Bielefeld Zu Besuch in der Unterwelt

REPORTAGE: Im Bunker unter dem Bahnhofsvorplatz

VON ARIANE MÖNIKES

Bahnhofsmanager Martin Nowosad zehn Meter unter dem Bahnhofsvorplatz. Licht gibt es nur aus der Taschenlampe. Der Boden ist feucht, von den Wänden blättert die Farbe ab. - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Bahnhofsmanager Martin Nowosad zehn Meter unter dem Bahnhofsvorplatz. Licht gibt es nur aus der Taschenlampe. Der Boden ist feucht, von den Wänden blättert die Farbe ab. | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. Der Hauptbahnhof lebt: Das Reisezentrum ist frisch renoviert, der Vorplatz erhält neue Fahrradständer – und McDonald’s wurde gerade erst erweitert. Unterhalb des Bahnhofsvorplatzes aber steht das Wasser auf dickem Betonboden.  Genutzt wird der Tiefbunker schon lange nicht mehr. Ein Abriss aber wäre zu aufwendig, sagt Bahnhofsmanager Martin Nowosad. Die Neue Westfälische hat einen Blick in die Unterwelt geworfen.

Bahnhofsmission Bielefeld. Seit 1945 kümmern sich Ehrenamtliche hier um Menschen, die Hilfe benötigen. Strafentlassene, Aussiedler, Behinderte.

Marcel Bohnenkamp (42) leitet die Einrichtung seit fünf Jahren. 200 Frauen und Männer kommen täglich zu ihm und den knapp 25 ehrenamtlichen Mitarbeitern. "Ende des Monats oft mehr", sagt er. Heute sind es oft Junkies, Obdachlose, Prostituierte und alleinreisende Kinder, die sich an die Bahnhofsmission wenden.

Die Bahnhofsmission arbeitet am Zugang zum Bunker unter dem Bahnhofsvorplatz. Das Tor zur Unterwelt. Nichts erinnert in den hellen Räumen an die Zeit, als der Betonbau während des Zweiten Weltkrieges bis zu 1.000 Menschen Schutz vor Luftangriffen bot. Hinter einer Kiste mit Brot und Bananen öffnet Bahnhofsmanager Nowosad eine schwere Stahltür. Es geht ein paar Stufen hinab in die Dunkelheit.

Zehn Meter unterhalb der Stadt. Einen Lichtschalter gibt es noch, aber die Leuchtstoffröhre oben an der Decke flackert. Es ist kaum etwas zu erkennen. Ohne Taschenlampe ist man verloren in der Tiefe. Der Bunker ist in zwei größere Räume aufgeteilt, von denen mehrere kleine abgehen. Ein Labyrinth. Eine alte Ledercouch steht an der Wand, eher eine Pritsche. Davor ein Defibrillator. "Aus den 70er Jahren", sagt Nowosad. Damals war der Bunker noch für den Notfall ausgestattet.

Der Toilettenraum. Einer von mehreren. Es riecht muffig. "Hier ist seit Jahren nicht saniert worden", sagt Nowosad. Der Bunker gehört der DB-Netz AG, sie nutzt ihn nur noch sporadisch als Lagerraum. Ein paar Lampen liegen noch in einem Regal, ebenso Toilettenpapier. "Wir haben keine Verwendung mehr für den Bunker", sagt der Bahnhofsmanager. Ab und zu komme noch jemand hier runter. Aber die Öffentlichkeit bekommt von der Unterwelt nichts zu Gesicht.

Einmal im Jahr nur, zum Tag des offenen Denkmals im September, öffnet Martin Nowosad die Türen des Bunkers, wenn er die Besucher durch das denkmalgeschützte Empfangsgebäude des Bahnhofs führt. "Diese Termine sind immer ganz schnell ausgebucht." Die Bielefelder wollen einen Blick in die Unterwelt werfen. "Das ist ja auch etwas Besonderes." An den Wänden ist noch zu lesen, dass Frauen und Männer hier früher getrennt wurden, wenn sie Schutz suchten. "Das war damals eben so."

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