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Deutsch-Israelische Gesellschaft: Der aktuelle Vorsitzende, Dirk Ukena (links), und der langjährige Geschäftsführer der Gesellschaft, Günther Tiemann. - © Andreas Zobe
Deutsch-Israelische Gesellschaft: Der aktuelle Vorsitzende, Dirk Ukena (links), und der langjährige Geschäftsführer der Gesellschaft, Günther Tiemann. | © Andreas Zobe

Bielefeld 40 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft in Bielefeld

50 Jahre diplomatische Beziehungen zu Israel und 40 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft in Bielefeld

19.11.2015 | Stand 18.11.2015, 21:44 Uhr

Bielefeld. Der frühere Bundeskanzler Willy Brandt brachte das deutsch-israelische Verhältnis 1973 auf den Punkt: „Normale Beziehungen mit besonderem Charakter“. Am kommenden Dienstag, 24. November, um 19 Uhr im Historischen Saal der Volkshochschule im Ravensberger Park feiert die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) ein Doppeljubiläum: 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel und 40 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft in Bielefeld.

1965 war die Aufnahme diplomatischer Beziehungen alles andere als ein Routineakt. Die Erinnerungen an die Ermordung der Juden im Dritten Reich waren noch frisch. Die Aufnahme der Beziehungen gerade zu Deutschland war in Israel hoch umstritten „6 Millionen mal Nein“ stand auf dem Protestplakat eines Demonstranten.

Information

Die Hallstein-Doktrin


  • Die Hallstein-Doktrin war eine außenpolitische Doktrin der Bundesrepublik Deutschland von 1955 bis 1969. Sie besagte, dass die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR als „unfreundlicher Akt“ der Bundesrepublik gegenüber betrachtet werden müsse

  • Ziel war es, die DDR außenpolitisch zu isolieren. Grundlage der Doktrin war die Auffassung, dass die Bundesrepublik die einzige legitime Vertretung des Deutschen Volkes sei

  • Die Bundesrepublik erkannte 1965 den Staat Israel an. Vorausgegangen war, dass der Ägyptische Präsident Nasser im gleichen Jahr Walter Ulbricht nach Kairo eingeladen und ihn dort mit militärischen Ehren wie ein Staatsoberhaupt empfangen hatte. Nasser erklärte zwar, dass er die DDR nicht erkennen könne, aber trotzdem stellte die Bundesrepublik ihre Wirtschaftshilfe für Ägypten ein

  • Benannt war die Doktrin nach Walter Hallstein (CDU), Staatssekretär im Auswärtigen Amt von 1951 bis 1958

Auch Deutschland tat sich schwer. Als Folge der so genannten Hallstein-Doktrin von 1955 hielt man lange diplomatische Beziehungen mit deutschlandpolitischen Interessen für unvereinbar und beugte sich erst dem Druck der arabischen Staaten, die mit der Anerkennung der DDR gedroht hatten (siehe auch Infokasten).

Heute betonen offizielle Stellen sowohl in Deutschland wie auch in Israel, dass die Entwicklung der Beziehungen einem Wunder gleicht. „Die Dichte und Tiefe der Partnerschaft war vor 50 Jahren nicht vorstellbar“, sagt der heutige Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Bielefeld, Dirk Ukena (70).

Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte 2008 vor der Knesset gesagt: „Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung für die Sicherheit Israels verpflichtet. Diese historische Verantwortung ist Teil der Staatsraison meines Landes.“

Vor 50 Jahren konnte man sich die heute herrschende Realität nicht vorstellen: Das gewaltige Handelsvolumen, das breite Tourismusangebot, die rege kulturelle, wissenschaftliche und militärische Zusammenarbeit sowie die Tatsache, das etwa 200.000 Israelis einen deutschen Reisepass und damit die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft Bielefeld wurde im März 1975 in der Kunsthalle gegründet. Der damalige Oberbürgermeister Herbert Hinnendahl erklärte, die Freundschaft zum israelischen Volk schließe die Freundschaft zu den arabischen Staaten nicht aus. Die Initiative zur Gründung war vom damaligen Oberstadtdirektor Heinz-Robert Kuhn und von der Jüdin Ruth Florsheim (1900 bis 1998) ausgegangen.

Sie wurde in Dortmund geboren und ging in Bielefeld zur Schule. Sie floh vor den Nazis und überlebte in Palästina die Shoa. Seit 1969 lebte sie wieder in Bielefeld und wurde 1985 zur Ehrenvorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gewählt. Sie starb 1998 in einem Altersheim in Oerlinghausen.
Seit Februar diesen Jahres haben die Deutsch-Israelische Gesellschaft und die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit einen Preis für Schüler und Studenten ausgeschrieben, der nach ihr benannt ist. Die DIG in Bielefeld hat heute rund 100 Mitglieder.

Eine wichtige Rolle spielte Günther Tiemann (76), der 40 Jahre lang Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bielefeld war. Tiemann wuchs in die Geschäftsführerrolle hinein. Er begann als persönlicher Referent des damaliger Oberstadtdirektors Herbert Krämer und machte sich stark für die Städtepartnerschaft zum israelischen Nahariya.
Den Unterschied zur Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit charakterisiert er so: „Wir kümmern uns um Israel und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit um das Judentum. Das sind zwei getrennte Bereiche, die aber gut zusammenarbeiten.“

Für die Deutsch-Israelische Gesellschaft bleibt noch viel zu tun. Dirk Ukena: „Wir sind kein Israel-Jubelverein, aber mit Israel in kritischer Solidarität verbunden.“ Dabei seien beide Wörter gleich gewichtig. Den Festvortrag hält der Journalist Ulrich Sahm, der in Jerusalem lebt und unter anderem für den Nachrichtensender „ntv“ arbeitet.

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