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Gedächtnisforscher: Hans Markowitsch von der Abteilung Psychologie der Universität Bielefeld. - © FOTO: PRIVAT
Gedächtnisforscher: Hans Markowitsch von der Abteilung Psychologie der Universität Bielefeld. | © FOTO: PRIVAT

Bielefeld Die digitale Verblödung

Technikbegeisterte Menschen sind von Gedächtnisschwäche bedroht

Elena Gunkel
10.02.2015 | Stand 09.02.2015, 21:35 Uhr

Bielefeld. Die Schüler des Friedrich-von-Bodelschwingh-Gymnasiums arbeiten im Unterricht oft mit Laptops und Tablets (die NW berichtete.) Doch nicht alle Eltern sind von der zunehmenden Digitalisierung an der Schule begeistert. NW-Leserin Marion Grages schrieb uns einen Brief, in dem sie digitale Medien an der Schule in Frage stellt, spricht gar über das Phänomen der digitalen Demenz. Die Wissenschaft ist sich noch uneins. Marion Grages verweist auf die Forschungen des Psychologen Manfred Spitzer von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Ulm. "Diese Forschungen zeigen, dass der Lernerfolg, den sich Schulen von dem m-book-Einsatz versprechen, nicht erkennbar ist", schreibt Grages. "Im Gegenteil - beobachtet wurden Lese- und Aufmerksamkeitsstörungen, Ängste und Abstumpfung." Das Phänomen der digitalen Demenz ist in der Neurologie seit etwa acht Jahren bekannt. "Über digitale Demenz spricht man dann, wenn der Mensch aufgrund von zu viel Umgang mit elektronischen Geräten aufhört, ausreichend selbst zu denken und sein Gedächtnis zu benutzen", erklärt Professor Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld. In der Abteilung für Psychologie beschäftigt er sich seit Jahren mit der Gehirn- und Gedächtnisforschung. Digitale Demenz sei die Folge der allgemeinen Verbreitung der mobilen Computer. Ohne Smartphone verlassen wir nicht mehr das Haus, Telefonnummern hat kaum noch jemand im Kopf. Auch bekannte Strecken werden immer öfter mit Hilfe von einem Navigationsgerät gefahren. Die Folge: Was man sich nicht selbst merken muss, wird schneller vergessen oder von vornherein nicht gelernt. "Durch die zunehmende Digitalisierung können Menschen nicht mehr so gut Daten im Kopf behalten", so bringt Markowitsch das Problem auf den Punkt. Besonders auffällig sei dieses Phänomen bei den technikaffinen Jugendlichen. In seinen Forschungen konnte der Neurologe ähnliche Ergebnisse wie Manfred Spitzer aus Ulm beobachten. "Uns ist aufgefallen, dass junge Leute Telefonnummern oder das Einmaleins nicht mehr aus dem Gedächtnis wiederholen können wie frühere Generationen", sagt Markowitsch. Auch die Kreativität leidet unter digitaler Demenz. "Wenn man weiß, dass man alle nötigen Informationen bei Google oder in Wikipedia finden kann, fällt es dem Gehirn immer schwerer, eigene Ideen zu entwickeln." Für die digitale Demenz sei laut Markowitsch zum Teil die schulische Erziehung verantwortlich, bei der kaum noch ein Gedicht auswendig gelernt und selbst für Grundrechenarten ein Taschenrechner benutzt wird. "Doch es hilft nicht, die Technik aus der Schule zu verbannen", sagt er. Im Gegenteil: "Wer als Jugendlicher keinen Zugang zu Computern hat, riskiert Probleme mit Gleichaltrigen und später auch Schwierigkeiten im Beruf", sagt der Wissenschaftler. Ende 2014 hat die Bertelsmann-Stiftung eine Studie zum Thema "Wie wirksam sind digitale Medien im Unterricht?" veröffentlicht. Diese zeigt, dass digitale Medien "große Potenziale" an der Schule haben. "Doch digitale Medien dürfen an der Schule nie zu einem Selbstzweck werden", sagt Christian Ebel von der Stiftung. "Sie sollen nur dann eingesetzt werden, wenn der Lehrer das für pädagogisch sinnvoll hält, zum Beispiel für eine individuelle Förderung der Schüler in bestimmten Unterrichtsphasen."

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