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Die Arme gestreckt: Evelyn Hamann (r.) zeigt Leo Sieker (v. l.) und Ramiro Lechuga-Vilarino die korrekte Geste. Kim Nicolas Midding unterstützt seine Kommilitonin bei der Probe einer Musicalszene. - © FOTOS: WOLFGANG RUDOLF
Die Arme gestreckt: Evelyn Hamann (r.) zeigt Leo Sieker (v. l.) und Ramiro Lechuga-Vilarino die korrekte Geste. Kim Nicolas Midding unterstützt seine Kommilitonin bei der Probe einer Musicalszene. | © FOTOS: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld Hartes Training für den Traumberuf

Ein Vormittag in der Musik- und Schauspielschule

Heidi Hagen-Pekdemir
24.01.2015 | Stand 24.01.2015, 09:27 Uhr |

Bielefeld. Ihr Traumberuf: Tänzer, Schauspieler oder Sänger. Um dieses Ziel zu erreichen, studieren 30 junge Frauen und Männer an der Bielefelder Musik- und Schauspielschule. Fächer wie Recht und Betriebswirtschaft stehen ebenfalls auf dem Plan. Die Schmerzgrenze ist überschritten. Zum fünften Mal schon dringt dieser Refrain durch die geschlossene Tür. "Will do" reimt sich auf "you-know-who". Es ist die erste Strophe von One, einem Lied aus A Chorus Line, dem erfolgreichsten Broadway-Musical aller Zeiten. Auf Socken bewegen sich zehn junge Männer und Frauen, Studenten im ersten Semester über den Nadelfilz. Die rechte Hand an der Schläfe, zwei Schritte zurück, einen vor, Kniefall. "Fünf, sechs, sieben", zählt Evelyn Hamann (21) und klatscht in die Hände. "Stop, Stop, unterbricht Kim Nicolas Midding (20). "Achtet auf eure Körperspannung." "Und schaut mal auf den Boden, wie eure Füße stehen", fährt Thomas Modzel (41) dazwischen, der Leiter dieser einzigen Schauspielschule in der Region. "Ihr bildet keine gerade Reihe. Müsst ihr denn noch eine Gangschulung zusätzlich bekommen?" Hamann und Midding, der Bartträger mit einem Tattoo im Nacken, studieren beide im dritten Semester, haben zur Probe dieser Szene die Aufgabe der Dozenten übernommen. Körperspannung und lockerer Hüftschwung, dazu Gesang und eine entspannte Mimik - die Anforderungen sind hart. Gut vier Minuten dauert diese Musicalszene, die Probe dazu Wochen. "Innerhalb von zwei Tagen sind wir ungefähr 20 Sekunden weitergekommen", erzählt Modzel. Die Auswahl des Stücks begründet der Schauspieler und Lehrer: "Es zeigt, wie hart der Job des Schauspielers wirklich ist." Hart verläuft auch die Ausbildung. Sechs Uhr sind an diesem Morgen schon einige der Studenten aufgestanden. Der Unterricht beginnt um acht, zieht sich häufig über den ganzen Tag hin. Der Stundenplan für die Woche geht am Wochenende per E-Mail heraus. Außer Schauspiel, Rollenstudium und Tanz gehören auch Recht, Betriebswirtschaftslehre, Politik und Fechten zu den Fächern. Ebenso Yoga und Pilates. "Unser Körper ist unser Kapital", sagt Evelyn Hamann in einer Pause. Die täglichen Proben, der Sport - manchmal fühlte sie sich am Ende eines Schultags "total angeschlagen" Und diese ständigen Wiederholungen, die Musik, die Schrittfolgen - möchte man da nicht mal weglaufen? "Ein unbeschreibliches Glücksgefühl ist das, wenn man Fortschritte macht", sagt Ramiro Lechuga-Vilarino (20) lächelnd. Und Hamann spricht von der Leidenschaft, mit der sie auf ihren Traumberuf hinarbeiten. Erfolgreich sei allerdings nur derjenige, der "dieses Feuer in sich spürt". Die Kandidaten in TV-Castingshows - als potenzielle Konkurrenten im umkämpften Showbusiness sehen sie die nicht. "In diesen Sendungen sieht man doch meist Menschen, die diesen Beruf nicht von der Pike auf gelernt haben", wiegelt Midding ab. Als die Rede dann aufs Dschungelcamp kommt, bezeichnet Ramiro diese Serie als "Auffanglager" für erfolglose Künstler. Ihre Zukunft? Für Ramiro ist klar: Mich faszinieren finstere Rollen, die Darstellung psychopathischer Persönlichkeiten." Evelyn Haman zieht es eher in die Sparte Musical, und Nicolas Midding möchte am liebsten in Musikstücken und in Fernseh- und Spielfilmen mitspielen. Dass die Rollen ihnen nicht einfach zufallen, ist ihnen klar. "Wenn wir uns nicht selbst um ein Engagement kümmern, haben wir von Anfang an verloren", weiß der der Student schon jetzt. Für ihren Traumberuf würden sie übrigens vieles in Kauf nehmen, unter Umständen sogar Homestorys in der Klatschpresse.

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