Magischer Augenblick: Der Einzug der Debütantinnen und Debütanten ist fester Bestandteil des Wiener Opernballs. Das gesellige Treiben konnte Witolf Werner seelenruhig vom Rande des Saals aus beobachten, bevor er sich selbst ins Walzergetümmel stürzte - linksdrehend, versteht sich. - © FOTO: DPA
Magischer Augenblick: Der Einzug der Debütantinnen und Debütanten ist fester Bestandteil des Wiener Opernballs. Das gesellige Treiben konnte Witolf Werner seelenruhig vom Rande des Saals aus beobachten, bevor er sich selbst ins Walzergetümmel stürzte - linksdrehend, versteht sich. | © FOTO: DPA

Bielefeld/Wien Ein Bielefelder dirigiert Wien

Witolf Werner eröffnet mit seinem Orchester den Opernball

Anna Mönks

Bielefeld/Wien. Für die Musiker des Freien Sinfonie-Orchesters Bielefeld (FSO) war es eine große Überraschung, als sie im Fernsehen die Live-Übertragung des Wiener Opernballs sahen: Von der Leinwand blickte ihnen ihr ehemaliger Dirigent, Witolf Werner, entgegen. Der 36-Jährige hat mit seinem Bühnenorchester den legendären Ball eröffnet - vor mehr als 5.000 Zuschauern allein im Saal. Eigentlich hätte er nervös sein müssen. Nervös angesichts der Masse an Zuschauern, der politischen und gesellschaftlichen Prominenz, der Fernsehkameras, der ganzen Erhabenheit der Veranstaltung. "Aber für Nervosität war gar keine Zeit. Es ist so, dass sich die Künstler im Haus umziehen, dann durch eine Seitentür die Oper verlassen und über den roten Teppich durch den Haupteingang wieder hineinlaufen. Dabei werden die Solisten interviewt, fotografiert und gefilmt. Draußen ist es unglaublich kalt und die ganze Prozedur dauert gut 45 Minuten. Und dann ging es auch schon los", beschreibt Witolf Werner. Den Auftritt hat der Dirigent, der von 2005 bis 2013 Kapellmeister am Bielefelder Stadttheater war, darum vor allem als sehr straff organisiert erlebt: "Der ORF (österreichischer Rundfunk, d. Red.) steuert das Ganze auf die Sekunde genau. Nachdem wir uns im Saal aufgestellt hatten, hatten wir eine Minute Zeit, bis der Bundespräsident eingetreten war, und dann habe ich auch schon das Startsignal bekommen." Fanfaren fallen absolut in unser Metier Bislang wurde die traditionelle Eröffnungs-Fanfare immer vom Opernballorchester gespielt; dieses Jahr ist diese Aufgabe zum ersten Mal dem Bühnenorchester der Staatsoper zugefallen. "Es bietet sich ja an, weil wir es gewöhnt sind, auch mal innerhalb von zwei Minuten unsere Höchstleistung abzurufen, gerade Fanfaren fallen absolut in unser Metier. Wir sind mit neun Trompeten, vier Posaunen und vier Tuben aufgetreten und haben diese Opernballfanfare musikalisch richtig ausgeschlachtet, denn so wie wir es gespielt haben, steht es natürlich nicht ganz in den Noten", erzählt der Dirigent amüsiert, und ergänzt: "Ich bin sehr stolz auf meine Musiker. Die sind so fit, das macht einfach Spaß". Den Rest der Eröffnung konnte Witolf Werner entspannt von der Seite des Saals aus beobachten, bevor er sich nebst Gattin Christiane Linke zum Eröffnungswalzer ins Getümmel stürzte - selbstverständlich links herum wie es sich gehört. Viel mehr als die Prominenz hat den Ex-Bielefelder dabei vor allem die Atmosphäre beeindruckt. "Es ist eine echte Hochkultur des Feierns. Kleider, Frisuren, Schuhe, auf das ganze Drumherum wird sehr viel Mühe verwandt. Für die Herren herrscht Frackzwang, im Smoking würde man gar nicht eingelassen. Und dann hängt man sich die Brust mit Orden voll und los geht?s, das ist ein tolles Bild", beschreibt Werner. Von Promis habe er dagegen nicht viel mitbekommen ("Ach doch, Naomi Campbell ist mir tatsächlich begegnet"), weil er sich mit seinen Kollegen zunächst in den Künstlerbereich zurückgezogen hat.Professionalität hinter den Kulissen Der Ball sei vor allem ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem es darum gehe, zu sehen und gesehen zu werden und natürlich auch geschäftliche Verabredungen zu treffen. "Beim Opernball trifft man nicht nur Publikum, das wegen der Musik in die Oper geht." Viel bedeutsamer sei für ihn daher die Stimmung hinter den Kulissen gewesen: "Die ist geprägt von hoher Professionalität, von Gelassenheit, von dem Willen musikalisch ein richtig gutes Ergebnis zu erzielen." Der Zusammenhalt unter den Künstlern der Staatsoper beeindruckt den 36-Jährigen noch immer. Die Übertragung im Fernsehen hat Witolf Werner sich natürlich schon angeschaut und hat sich wie die Musiker des FSO Bielefeld sehr über die Moderatoren amüsiert, die den glühenden Anhänger des FC Bayern München als "Borussen im Herzen" bezeichneten, offensichtlich weil er in Mönchengladbach zur Welt gekommen ist. Der Dirigent nimmt es gelassen: "Ich bin ja froh, dass sie meinen Vor- und Nachnamen nicht verdreht haben. Das passiert mir hier in Österreich leider öfter als in Bielefeld."

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