Bielefeld Bielefelder Russin kritisiert Putins Poker

Dr. Tatjana Zimenkova, Wissenschaftlerin an der Uni, über Kriegs-Propaganda und mutige Landsleute im Heimatland

Von Ansgar Mönter
Dr. Tatjana Zimenkova von der Uni Bielefeld. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Dr. Tatjana Zimenkova von der Uni Bielefeld. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Seit 13 Jahren blickt Dr. Tatjana Zimenkova von Bielefeld aus auf ihre russische Heimat. Die Soziologin, in Petersburg geboren und aufgewachsen, sieht von hier aus einen russischen Präsidenten Putin, der sie verwundert und "der vielleicht nicht so stark ist, wie es erscheint". Sein aggressives Verhalten nach außen im Krim-Konflikt mit der Ukraine sowie die Repressalien gegen die Opposition im eigenen Land könnten darauf hinweisen, sagt sie, "dass die Angst Putins anscheinend groß ist."

"Ein Regime, dass wirklich stark wäre, hätte das eigentlich nicht nötig", vermutetet die 36-jährige Russin. Was das nun für die Kriegsgefahr rund um die Halbinsel Krim bedeutet, kann die Wissenschaftlerin nicht beurteilen. Ob Putin bis zum Äußersten geht? Sie hofft es nicht. "Es ist auf jeden Fall ein intensives Pokern, und die russische Seite pokert hoch. Sie geht auf’s Ganze."

Zimenkova hat Kontakt zu Kollegen in Russland. Noch gestern hat sie sich ausgetauscht mit einer Wissenschaftlerin in St. Petersburg. "Sie hat mir erzählt, dass es wichtig wäre zu erwähnen, dass es überall in den größeren Städten in Russland Demonstrationen für den Frieden gegeben hat." Trotz kontrollierter Medien würden längst nicht alle Russen die Regierungspropaganda glauben – wobei die allgegenwärtig und professionell arbeiten würde. "Es gibt nur einen Radiosender, der kritisch berichtet. Ansonsten noch das Internet und die sozialen Medien", sagt Zimenkova. Zahlreiche Russen haben aber kein Smartphone oder Internet – oder nutzten es nicht für politische Informationen. Vielleicht ist das der Grund, warum das Internet – für sie sehr erstaunlich – in Russland noch nicht kontrolliert wird.

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"Skrupelloser Aggressor"

Als Aggressor bezeichnet Olena Turow-Boyanevska (35) Putin. Die 35-jährige Soziologin stammt aus der Ukraine, wohnt seit 2004 in Bielefeld. Sie sagt, Putin betreibe "skrupellose Propaganda", auch in ihrem Heimatland.

"Die russischsprachigen Ukrainer sehen russisches Fernsehen und glauben, dass die Demonstranten vom Maidan entweder Faschisten oder vom Westen bezahlt sind." Turow ist sich sicher, dass Putin keinen stabilen ukrainischen Staat haben möchte, er werde alles daran setzen, das Land zu schwächen und zu spalten.

Allerdings vermutet sie, dass ein heißer Krieg für ihn am Ende doch zu riskant sei. "Dann verlieren er und Russland noch mehr an Ansehen."

Die einzige Informationsquelle vieler Menschen seien oft die staatlich gelenkten Medien, "und irgendwann fangen die Leute an, das zu glauben, was die berichten", sagt sie. Im staatlichen TV werde berichtet, dass Russen in der Ukraine um ihr Leben fürchten müssten, dass sie vertrieben und verfolgt werden. Doch die Lügen und die Hetze seien nicht der einzige Grund für die Krise. Zimenkova macht neben Russland die EU und die USA mitverantwortlich für den Konflikt. Auch sie hätten in der Ukraine Interessen versucht durchzusetzen.

Die Bielefelder Wissenschaftlerin mit russischem Pass findet es mutig und bewundernswert, dass trotz staatlichen Allmacht und Unterdrückung gegen freie Meinungsäußerung in Russland Menschen auf die Straße gehen und gegen Putin oder die Politik protestieren, "obwohl sie wissen, dass sie festgenommener werden können dafür, aber sie nehmen es in Kauf".

Tatjana Zimenkova hängt an ihrem russischen Pass, doch zurückkehren in das Land kann sie sich nicht vorstellen. "Die Unis dort würden mich auch nicht haben wollen", sagt die Soziologin mit Spezialgebiet Politische Bildung für Lehrer. Dabei bräuchte Russland Leute wie sie, die über Bildung demokratische Werte und freies Denken vermitteln. Ob der Weg dafür in Russland jemals beschritten wird? Zimenkova rätselt selbst darüber. "Dafür", sagt sie, "müsste die Regierung wechseln oder etwas sehr Dramatisches passieren."

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