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Ein guter Slogan, gezeigt auf der Demo am 19. Januar: Weltlich orientierte Muslime warnen davor, nicht die falsche Wahl zu treffen und die falschen zu stützen. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Ein guter Slogan, gezeigt auf der Demo am 19. Januar: Weltlich orientierte Muslime warnen davor, nicht die falsche Wahl zu treffen und die falschen zu stützen. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld Jetzt reden die stillen Muslime

Wie bunt ist Bielefeld? Bielefelder türkischer Herkunft kritisieren Vereinnahmung von zwei Seiten

Ansgar Mönter
31.01.2015 | Stand 30.01.2015, 21:22 Uhr

Bielefeld. Zahlreiche weltlich orientierte Muslime sind sauer: auf Moschee-Funktionäre, die sich herausnehmen, in ihrem Namen sprechen; auf Politiker und Kirchenvertreter, die meinen, sich als ihre Schutzpatrone aufführen zu müssen. Mehrere Bielefelder mit türkischen und kurdischen Wurzeln haben die NW zum Gespräch eingeladen. Es sind engagierte Bürger der Stadt. Sie sind Muslime, Religion spielt in ihrem Leben aber keine vordergründige Rolle. Die Weltoffen-Demo vom 19. Januar veranlasst sie jetzt, sich zu äußern. Weil einige mit Ärger rechnen müssten, wird ihre Kritik ohne Namensnennung notiert. Die Moschee-Vereinigung Es gibt das Bündnis der Islamischen Gemeinden (BIG). 17 Moscheen, Vereine oder Stiftungen sind dabei. "Wir haben nichts gegen die Moscheen, aber gegen einen politisierten Islam", sagen sie. Von den etwa 50.000 Bielefeldern, die als Muslime gezählt werden, gehen vielleicht zehn Prozent in BIG-Moscheen, "die anderen identifizieren sich meist nicht mit den Aussagen, die das BIG in der Öffentlichkeit trifft." 90 Prozent lebten einen Alltagsislam, frei von Politik. Selbst innerhalb dieser Organisation gebe es erhebliche religiöse und ethnisch begründete Differenzen. Außerdem kritisieren die Säkularen manche antidemokratischen und integrationsblockierenden Tendenzen in den Moscheen. Der negative Einfluss des radikalen und orthodoxen Islams - über die türkische Regierung, die Gülen-Bewegung oder andere - sei deutlich spürbar. "Es wird schlimmer", sagen sie. Mit so einem Islam wollen sie nicht in Verbindung gebracht werden. Die "guten" Deutschen "Sie wollen uns alle ständig unter Artenschutz stellen", sagen sie. Das wird als diskriminierend empfunden. Weder die religiösen noch die nichtreligiösen Muslime seien besonders schutz- oder hilfsbedürftig. Und all? die, die den Islam immerzu pauschal in Schutz nehmen würden vor jeder Kritik, würden genauso verallgemeinern wie die Islamfeinde. "Sie schaffen sich einen idealen muslimischen Prototyp, der aber mit der Realität nichts zu tun hat." Dass die "Guten" jede Kritik am Islam meinen abwehren zu müssen und als politisch Rechts stigmatisieren, sei falsch, weil dadurch diejenigen, die nicht friedlebend seien und politische Ziele verfolgen - "und die gibt es" - geschützt würden. Die säkularen Muslime wünschen sich eine selbstbewusste Gesellschaft, die "stark genug ist, auch Nein sagen zu können" gegen eine Religionsauslegung, die die Menschen trennt statt zusammenbringt. Die Politiker In ihrem typisch deutschen Verbandsdenken wünsche sich die Politik in Bielefeld nichts sehnlicher als einen legitimierten Ansprechpartner auf muslimischer Seite. Die Moscheefunktionäre bieten sich an - und würden gerne genommen. So passiere es, dass das BIG als Sprachrohr für alle Bielefelder Muslime angesehen wird. "Damit schaden die Politiker vielen anderen Muslimen, die nicht religiös organisiert sind und denen Beruf, Bildung und Leben in der Gesellschaft viel wichtiger sind", sagen sie. Die Politik gehe - wie viele "Gutmenschen" - den Konservativ-Religiösen auf dem Leim. Die liberalen, friedlichen und integrierten Muslime würden zudem bei einem gerne angewandten politischen Prinzip übergangen, das sie so beschrieben: "Wer Probleme macht, kriegt Geld, damit das Problem kleiner wird. Wer keine Probleme macht, geht leer aus." Die Kirchen Sie sind in den Augen der weltlichen Muslime keine vertrauenswürdigen Partner, "weil sie letztendlich auch das Trennende betonen", sagen sie. Der Trialog in Bielefeld sei zwar schön und gut, bringe aber für die Integration kaum etwas. Eher sei es so, dass alle Seiten ihr Profil schärfen wollen dadurch. Die Kirchen erhofften sich insgeheim über die betonte öffentliche Religiosität im Islam auch eine Rückbesinnung der Menschen auf ihre christlichen Konfessionen. Die Schulen und Kitas Die Säkularen sprechen sich klar gegen einen bekenntnisorientierten Islamunterricht aus, weil sie fürchten, dass wieder die Moschee-Funktionäre die Richtung bestimmen. "Es darf nicht eine Gruppe nach vorne gestellt werden", warnen sie. Sinnvoller wäre ein allgemeiner ethischer Religionsunterricht. Aufklärungsschriften, die den friedlichen Islam stützen und den Radikalen keinen Raum geben, sollten schon in Kitas verteilt werden, "damit nicht einfach behauptet werden kann, Mohamed hätte dies und das gesagt, obwohl das gar nicht stimmt." Niemals dürften Schulen nachgeben, wenn es um verlangte Ausnahmen für muslimische Mädchen bei Klassenfahrten oder Schwimmunterricht geht. Das sei religiös sowieso nicht zu rechtfertigen, "außerdem machen die Funktionäre dann immer weiter, wenn ihnen erst einmal etwas erlaubt wurde".

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