Bielefeld Das Ende eines Doppellebens

Wenn ein verheirateter Mann seine Homosexualität spät entdeckt

Bielefeld. Ehefrau, Kind, ein eigenes Haus mit Garten - Jahrelang lebte Michael Schmidt (Name geändert) das klassische Modell der bürgerlichen Kleinfamilie. Bis zu dem Tag, an dem seine Frau herausfand, dass er schwul ist. "Ich hätte, glaube ich, nie den Mut gehabt, es zu sagen", sagt Michael Schmidt heute. Jahrelang war seine Homosexualität ein streng gehütetes Geheimnis. Zwar schaute Schmidt sich schon als Jugendlicher im Wäschekatalog lieber Männer- als Frauenmodels an. Doch die Frage, ob er vielleicht schwul sei, schob er beiseite. "Ich dachte dann jedes Mal: "Das kann nicht sein, das darf nicht sein" und habe den Gedanken wieder verdrängt", sagt der heute 45-Jährige. "Ich bin den Weg des geringsten Widerstandes gegangen und habe das gemacht, was die Gesellschaft von mir erwartet hat." Erst als Schmidt schon mehrere Jahre verheiratet war und bereits einen Sohn hatte, zog ihn die Neugier zum ersten Mal in eine Sauna für Schwule. "Da konnte ich zum ersten Mal offen mit jemandem reden." Während seiner Kindheit und Jugend in einem konservativen Elternhaus mitten in Ostwestfalen sei das Thema Homosexualität tabu gewesen. Als Familienvater knüpfte er die ersten Kontakte zur Schwulenszene, machte Bekanntschaften in Chats und hatte hin und wieder Affären während Dienstreisen. Dabei achtete er darauf, alle Spuren auf Computer und Smartphone zu verwischen. "Ich habe immer alles akribisch gelöscht, aber als hätte es so sein sollen, hatte ich eine SMS vergessen", sagt Schmidt. Genau die las eines Abends seine Ehefrau und stellte ihn zur Rede. Ihre Reaktion war überraschend: Sie machte ihrem Mann nur wenige Vorwürfe und hatte sogar Verständnis für die Qualen, die ihm das jahrelange Versteckspiel bereitet hatte. "Dann haben wir 14 Tage lang jeden Abend zusammen geheult", erzählt Schmidt. Irgendwann machte seine Frau ihm ein ungewöhnliches Angebot: Sie würde seine Affären mit Männern akzeptieren, solange er ihr nichts mehr verschwieg. "In dem Moment war es für mich die optimale Lösung - ich konnte meine Familie behalten, mein Gesicht wahren und trotzdem ein Stück weit so leben, wie ich es seit langem wollte", sagt Schmidt. Ein gutes Jahr lang blieben beide ein Paar, niemand erfuhr von Schmidts Homosexualität oder seinen Affären. Seine Frau begleitete ihn sogar auf Partys mit dem Motto "Gaypeople and Friends". "Das waren fast die schönsten 14 Monate unserer Beziehung", sagt Schmidt rückblickend. Endlich habe es keine Geheimnisse und unterdrückte Gefühle mehr gegeben. Irgendwann entschied sich seine Frau dann aber doch, die Beziehung zu beenden. "Für mich ist in dem Moment eine Welt zusammengebrochen", sagt Schmidt. Plötzlich waren lauter Ängste da: vor der Trennung, dem Hausverkauf, dem Outing, der Reaktion von Eltern, Freunden und Geschäftspartnern. Und vor der schwersten Hürde: Irgendwie musste er seinem damals neunjährigen Sohn von seiner Homosexualität erzählen. In einer Beratungsstelle bekam er den Tipp, möglichst offen und unaufgeregt zu sein. Sein Sohn sei zwar traurig darüber gewesen, dass er aus seinem bisherigen Zuhause ausziehen sollte. Dass sein Vater nun Männer liebte, sei für ihn allerdings kein Problem gewesen. "Ich denke, er hat vor allem deshalb nicht darunter gelitten, weil wir keinen Streit hatten", meint Schmidt. In der Schule gab es zwar einige Hänseleien, doch die habe der Grundschüler einfach mit Schweigen quittiert. Bis heute ist das Verhältnis zwischen den Eltern freundschaftlich. Mittlerweile leben sie getrennt. Der inzwischen zwölfjährige Sohn verbringt ab und an die Wochenenden bei seinem Vater. Wesentlich toleranter als erwartet waren auch die Reaktionen von Freunden und Verwandten auf Schmidts spätes Coming-out. Gerade erst haben beide Familien zusammen den Geburtstag des Sohnes gefeiert.

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