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Bielefeld Ärztin ohne Grenzen

Nominiert für den Frauenpreis Barbara Kroll, "StreetMed"

VON ARIANE MÖNIKES
31.01.2014 | Stand 30.01.2014, 21:14 Uhr |
Barbara Kroll beim Sozialdienst an der Viktoriastraße, ein Treffpunkt für Menschen in besonderen Lebenslagen. Die begleitet sie oft über Jahre. - © FOTO: WOLFGANG RUDOLF
Barbara Kroll beim Sozialdienst an der Viktoriastraße, ein Treffpunkt für Menschen in besonderen Lebenslagen. Die begleitet sie oft über Jahre. | © FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Sie betreibt eine Praxis auf Rädern, "StreetMed" steht auf ihrem Wagen. Zu ihr kommen Punks, Alkoholabhängige, Drogensüchtige und Menschen ohne Papiere: Barbara Kroll ist Allgemeinmedizinerin, seit 18 Jahren arbeitet sie als Hausärztin auf der Straße. Berührungsängste kennt sie nicht.

1995 wurde sie gefragt, ob sie nicht bei "StreetMed", ein Angebot der von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, mitmachen wolle. Ein Service, den es neben Bielefeld auch in Münster, Dortmund und Köln gibt. "Ich hatte Erfahrungen in der Chirurgie", sagt Kroll. "Und suchte immer den direkten Kontakt zu Menschen." Lange musste sie nicht überlegen, erzählt sie. Seit 1996 fährt sie mittlerweile schon mit ihrer mobilen Praxis durch die Stadt.

Information

Zur Person

Barbara Kroll wurde am 5. Juni 1956 in Bielefeld geboren.

Sie machte an der Luisenschule ihre Mittlere Reife und anschließend eine Ausbildung zur Buchhändlerin.

Danach ging sie aufs Abendgymnasium, machte ihr Abitur und studierte von 1982 bis 1989 Medizin in Düsseldorf und Essen.

Nach dem Examen arbeitete sie in der Chirurgie im Kreiskrankenhaus in Lübbecke, danach als Assistenzärztin in Gilead I in Bethel.

Im vergangenen Jahr heiratete sie nach 34 Jahren Beziehung ihren Mann.

Es gibt Patienten, die betreut sie seitdem. "Zu einigen komme ich jeden Tag." Sie begleitet Tumorpatienten, kommt zum Verbandswechsel zu ihren Patienten und besucht sie im Krankenhaus.

130 Patienten darf sie pro Quartal behandeln, sagt Kroll. "Meistens sind es mehr."

Morgens ist Barbara Kroll immer erst beim Sozialdienst an der Viktoriastraße 10, ein Treffpunkt für Menschen in besonderen Lebenslagen. Hier hat sie ein Zimmer, in dem sie arbeiten kann. Den Laptop bringt sie mit, in einem Rucksack. "Mein mobiles Büro", sagt Kroll.

Das Kartenlesegerät kommt hier rein, medizinische Gegenstände, die sie sonst noch braucht.

75 Prozent ihrer Klienten sind Männer, erzählt sie. Viele davon seien alkoholabhängig. Da ist viel Aufklärungsarbeit nötig.

Barbara Kroll hat den gesamten Menschen in Blick, will ihm eine ganzheitliche Gesundheitsvorsorge bieten. "Das hier ist keine Fünf-Minuten-Medizin", sagt sie. Für viele Erkrankungen gebe es Tabletten, die sie ihren Patienten verabreichen kann. "Viel wichtiger aber ist das Gespräch mit den Menschen und ihre Hintergrundgeschichten." Allein mit der Medizin sei es nicht getan. Der Großteil ihrer Patienten habe keine Familien, keine Freunde.

Wenn die Betroffenen Vertrauen zu ihr gefasst haben, lassen sie sich von ihr behandeln. Es hat sich in der Stadt rumgesprochen, dass man mit allen Wehwehchen zu ihr kommen kann. "Viele schämen sich, zu einem Allgemeinmediziner zu gehen", sagt Kroll. Sie akzeptiert ihre Patienten, so wie sie sind. Egal, ob sie nach Alkohol riechen oder sich mehrere Tage nicht gewaschen haben. Sie habe kein Problem, diese Menschen anzufassen. "Ich habe auch schon Patienten geduscht, die voller Läuse waren", erzählt Kroll. Finanziert wird das Projekt "StreetMed" durch eine Fallpauschalregelung, an der die Kasssenärztliche Vereinigung, die Stadt und die Krankenkassen beteiligt sind. Aus Bethel kommen Spenden hinzu.

Donnerstags von 10 bis 12 Uhr steht Barbara Kroll mit ihrem Auto vor dem Rathaus. Das Fahrzeug ist ausgestattet mit den wichtigsten medizinischen Gegenständen und Arzneimitteln. "Das hat keinen Wohnwagen-Charme", sagt Kroll. "Die Patienten sollen sich wie in einer Praxis fühlen." Auch Zahnbürsten und frische Wäsche hat Kroll mit im Gepäck.

Barbara Kroll ist eine Netzwerkerin, sie hat guten Kontakt zu Sozialarbeitern und Fachärzten. "Das funktioniert in Bielefeld unheimlich gut."
Gemeinsam mit Sozialarbeitern sucht Kroll auch die typischen Plätze der Obdachlosen in Bielefeld auf. "Wir zeigen ihnen, wie sie sich vor der Kälte schützen können."

Fünf bis zehn Menschen, schätzt sie, leben in Bielefeld auf der Straße, machen Platte, wie es unter den Obdachlosen heißt. Aber unzählige weitere übernachten in Notunterkünften oder kommen bei Freunden unter. "Sie sind mal hier, mal dort", sagt sie. Schätzungsweise 400 Männer und 150 Frauen in Bielefeld.

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