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Mitte Junge Initiative aus Welikij Nowgorod erforscht Bielefelder Infrastruktur

Verkehrstipps für russische Partnerstadt

Elena Gunkel
25.08.2015 , 06:00 Uhr
Bei Grün über die Straße: Anna Sokolowa hält fotografisch fest, wie die Radampeln funktionieren. - © Elena Gunkel
Bei Grün über die Straße: Anna Sokolowa hält fotografisch fest, wie die Radampeln funktionieren. | © Elena Gunkel

Mitte. Ob Ampeln mit Induktionsschaltern, Leitstreifen mit Rippenplatten, an die sich blinde Fußgänger orientieren können, oder spezielle Ampeln für Radfahrer - vieles von dem, was in Bielefeld zum Alltag gehört, ist für viele russische Städte völliges Neuland. Zwei Aktivisten aus Welikij Nowgorod haben sich deswegen auf den Weg in die Partnerstadt gemacht - und Ideen zur Verbesserung der heimischen Stadtinfrastruktur in Bielefeld abgeguckt.

"Zusammen wollen wir unsere Heimatstadt bequem für Menschen machen" - sagt Anna Sokolowa, während sie unermüdlich Fotos von Bielefelder Straßen macht. Die Anzahl der Parkplätze am Kesselbrink, die Breite der Auto- und Fahrradstreifen, die Finanzierung der Renovierungsarbeiten an öffentlichen Gebäuden - der Fragenkatalog, den die studierte Journalistin und ihr Ehemann Kirill Kuzmitschew aus Russland mitgebracht haben, ist lang, und es kommen immer mehr Fragen dazu.

Die deutschen Ansprechpartner, die die jungen Russen auf der Tour durch Bielefeld begleiten, sind gut auf die Diskussion vorbereitet. Ob die Mülltrennung, die Barrierefreiheit im öffentlichen Verkehr oder die politische Agenda im Rathaus - Der Verein Städtepartnerschaft Bielefeld-W. Nowgorod konnte Berater für das Projekt gewinnen.

Parkplätze für Behinderte, doch nicht für Taxen: Verkehrsplaner Hartmut Harnisch erklärt Anna Sokolowa und Kirill Kuzmitschew, wie es in Bielefeld mit dem Parken läuft. - © Elena Gunkel
Parkplätze für Behinderte, doch nicht für Taxen: Verkehrsplaner Hartmut Harnisch erklärt Anna Sokolowa und Kirill Kuzmitschew, wie es in Bielefeld mit dem Parken läuft. | © Elena Gunkel

Hartmut Harnisch hat früher für die Landesregierung gearbeitet und leitet jetzt ein eigenes Ingenieurbüro in Bielefeld. Seit 35 Jahren beschäftigt er sich hier mit der Stadtverkehrsplanung und hat unter anderem die Straßen am Kesselbrink und das neue Bahnhofsviertel geplant. Kirill Kuzmitschew, der in Nowgorod als Bauingenieur tätig ist, nutzt sofort die Möglichkeit, um Harnisch jede Menge Fragen, zum Beispiel über die Höhe der Bordsteine und den Umgang mit Staus zu stellen. In den vergangenen Jahren war Kuzmitschew nach eigenen Worten an der Planung mehrerer öffentlichen Gebäude in Nowgorod beteiligt. "Viele Maßnahmen zur Optimierung der Infrastruktur waren mir bisher nur als Theorie bekannt", sagt er. "Doch nun habe ich zum ersten Mal gesehen, wie all das in die Praxis umgesetzt wird."

Information

Das Projekt „Neue Stadt“

In ihrer Heimat haben Anna Sokolowa, Kirill Kuzmitschew und ihre Gleichgesinnten aus Welikij Nowgorod vor drei Jahren die Initiative „Neue Stadt“ ins Leben gerufen. Das Ziel des Projekts ist es, die Erfahrungen westeuropäischer Städte zu nutzen, um die eigene Infrastruktur zu optimieren.

Inzwischen machen beim Projekt knapp 50 freiwillige Helfer mit. Sie betreiben die Webseite zur Initiative und werben für ihre Sache aktiv in den Social Media. „Viele Bürger sehen, dass die Infrastruktur in Nowgorod verbesserungswürdig ist“, sagt Sokolowa. „Nun ist die Zeit gekommen, um praktisch anzupacken.“

"Durch unsere Arbeit wollen wir den öffentlichen Auftrag an die Stadtverwaltung in Russland formulieren", sagt Sokolowa. In Nowgorod werden beispielsweise Innenhöfe der Blockhäuser oft als Parkplätze für private Pkws benutzt. Und es gibt keine Sonderstreifen für Radfahrer, so dass sie sich stets im Stadtverkehr durchsetzen müssen. Viele Menschen wissen gar nicht, dass es auch anderes laufen kann. Deswegen wollen wir den Bürgern zeigen, wie es in anderen europäischen Städten funktioniert."

Am 11. September findet in Nowgorod das so genannte Urbanfest statt. Organisiert wird es durch die Aktivisten der Bewegung "Neue Stadt", der auch Sokolowa und Kuzmitschew angehören. Zum Programm des Festes gehören unter anderem ihre Vorträge über das Gesehene in Bielefeld sowie die Fotoausstellung mit Bildern aus der deutschen Partnerstadt.

"Wir sind keine Politiker", erklärt Sokolowa. "Jeder steht fest im Berufsleben und hat viele andere Verpflichtungen. Doch zusammen machen wir uns für ein besseres Leben in unserer Stadt stark und sind den deutschen Partnern dankbar für ihre Unterstützung."