Bielefeld Mehr vom Rohstoff Bildung

Die drei Weiterbildungskollegs ringen um einen größeren Bekanntheitsgrad

von kurt ehmke
Peter Milsmann (Abendrealschule), Burghard Hoge und Margret Hagen (beide Westfalen-Kolleg), Ute Weber (Abendgymnasium), Hans-Ulrich Wildeboer (Abendrealschule) sowie Sven Meyering (Abendgymnasium). - © FOTO: ANDREAS ZOBE
Peter Milsmann (Abendrealschule), Burghard Hoge und Margret Hagen (beide Westfalen-Kolleg), Ute Weber (Abendgymnasium), Hans-Ulrich Wildeboer (Abendrealschule) sowie Sven Meyering (Abendgymnasium). | © FOTO: ANDREAS ZOBE

Bielefeld. "Wer das schafft, ist belastbar – und darauf kann sich jeder Arbeitgeber freuen", sagt Hans-Ulrich Wilde-boer von der Abendrealschule. Am Tisch sitzen die Kollegen von Abendgymnasium und Westfalen-Kolleg – alle miteinander stehen sie für den zweiten Bildungsweg in Bielefeld. Und alle nicken bei Wildeboers Satz. Sie wissen: Wer ohne Schulabschluss den Weg zur Abendrealschule findet und wer mit Berufsausbildung an den beiden anderen Schulen höhere Abschlüsse anstrebt, der weiß, worum es geht. In Kürze beginnt die heiße Zeit der Anmeldung.

Gut 1.250 Schüler kämpfen an den drei Weiterbildungskollegs um bessere Schulabschlüsse, um bessere Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. "Sie zapfen den Rohstoff Bildung noch einmal an", bringt es Sven Meyering vom Abendgymnasium auf den Punkt. Kämpfen ist das Wort, das positiv umschreibt, was die jungen Erwachsenen – überwiegend 20 bis 25 Jahre alt – leisten. Es sind Menschen, die weiterkommen wollen: Alleinerziehende Mütter; Menschen mit Migrationsgeschichte; Leute mit Job, die mehr wollen; Spätstarter mit Ambitionen Richtung Uni und Fachhochschule. Kurz: Lernwillige, die morgens, mittags oder abends dazulernen wollen.

Alle drei Weiterbildungskollegs, die ihre Schüler Studierende nennen, sind gut besucht, haben aber den Eindruck, dass mehr Menschen den zweiten Bildungsweg durchlaufen könnten. Eines ihrer Probleme: Zu wenige wissen, was genau sich hinter den Namen verbirgt, vor allem das Westfalen-Kolleg wird gerne mit einem Berufskolleg verwechselt. "Früher hießen wir Institut zur Erlangung der Hochschulreife", sagt Margret Hagen. Auch sperrig, aber dennoch etwas präziser und sich selbst erklärend.

Links zum Thema
www.weiterbildungskollegs-nrw.de

Vereinfachend erklärt ist das das Angebot der in den 60er und 70ern gegründeten Schulen:

Am Westfalen-Kolleg werden tagsüber das Abitur und die Fachhochschulreife angeboten – für Menschen mit Berufsausbildung und Zeiten im Job; Menschen, die jetzt aber ohne Beschäftigung sind. Schulträger ist das Land NRW.

Das Abendgymnasium bietet quasi dasselbe, nur berufsbegleitend; wer hier anfängt, arbeitet parallel und lernt deshalb abends – seltener auch vormittags. Schulträger ist die Stadt.

An der Abendrealschule ist es ähnlich, nur geht es mit und ohne Job und die Ziele sind niedriger gesteckt – es geht um zwei Hauptschulabschlüsse und den Mittleren Schulabschluss. Und es gibt auch Lernen am Vormittag – das liegt im Trend. Schulträger ist die Stadt.

Hinzu kommen viele Sprach-lernangebote – an allen Schulen, da der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte an allen hoch ist, zwischen 30 und 60 Prozent. Neben Deutsch dominiert Englisch.

Zu den vielen Zerrbildern, die sich rund um die drei Schulen offenbar festgesetzt haben, gehört auch jenes, dass die Abschlüsse nicht mit jenen des ersten Bildungsweges vergleichbar sind. Meyering: "Das ist falsch, wir bieten absolut vollwertige Abschlüsse, beim Abi ist es sowieso das Zentral-Abitur."

Je nach Schule und Jahrgang schaffen es 40 bis 60 Prozent der jungen Erwachsenen, die Weiterbildungskollegs mit einem verbesserten Abschluss zu verlassen. Die, die es nicht schaffen, "brechen fast immer im ersten oder zweiten Semester ab", sagt Wildeboer – also so früh, dass sie nicht allzu viel verloren haben. Die anderen schaffen, auch von den Noten her, ein vergleichbares Niveau wie die Schüler auf dem ersten Bildungsweg.

Später gelten sie sogar oft als besonders leistungsstark. Gut organisiert, leistungswillig, bodenständig – drei Attribute, die die Schulleitungen ihren Schülern gerne zuschreiben.

Dazu passt, dass alle die Erfahrung gesammelt haben, dass stark belastete Menschen wie alleinerziehende Mütter besonders leistungswillig und -stark sind. Auch wenn viele "am Anfang erst den Kulturschock verdauen müssen, dass sie wieder in der Schule sitzen", sagt Meyering. Dann aber packten sie oft die Chance am Schopf – "denn es ist immer eine sehr bewusste Entscheidung, zu uns zu kommen", sagt Hagen.

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