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Auswandererfamilie: Die Bielefelder Sandra und Sven Ußling mit ihrem Sohn Siljan (5) wohnen seit Herbst 2014 in Nordschweden. - © Privat
Auswandererfamilie: Die Bielefelder Sandra und Sven Ußling mit ihrem Sohn Siljan (5) wohnen seit Herbst 2014 in Nordschweden. | © Privat

Bielefeld Bielefelder Familie wandert nach Schweden aus

Interview: "Wie bei Michel aus Lönneberga"

Melanie Wigger
17.07.2015 | Stand 17.07.2015, 13:57 Uhr

Bielefeld. Der Traum vom Auswandern: 2.500 Bielefelder haben laut der Zählung von IT NRW diesen Schritt 2013 gewagt. Griechenland, Polen und Türkei gehören zu den beliebtesten Zielen. Nach Skandinavien zieht es hingegen wenige; nach Schweden wanderten 2013 elf Personen aus. Für die Bielefelder Familie Ußling ist es trotzdem ein Traumland. Im Herbst 2014 wanderten sie dahin aus. Doch nicht spontan, wie in abschreckenden Beispielen vieler TV-Dokus, sondern nach jahrelanger Planung. Das Ziel: mehr Zeit für die Familie und ein Leben in der schwedischen Idylle. Realistisch? - Darüber sprachen Sandra und Sven Ußling mit NW-Volontärin Melanie Wigger. Familie Ußling, beim Stichwort Schweden fallen mir rote Holzhäuser, IKEA-Möbel und Astrid Lindgren ein. Wie würden Sie Ihre neue Heimat beschreiben? SVEN USSLING: Es ist wirklich wie bei Michel aus Lönneberga und damit ist es für mich ein Stück heile Welt. Ein Bild, mit dem ich aufgewachsen bin. Wir leben auf dem Land und im Wald, aber auch nahe am Strand und Gebirge. Es ist ein Gefühl von Freiheit. Unser fünfjähriger Sohn kann hier unbeschwert herumlaufen. Es fahren keine Autos. Trotzdem haben wir eine gute Infrastruktur, einen nahen Flughafen und die nächste Großstadt ist nur eine Stunde entfernt. Kindergärten, Schulen, Supermärkte sind erreichbar in Älvsbyn. Herr Ußling, bevor Sie sich für das schwedische Dorfleben entschieden, pendelten Sie von Bielefeld nach Frankfurt, Köln und München. Wie kam es dazu? "Ich komme aus der Fliegerei. Ein paar Jahre habe ich bei der Lufthansa in Frankfurt gearbeitet. Da meine Schwiegermutter einen Schlaganfall hatte, blieb der Familienwohnort Bielefeld. Ich pendelte. 2007 bekam ich die Chance bei einer Kölner Tochtergesellschaft der Lufthansa zu arbeiten. Ab 2011 lebten wir gemeinsam mit meiner Schwiegermutter in Köln. Ich hatte einen spannenden Job als Abteilungsleiter. Doch dann wurde die Abteilung 2013 nach München verlegt. Der neue Vertrag in München war gerade unterschrieben - da starb meine Schwiegermutter. Das änderte alles. Inwiefern? Sie war bis dahin der Grund, warum wir in Deutschland bleiben wollten. Ursprünglich haben wir versucht, mit ihr auszuwandern. Aber in Schweden hat man ihr die Einwanderung nicht gestattet. Ihre Rente war zu gering für das Aufenthaltsrecht. Ohne sie wollten wir nicht weg. Kurze Zeit später ging es ihr gesundheitlich viel schlechter, so dass wir uns verstärkt um sie kümmerten. Der Traum vom Auswandern war auf Eis gelegt - aber wir haben ihn nie aus den Augen verloren. Wir nutzen die Zeit, um unser jetziges Unternehmen vorzubereiten. Was gehörte noch zu Ihrer Vorbereitung? Wir lernten die Sprache und machten Existenzpläne. 2012 konnten wir schon unser zweites Ferienhaus kaufen. Wir vermieteten es. Das schlug so gut an, dass wir uns überlegten eine Firma für Ferienhäuser zu gründen. Nur dadurch bekamen wir die Genehmigung später ein weiteres Haus zu kaufen. Ausländer können in Schweden als Privatperson maximal ein Haus besitzen. Warum musste es Schweden sein? Ich habe 1997 ein Jahr in Schweden gejobbt und seitdem war für mich klar, dass ich in den Norden will. Ich habe zum Glück eine Frau gefunden, die bereit war, diesen Weg mit mir zu gehen. Kalter Norden? Hat Sie das sofort überzeugt, Frau Ußling? Als Sven mit der Idee um die Ecke kam, träumte ich von Süden, Wärme und Strand. Er konnte mich erst überzeugen, als wir mit einem VW-Bus durch das Land tourten. Wir waren in Wäldern, haben Museen besucht und Kanutouren gemacht. Ich lernte das Land kennen und das hat meine Meinung nach und nach verändert. Und was hat Sie endgültig überzeugt? Wir haben uns in Schweden 2009 das erste Ferienhaus gekauft und dort fünf Monate der Elternzeit verbracht und auch bewusst zwei Monate in der Winterzeit getestet - deshalb wussten wir, worauf wir uns einlassen. Wir kannten Schnee und Kälte. Und schon damals fiel es schwer, nach Deutschland zurückzukehren. Von da an begannen wir mit der intensiven Planung. Was hat Ihnen die meisten Sorgen bereitet? Das Finanzielle. Ich habe in Deutschland gut verdient und wir machen jetzt einen großen Rückschritt, aber dafür sind unsere Wohnkosten geringer. Auf der anderen Seite - man bekommt so viel mehr. Wir leben mitten in der Natur. Das Leben in der Großstadt war keine Belastung, aber Kino, Theater oder Restaurants waren eher eine Ausgleichsbefriedigung. Ich vermisse gar nichts. Statt Verkehr sieht man Rehe oder Elche. Und traumhafte Nordlichter - das ist mit Geld nicht aufzuwerten. Was genießen Sie am meisten? Wir haben viel mehr Zeit für unser Familienleben. Bis zum Nachmittag kümmern wir uns um die Säuberung der Ferienhäuser und erledigen Büroarbeiten. Wenn der Kleine dann aus dem Kindergarten kommt, haben wir Zeit für ihn. Anders als in Deutschland: Ich habe dort gerne gearbeitet, aber irgendwann passte die Balance nicht mehr. In meiner Führungsposition war ich meist zehn-zwölf Stunden im Büro, habe mit der Familie zu Abend gegessen und oft noch zwei Stunden im eigenen Büro gesessen. Hätten Sie Ihr neues Leben nicht auch in Deutschland umsetzen können, vielleicht sogar am Teutoburger Wald? Das hätte in Deutschland bestimmt nicht geklappt. Die Mieten oder der Häuserkauf sind teurer. Deshalb wäre vermutlich finanziell nicht so viel dabei herumgekommen. Ich glaube nicht, dass unser Unternehmen in Deutschland so gut wie in Schweden laufen würde.

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