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Bielefeld "Koran-Übersetzungen sind ein großes Problem"

Über Terror im Namen des Islams und die Unmöglichkeit des offenen Austritts

07.11.2014 | Stand 06.11.2014, 21:01 Uhr
Wolf Dieter Ahmed Aries (75) ist Lehrbeauftragter für "Zeitgenössischen Islam einschließlich Theologie und Rechtsschulen und Islam in Europa" an der Fakultät für Theologie der Uni Bielefeld. Dazu hat er mehrere Schriften publiziert. Aries trat als Jugendlicher dem Islam bei. Er war jahrelang Direktor der Volkshochschule Gütersloh.       - © FOTO: SARAH JONEK
Wolf Dieter Ahmed Aries (75) ist Lehrbeauftragter für "Zeitgenössischen Islam einschließlich Theologie und Rechtsschulen und Islam in Europa" an der Fakultät für Theologie der Uni Bielefeld. Dazu hat er mehrere Schriften publiziert. Aries trat als Jugendlicher dem Islam bei. Er war jahrelang Direktor der Volkshochschule Gütersloh.       | © FOTO: SARAH JONEK

Bielefeld. Etwa vier Millionen Muslime gibt es in Deutschland. Der Islam ist ein viel diskutiertes Thema im Land. Zur Fortsetzung dieser kritischen Kontroverse, teilweise zu einem Streitgespräch, entwickelte sich das Interview von Redakteur Ansgar Mönter mit Wolf Ahmed Aries (75), Lehrbeauftragter an der Universität Bielefeld.

Herr Aries, Sie sind Lehrbeauftragter für "zeitgenössischen Islam" an der Fakultät für Theologie. Was ist das?
Wolf Ahmed Aries: Den gibt es nicht. Bei 1,4 Milliarden Muslimen herrscht so eine große Vielfalt an Gläubigen, da ist es schwer, von einem zeitgenössischen Islam zu sprechen.

Sie erklären Studenten den Islam. Es wird also eine gemeinsame Grundlage geben.
Aries: Wenn man genau hinschaut, bleibt ganz wenig übrig. Zum einen das Bekenntnis, dass es nur einen Gott gibt, dass Mohammed sein Gesandter ist, der Koran die göttliche Offenbarung; und dann die Pflicht zum Gebet, zur Hadsch, der Pilgerreise nach Mekka, und dem Sakrat, der Almosenabgabe.

Wie gehen zeitgenössische Muslime mit dem um, worüber in der Welt gesprochen wird: mit dem Dschihad, dem Terror im Namen des Islams?
Aries: Terror ist ein weltweites Phänomen, keines des Islams. Alle öffentlichen Erklärungen und Stellungnahmen, die es seitens der Islam-Gelehrten dazu gibt, verurteilen den Terrorismus eindeutig, sie sagen, dass er kontrafaktisch ist.

Die Terroristen sind Muslime und berufen sich auf den Koran. Darin gibt es über 200 Verse gegen "Ungläubige". Sie werden herabgesetzt, verflucht, man soll sie nicht zu Freunden haben oder sie gar töten, unter anderem steht dort: "Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt" (47,4).
Aries: Diese Textstellen werden theologisch interpretiert, das ist ein großer Fehler. Sie sind nur Teil der lebendigen Auseinandersetzung ihrer Zeit vor 1.400 Jahren. Ich würde sie historisieren. Es ist bei 1,4 Milliarden Muslimen auch eine absolute Minderheit, die sie wortwörtlich und damit als Handlungsanweisung nimmt.

Aber wird es denen, die genau das tun, nicht sehr leicht gemacht, weil alle Muslime den Koran als Gottes direktes Wort betrachten?
Aries: Sicher gibt es eine Schwierigkeit: Der Islam hat keine einheitliche Lehrmeinung, keine Kirche. Jeder ist selbst verantwortlich vor Gott. Wir sind vielfältig, und damit haben wir 1.400 Jahre sehr gut gelebt. Jeder Muslim fragt sich: Ist es rechtgelehrt, was ich tue? Im Islam gilt die Ethik des Alltags. Wir sind Orthopraktiker. Jede kleinste Tat zählt. Und der Koran spricht von der guten Tat. Eine Mehrheit lehnt Taten wie die der Terroristen schlicht ab.

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