Wie werden wir in Zukunft Wohnen? Mit Fragen in diesem zusammenhang beschäftigt sich das OWL-Projekt "KogniHome". - © ARCHIVFOTO: DPA
Wie werden wir in Zukunft Wohnen? Mit Fragen in diesem zusammenhang beschäftigt sich das OWL-Projekt "KogniHome". | © ARCHIVFOTO: DPA

KogniHome: OWL-Projekt forscht am Wohnen der Zukunft

Uni Bielefeld, Unternehmen aus OWL und soziale Dienstleister befassen sich damit, wie wir einmal leben könnten

Stefan Weber
Alexandra Buck

KogniHome, die intelligente, vernetzte Wohnung – welchen Nutzen werden die Bewohner davon haben? Dr. Helge Ritter (CITEC): Wir denken an einen vielfältigen Nutzen für jung und alt. Sie soll die Sicherheit in der Wohnung erhöhen. Zum Beispiel, wenn man erinnert wird, dass noch Fenster und Türen offen stehen. Die Wohnung soll dafür sorgen, dass die Generationen besser miteinander in Verbindung bleiben. Der „Rezeptspurhalteassistent“ hift beim Kochen. Für die Gesundheit entwickeln wir den Fitnesscoach, der mit den anderen Komponenten der Wohnung vernetzt sein wird. Das reißt die Möglichkeiten nur an. Ketzerisch gefragt: Geht es hier nicht nur um die Kostensenkung in der Pflege, weil die Menschen länger zuhause leben können? Dr. Thorsten Jungeblut (CITEC): Es geht darum, dass das Pflegepersonal von Alltagsaufgaben entlastet wird und sich mehr auf die Menschen konzentrieren kann. Sonja Friedhof (Bethel): Ziel soll es nicht sein, menschliche Zuwendung zu ersetzen. Es geht darum, Pflegekräfte und betreuendes Personal von Routineaufgaben, Dokumentationsaufgaben zu entlasten und sie so verstärkt in den Kontakt zu den Menschen zu bringen, die sie betreuen. Und: Der Wunsch möglichst selbständig, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben, ist für jeden Menschen ein Grundbedürfnis. Ist die Vernetzung die Herausforderung des Projektes? Ritter: In der Tat – erst eine intelligente Vernetzung liefert viele Mehrwerte: die einzelnen Komponenten wissen voneinander und können so sinnvoll kooperieren – von der Haustür, dem Eingangsbereich bis zur Küche. Das unterscheidet uns auch ein bisschen von vielen anderen Projekten, die sich auf einzelne Ausschnitte sehr stark spezialisieren, die einen dann allein mit der Aufgabe zurücklassen, wie man diese Komponenten geeignet zusammenfasst. Uns interessiert, wie man eine mitdenkende Gesamtintelligenz in die Wohnung bringen kann. Es gibt viele kreative Ideen wie einen Garderobenschrank, der mir zum Wetter die richtige Kleidung anbietet. Gabriele Wüller (Hettich):  Dass genau der richtige Mantel aus dem Schrank kommt, dass sich die Küche auf die richtige Höhe für den jeweiligen Bewohner einstellt, dieser Vernetzungsgedanke ist für Hettich neu und das Spannende an dem Projekt. Also würde die Küchenzeile erkennen, wer da kommt und die Höhe anpassen? Wüller: Genau. Oder auch für unterschiedliche Tätigkeiten. Wenn man einen Teig kneten möchte, muss die Höhe der Küche auch anders sein als wenn man Tomaten schneiden möchte. Es gab ja schon viele Versuche, intelligente Technik an die Menschen zu bringen – allerdings eher mit weniger Erfolg. Woran liegt das? Ritter: Eine einfache Erklärung ist, dass das natürlich auch sehr schwierig ist. Kognition und Intelligenz, das sind bisher erst sehr in Ansätzen verstandene Fähigkeiten, über die wir verfügen. Wir merken gar nicht, was wir alles an Fähigkeiten mobilisieren, wenn wir Alltagsdinge tun. Sie schreiben gerade – was tun Sie da? Sie halten einen zylindrischen Gegenstand zwischen den Fingern, bewegen 20 Gelenkfreiheitsgrade, gucken gleichzeitig auch noch, was mit dem Strich auf dem Papier wird, und interpretieren diesen Strich dann auch noch als Handschrift von Worten, die einen Sinn ergeben, der wieder mit dem zusamenhängt, über das wir gerade gesprochen haben. Diese Komplexität in Technik nachzubilden ist eine Riesen-Herausforderung. Matthias Stahl (Miele): Besonders macht KogniHome, dass wir versuchen verschiedene Bereiche des Lebens im Haus und außerhalb des Hauses sinnvoll miteinander zu verbinden, dass es einen Mehrwert für die Nutzer ergibt. Wir kommen von den Bedürfnissen der Nutzer, schauen uns die Prozesse an, die im Haushalt ablaufen, und versuchen, diese zu unterstützen. Und das so zurückhaltend und transparent, dass man nicht das Gefühl bekommt, fremdbestimmt zu werden. Jungeblut: Man kann eben heute noch nicht die Geräte von Firma x und Firma y zusammenstecken und die können sich miteinander unterhalten und verstehen. Das wird auch in der Zukunft eine große Herausforderung sein. Meiner Ansicht nach gibt es zwei Wege. Erstens: Die großen Hersteller einigen sich auf einen Standard oder zweitens: Einer der großen Hersteller wie Apple oder Google drückt einen Standard durch, nach dem sich alle anderen dann richten müssen. Die zweite Möglichkeit halte ich für wahrscheinlicher. Dr. Frank Schliep (Hella): Ich denke auch, es wird sich eine bestimmte Technologie durchsetzten, die die richtige kritische Masse hat. Man muss auch nicht alle Standards selber setzten. Vorhandene wie Bluetooth oder Wifi werden in das Konzept mit aufgenommen. Man muss etwas aufsetzen, mit dem man an vielen Dingen anknüpfen kann. Viele Probleme sind ähnlich gelagert im Automotive-Bereich wie auch in der Heimautomatisierung. Beispiel automatisiertes Fahren: Da muss man den Fahrer auch kennen, überwachen und wissen, was er als nächstes zu tun beabsichtigt – schläft er ein oder ist er noch in der Lage, notfalls die Fahraufgabe zu übernehmen. Welche besondere Rolle spielt denn Bethel im Projekt? Friedhof: Insbesondere für das Wohnumfeld, das ein besonders persönlicher und intimer Bereich ist, ist es wichtig, potenzielle Nutzer an der Entwicklung der Technologie zu beteiligen. Im Alltag kann man feststellen, dass Technik Ängste auslösen kann – zum Beispiel wenn man den Fahrkarten-Automaten nicht bedienen kann. Solche Technik in einer Wohnung zu installieren setzt voraus, dass die Technik dezent ist, auf den Nutzer reagieren kann, gewissermaßen einfühlsam ist. Unsere Klienten in Bethel probieren die Technik aus und geben eine Rückmeldung, wie gut ein System funktioniert. Bethel ist federführend im ELSI-Teilprojekt, das sich mit ethischen, rechtlichen, sozialen und sicherheitstechnischen Aspekten innerhalb von KogniHome auseinandersetzt. Es geht eigentlich um die Frage, wie wollen wir zukünftig leben, wie sieht unsere Gesellschaft aus und welche Werte sehen wir hinter diesen Technologien. Man hat oft das Gefühl, Google und co. entwickeln Technik weil es eben möglich ist, aber ohne dabei kontrolliert zu werden … Friedhof: Uns ist wichtig, dass wir uns im Konsortium darüber verständigen, was ist vielleicht machbar, aber was wollen wir eben auch nicht machen. Das hat etwas mit Gerechtigkeit zu tun, dass viele Menschen diese Technik nutzen können und nicht nur Menschen, die über ein gewisses Budget verfügen. Jungeblut: Man muss auch kein Komplettsystem kaufen, sondern kann mit einer Komponente beginnen und später weitere problemlos andocken – und auch selber in Betrieb nehmen. Stahl: Und das macht den Großteil der Akzeptanz aus und beeinflusst maßgeblich einen möglichen Geschäftserfolg. Ritter: Die Menschen, die uns Bethel zugänglich macht, die haben für uns geradezu auch den Status von Experten – Leute, die aufgrund ihrer Verfassung geradezu mit seismischer Sensibilität uns dabei helfen, Fehldesigns in den Schnittstellen aufzudecken. Nach einer solchen Testphase kann man dann tiefer graben und auch bessere Technologie machen. Was wollen denn die Menschen? Friedhof: Aus anderen Projekten haben wir die Erfahrung, dass Technik reizarm und klar sein soll. Ein Design, das so gestaltet ist, dass es völlig von der eigentlichen Funktion ablenkt, könnte gerade bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu sehr ablenken. Zurzeit besprechen wir mit unseren Klienten, wie eine KogniHome-Wohnung aussehen könnte. Wüller: Bei der Entwicklung der Garderobe sind wir auf die Frage gestoßen: Wann trifft man eigentlich die Entscheidung: „Was ziehe ich heute an?“ Im Badezimmer? Morgens beim Kaffee? Das wollen wir weiter erforschen. So dass die Technik den Wunsch dann aufnimmt, wann es gerade passt und man muss nicht erst irgendwo hingehen. Das möchten wir mal mit einer größeren Personengruppe überprüfen. Ritter: Da kommt man auch zu so Dingen wie Gewohnheiten-Erkennung. Dass die Wohnung weiß, man zieht bestimmte Kleidungsstücke immer in bestimmten Kombinationen an. Dann kann man oft schon gut raten, was eine Person als nächstes wünscht. Macht das KogniHome uns faul, weil uns alles abgenommen wird? Jungeblut: Früher wusste man die Telefonnummern auswendig, heute sind sie im Gerät gespeichert – dafür merken wir uns andere Dinge und trainieren unser Gedächtnis auf andere Weise. Friedhof: Über dieses Projekt haben Klienten von Bethel die Chance an dem Projekt teilzuhaben, die sonst häufig nicht mal die Gelegenheit haben, solche Technik zu nutzen, weil sie zu teuer ist. Welche Rolle spielt die Beispielfamilie „Becker“ im KogniHome? Stahl: Die Familie Becker lebt in einer fiktiven Zukunft, in der KogniHome bereits existiert. Die Familie ist maßgeschneidert für das Projekt. Da gibt es ältere Menschen, ältere Menschen mit Einschränkungen, ganz junge Menschen, Menschen die im Beruf stehen und eine Doppelbelastung haben. Ausgangspunkt sind für uns die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder. Schliep: Die Technik muss nahtlos integriert sein. Das heißt, dass die Familie Becker gar nicht wahrnimmt, welche Unterstützung das System leistet, und das System die Familie nicht bevormundet. Ritter: Beispiel Rezeptspurhalteassistent: Das System überprüft, ob das Rezept eingehalten wird. Und erst wenn eine gelingensbedrohliche Abweichung detektiert wird, schalte sich das System dann möglichst behutsam ein und sucht nach einem minimalistischen Hinweis, um den Kochvorgang wieder in die Erfolgsspur zu bringen. Um das herzustellen, müssen Sie jede Menge Daten über die Bewohner sammeln. Sind diese Daten sicher? Ritter: Wir sind uns der Brisanz des Themas bewusst. Deshalb haben wir im Projekt Partner, die sich intensiv mit der Frage der Datensicherheit auseinandersetzen. Diese haben im Bereich der Sicherheitstechnik ausgewiesene Technologien entwickelt und forschen jetzt, wie man diese Entwicklungen im KogniHome-Umfeld einsetzen kann...

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