Gespräch zwischen Beraterin und Patient: In der Bielefelder Beratungsstelle der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) informiert Judith Storf (links) in Streitfällen mit der Krankenkasse oder Ärzten. Der Hilfesuchende (anonym) muss dafür nichts bezahlen. - © Jörg Dieckmann
Gespräch zwischen Beraterin und Patient: In der Bielefelder Beratungsstelle der Unabhängigen Patientenberatung (UPD) informiert Judith Storf (links) in Streitfällen mit der Krankenkasse oder Ärzten. Der Hilfesuchende (anonym) muss dafür nichts bezahlen. | © Jörg Dieckmann

Bielefeld Beratungsstelle für Patienten schließt: Callcenter übernimmt

Callcenter ohne lokale Kontakte wird Nachfolger / Bielefeld hat Alternativen

Bielefeld. Sie erklären Fachbegriffe aus Arztberichten oder die Wirksamkeit von Medikamenten, sie helfen bei Problemen mit Krankenkassen. Die Berater der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) widmeten sich im vergangenen Jahr 4.500 Mal den Sorgen Bielefelder Patienten. Seit Jahren wächst die Zahl der Hilfesuchenden. Trotzdem soll die Beratungsstelle in der Altstadt, wie auch bundesweit 20 weitere, Ende des Jahres schließen. Drei Gesundheitswissenschaftler kümmern sich um die Anliegen von Patienten in Bielefeld - meist im direkten Gespräch oder am Telefon. Dazu brauchen sie medizinisches und psychologisches Fachwissen. Und noch wichtiger: Rechtswissen. Denn im vergangenen Jahr setzten sie sich mit 3.533 Rechtsproblemen auseinander. 87 Prozent der Nutzer wurden ohne Wartezeit beraten. Die anderen mussten sich maximal ein paar Tage gedulden. In den meisten Fällen können die Berater direkt helfen. Falls nötig, werden Kontakte zu weiteren Institutionen vermittelt. Bielefeld sei ein Vorreiter bei dieser Arbeit, erläutert Karl-Werner Töpler, Sprecher der UPD Bielefeld. Die Beratungsstelle gibt es seit 30 Jahren. Damit existierte sie schon vor der Gründung der UPD. Mit der Eingliederung in die UPD wurde die Unabhängigkeit der Beratung gesetzlich geschützt. Obwohl der Spitzenverband der Krankenkassen die Kosten trägt, darf er keinen Einfluss auf die Beratung nehmen. Zuletzt wurden 4,5 Millionen Euro auf 21 Beratungsbüros verteilt. Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, reichte das nicht. Die UPD hoffte auf eine Aufstockung. Stattdessen soll nun das Duisburger Unternehmen Sanvartis die Patienten durch ein Callcenter versorgen. UPD-Sprecher Töpler bemängelt die räumliche Distanz. "Unsere Berater können auf kurzen Wegen weiterhelfen." Durch die Zusammenarbeit mit lokalen Angeboten wie Selbsthilfegruppen, Schuldenberatung oder psychologischen Diensten bekommen die Patienten zeitnah Hilfe. "Aber auch der Kontakt zu Krankenkassen gehört dazu. Töpler: "Die Berater kennen viele der lokalen Sachbearbeiter seit Jahren." Solche Beziehungen habe das Duisburger Callcenter nicht. Größter Knackpunkt an der neuen Patientenhilfe sei jedoch, dass Sanvartis auch als Dienstleister für Krankenkassen arbeitet. "Ich kriege Bauchschmerzen bei diesem Gedanken", sagt Töpler. Denn gerade Probleme mit der Krankenkasse gehören zu den Schwerpunkten bei der unabhängigen Beratung; diese machen in Bielefeld 24 Prozent der Anliegen aus. "Sanvartis ist zwar rechtlich unabhängig, aber auf moralischer Ebene habe ich meine Zweifel." Christiane Grote, Sprecherin der Verbraucherzentrale NRW, teilt diese Sorge: "Wir können nicht davon ausgehen, dass das Unternehmen unabhängig arbeiten kann." Zwar kennt sich Sanvartis im Gesundheitssektor aus, aber gerade bei Problemfällen mit der Krankenkasse, wird es heikel. "Sie geraten zwangsläufig in den Konflikt." Die Verbraucherzentrale gehört zusammen mit dem Sozialverband VdK Bielefeld zu dem Träger der UPD. Martin Huhn, Sprecher für Kommunale Sozialpolitik im VdK-Kreisverband Bielefeld, sagt, dass nur die UPD eine neutrale Beratung sicherstellen kann. Alternativen, wie der medizinische Dienst der Krankenkasse, können jedoch in vielen allgemeinen Fragen weiterhelfen. Die Krankenkassen seien nicht der Feind der Patienten, aber ihre Beratung zielt darauf, langfristig zu sparen. Huhn: "Das muss man im Hinterkopf behalten." Bei anderen Sorgen seien in Bielefeld zudem Selbsthilfegruppen eine alternative Stütze. Die Verbraucherzentrale in Bielefeld bietet außerdem Gesundheitsberatung in rechtlichen Belangen. Grote sagt: "Wenn beispielsweise eine Krankenkasse eine Leistung nicht gewährt, können sich Patienten für den Widerspruch beraten lassen."

realisiert durch evolver group