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Bielefeld Martinsumzug-Debatte: Pfarrer im Interview

Armin Piepenbrink-Rademacher: "Shitstorm hat mich überrascht"

08.11.2014 | Stand 08.11.2014, 10:15 Uhr

Bielefeld. Eine massenhafte Negativ-Reaktion auf ein Thema im Internet bezeichnet der Duden als Shitstorm. Die Kritik sei meist unsachlich und höchst emotional heißt es in anderen Beschreibungen. Solche Schimpftiraden sind nach der Berichterstattung über den Artikel "Lichterfest statt Martinsumzug" über Armin Piepenbrink-Rademacher ausgeschüttet worden. Auch in einem von Islamfeindlichkeit geprägten Block hetzte man gegen ihn. Andrea Rolfes sprach mit dem Pfarrer über diese Erfahrung. Herr Piepenbrink-Rademacher, Sie sind in einen regelrechten Sturm der Entrüstung geraten. Was wirft man Ihnen vor? Piepenbrink-Rademacher: Ich möchte nicht die Leute zitieren in ihren unsäglichen Aussagen, aber ich nenne mal harmlosere Formulierungen. Ich sei ein Judas, verrate die christliche Tradition, richte die Kirche zu Grunde. Das sind Dinge, die mir vorgeworfen wurden. Kritisiert wurde, dass ich den heiligen Martin gegen eine Comicfigur des Theaters austausche. Als ob ich bewusst die christliche Tradition des Sankt Martins untergraben würde. Und darüber hinaus gibt es so unanständige und boshafte Formulierungen, die menschenverachtend waren. Wie viele Reaktionen haben Sie erhalten? Piepenbrink-Rademacher: Seit Mittwoch waren es etwa 500 Rückäußerungen. Der Shitstorm legt sich nun, einige Mail-Sender, etwa zehn an der Zahl, denen ich eine ausführliche Erklärung zusandte, haben sich entschuldigt, immerhin. Wie sehen Sie den Vorwurf, den Martin gegen eine Comicfigur ausgetauscht zu haben? Piepenbrink-Rademacher: Wir haben eine Kirche, die die Chance bietet, die Nähe Gottes zu spüren, wenn man sie betritt. Die Kirche ist ein besonderer Raum, eben kein Büro oder irgendein anderes Zimmer. Diese Atmosphäre schwingt mit, wenn bis zu 700 Eltern und Kinder vor dem Umzug in die Kirche kommen. Der Laternenumzug ist nicht so sehr für diese spirituelle Suche, sondern ein Erlebnis für Groß und Klein. Natürlich finden wir es nicht falsch und es ist kein Ausverkauf der Inhalte, wenn wir damit auch ein wenig für den Besuch des Weihnachtsmärchens werben. Was spricht dagegen? Wir machen Stadtkirchenarbeit, stehen mit dem Theater höflichst in Verbindung und haben uns oft gegenseitig geholfen. Warum sollen wir nicht so einen Gast wie den Ritter in der Kirche haben. Das war in früheren Jahren auch mal der Räuber Hotzenplotz oder Pettersson und Findus. Auf was kommt es Ihnen beim Laternenumzug besonders an? Piepenbrink-Rademacher: Auf der Basis der christlichen Tradition, auf der Basis des Teilens wird dieser Gedanke von Martin und die Martin-Legende natürlich als Auftakt in der Kirche für alle, die zum Umzug kommen, betont. Als Projekt, das wir mit dem Welthaus jedes Jahr neu auswählen, haben wir uns dieses Jahr entschieden, sehr arme Kinder und deren Familien in Guatemala zu unterstützen – das ist der Grundgedanke des christlichen Teilens. Es fällt also gar nichts weg, ganz im Gegenteil, der christliche Gedanke wird sogar betont. Trotzdem ist der Umzug offen für alle. Piepenbrink-Rademacher: Ja, wir laden bewusst auch Menschen in die Kirche ein, die nicht kirchlich geprägt sind und erfahren große Resonanz. Unsere Kirche ist konzeptionell offen, das bedeutet offen zum Dialog, offen zur Aufnahme von Themen und Diskussionen, aber nie unter Verwendung irgendwelcher beliebiger Haltungen. Wir bleiben doch stehen für unseren christlich evangelischen Glauben. Es geht nicht zuerst um Tradition, sondern um all das, was uns als Christen aus macht. Das behalten wir bei. Verzichtet der Umzug bewusst auf einen Gottesdienst? Piepenbrink-Rademacher: Bevor es los geht, sind wir eine halbe Stunde in der Kirche. Wir halten keinen Gottesdienst im engeren Sinne, sondern versuchen die unterschiedlichen Kooperationspartner einzubeziehen. Wir wollen nicht als Kirche voranmarschieren und zeigen, wie Martinsumzug anders geht. Wir sind vor 14 Jahren von der Kaufmannschaft angesprochen worden und haben mit Theater und Welthaus diese Form – auch aus Rücksicht zur Jodokus-Kirchengemeinde – gewählt. Das Angebot ist ja in all den Jahren ohne schwierige Diskussion sehr gern angenommen worden und hat Lebensfreunde ausgedrückt. Er hat sich inzwischen zum größten Umzug der Stadt entwickelt. Piepenbrink-Rademacher: Darauf kommt es uns nicht an. Stadtkirchenarbeit will auf unterschiedlichste Art arbeiten. Es geht um Kommunikation des Evangeliums im weitesten Sinne, es geht um Kommunikation dessen, was Kirche vorhalten kann in der heutigen Zeit, um Menschen in jüngeren Generationen zu erreichen. Was ist der Grund für die negativen Reaktionen der vergangenen Tage? Piepenbrink-Rademacher: Ich glaube, dass die aktuelle Diskussion über Isis-Gewaltverbrechen und über Jugendliche, die ohne Perspektive sind und sich zu Mördern ausbilden lassen, die Diskussion hoch emotionalisiert haben. Hinzu kommt ein Fanatismus, der nicht wirklich mit dem islamischen Glauben kompatibel ist. Es hat immer in Deutschland so etwas wie Vorbehalte gegen das Fremde und zum Teil gegen andere Religionen gegeben. Wie könnte man das ändern? Piepenbrink-Rademacher: Ich habe eine Überzeugung ohne naiv zu sein. Wenn wir wirklich mit Vertretern des muslimischen Glaubens sprechen könnten, dann wäre das bereichernd und öffnend. Dann müsste das normalerweise die Menschen in der Stadt erreichen. Aber hier gibt es durch die Emotionalisierung, durch die Radikalisierung Schwierigkeiten. Ich habe Zuschriften aus einem besonderen Lager bekommen, die so hasserfüllt waren, dass man sie schnell aus seinem Gedächtnis löschen sollte. Wie haben Sie darauf regiert? Piepenbrink-Rademacher: Ich war sehr überrascht von den Reaktionen – vor allen von denen im Internet. Ich möchte diesen Menschen mitgeben, erst einmal nachzufragen, bevor man andere Menschen in einer Art und Weise versucht zu zerstören oder zu verurteilen. Ich würde mir wünschen, dass sie genauer hinsehen und nicht einer solchen unglaublich negativen Bewegung Raum geben. Sie sollten fragen, was denn dahinter steht und sich nicht so billig in eine Kirchen- oder Pastorenschelte hinein begeben. Da haben die Leute gleich mit Kirchenaustritten gedroht. Ich würde mir wünschen, dass eine Sprache des respektvollen Umgangs miteinander gewählt wird, die uns weiter bringt. Man darf anderer Meinung sein, das kann man mit Selbstbewusstsein aushalten, aber man muss mindestens gesprächsfähig bleiben. Woher kommen diese heftigen Emotionen, dieser Hass? Piepenbrink-Rademacher: Es ist die Befürchtung, als würden wir Christen nicht selbstbewusst zu unserem Glauben stehen – und gedankenlos vor dem Terror zurückweichen, die eigenen Traditionen verraten. Und dann meint man, auf einen Pfarrer regelrecht "einschlagen" zu müssen, um sich anonym im Internet abzureagieren. Nun, wir werden ruhig und selbstbewusst im Sinne unseres reformatorischen Glaubens hier in Bielefeld weiterarbeiten.

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