan Niewöhner für die Selbstständigkeit gerüstet. Mit fünf anderen - Betriebswirten und Informatikern - baute er ein internetgestütztes Liefersystem für Pizzerien auf. Statt Umsatzbeteiligung, wie sie andere Lieferplattformen von Gastronomen verlangen, berechnete die junge Firma nur eine Grundgebühr. "Die Pizzerien konnten viel sparen, aber wir konnten davon nicht leben", so Niewöhner. Viel Arbeit und private Ersparnisse flossen in das Unternehmen, dann war Schluss. Niewöhner stellte sich kritischen Fragen derjenigen, die selbst gründen wollen oder vielleicht doch lieber die Finger davon lassen. Gab es keinen Business-Plan? "Nicht alle Prognosen treffen ein. Die Idee war trotzdem gut", meint Niewöhner."Zwei Jahre rumgedoktert" Auch Tino Hillemeyer ist ein eloquenter Redner. Sein Geschäftsidee, den "Taxi-Teiler" präsentierte er mit Begeisterung. Dass daraus nichts wurde, fast schon Nebensache. "Taxi-Teiler", das sollte eine Art Mitfahrzentrale werden für Leute, die um dieselbe Zeit denselben Weg hatten, sich ein Taxi teilen und so 75 Prozent der Kosten sparen sollten. Auch Hillemeyer bot seine Dienste im Internet an, ließ dafür Programme schreiben und eine Website entwickeln. Taxi-Unternehmen sollten den Dienst mit Gebühren finanzieren. "Zwei Jahre haben wir an dem System rumgedoktert, aber der Umsatz blieb aus", berichtetet er. Doch Jammern gilt nicht, was zählt ist Aufstehen und Weitermachen. Tristan Niewöhner befasst sich heute in einer neuen Firma mit Logistiksoftware und ist Trainer für Existenzgründer an der Uni Paderborn. Tino Hillemeyer arbeitet in einem Unternehmen, das per Internet-Matching Partner für Freizeitaktivitäten zusammenführt und bringt außerdem sein Studium zu Ende. Stephanie Mayfield hat direkt die nächste Firma gegründet, eine Art "ADAC für Computer". "Für eine monatliche Gebühr lösen wir jedes Problem." Ihr Geschäftsmodell: Privatleute haben keine Lust, sich mit PCs und iPads herumzuärgern und Experten können die meisten Probleme in kürzester Zeit lösen. Mayfield hat inzwischen mehrere Mitarbeiter und baut gerade einen zweiten Standort auf.

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