0

Bielefeld Uni Bielefeld: Rechts-Klick im Internet

Vortrag über Nazis in Sozialen Netzwerken

17.01.2014 | Stand 16.01.2014, 16:36 Uhr

Bielefeld. Einst marschierten sie durch Straßen, heute durch das World Wide Web. Längst hat die rechtsextreme Szene das Internet für sich entdeckt – und nutzt es auf unterschiedlichsten Wegen zu Propaganda- und Rekrutierungszwecken. Die Universität Bielefeld reagierte jetzt auf das Phänomen: Im Rahmen der Kampagne "Uni ohne Menschenfeindlichkeit" informierte die Initiative "no-nazi.net" interessierte Studenten über die Machenschaften von Nazis in sozialen Netzwerken. Es gehe ihm nicht um offensichtliche Naziportale, betont Johannes Baldauf. Auch nicht um Musiklabels, Versandhäuser oder Nachrichtenseiten rechter Gesinnung. "Insgesamt", so listet der Referent auf, "gibt es derzeit etwa 7.000 rechtsextreme Webangebote." Das Erschreckende: Rund 5.500 davon spielen sich im sogenannten social Web ab. Erschreckend deshalb, weil in den Netzwerken um Facebook, Twitter und Co. ein enormes Potenzial zur Verbreitung rechtsextremen Gedankenguts steckt. "26 Millionen Facebook-Profile sind alleine in Deutschland registriert", untermauert Baldauf seine These. Und alle könnten zumindest theoretisch zu Empfängern menschenverachtender Stimmungsmache werden. Dass davon jede Menge zu finden ist, weiß Baldauf aus eigener Erfahrung. Nur wenige, so seine Beobachtung, treten dabei so plump auf wie der Facebook-Nutzer "Wehrmacht Unterfranken", der sich mit Reichskriegsflagge zeigt und seinen Beruf als "Gasmann bei der KZ GmbH" angibt. "Das ist offensichtliche Provokation", so Johannes Baldauf. Auch verbreitete und vermeintlich lustige Bilder mit hetzerischen oder antisemitischen Inhalten ordnet er in diese Kategorie ein.Drauf achten, was man anklickt Wesentlich subtiler gehe da schon die NPD vor. Dass sich die rechtsextreme Partei im Beliebtheitsranking auf Facebook mit rund 56.000 Fans noch vor der FDP, den Grünen und der Linkspartei einordnet, liege an der ausgefeilten Strategie der Nationaldemokraten. "Die rekrutieren ihre Anhänger über Unterseiten und Veranstaltungen, bei denen sie sich hinter massentauglichen Themen verstecken", erklärt Baldauf. Als eines von vielen Beispielen nennt er die Facebook-Veranstaltung "1.000.000 Stimmen gegen Kinderschänder": Rund 800.000 Menschen hatten dem populären Anliegen ihre Unterstützung zugesichert. Dass das Event von der Seite "Deutschland gegen Kindesmissbrauch" erstellt wurde, die wiederum mit der NPD korrespondiert, scheinen die meisten dabei übersehen zu haben. "Andere klickten aber auch gleich bei den NPD-Seiten auf ‚Gefällt mir‘", sagt Bald-auf. Die Folge: ein sprunghafter Anstieg an Parteisympathisanten. Ähnlich verhalte es sich mit anderen besetzten Themen, wie etwa soziale Gerechtigkeit, Natur- und Tierschutz. "Dafür sind viele Nutzer empfänglich." Auf neutralen Seiten, so beobachtet Baldauf, versuchen Nazis derweil ihre eigenen Auftritte zu bewerben oder andere Nutzer mit menschenverachtenden Kommentaren einzuschüchtern. "Auch der Facebook-Auftritt der Uni Bielefeld war bei Kampagnenstart davon betroffen", berichtet Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Besorgniserregend findet er insbesondere, dass "derlei Statements nicht im Netz bleiben, sondern nach außen getragen werden". Das Problem kennt auch Johannes Baldauf. Sein Rat an alle Internetnutzer: "Position beziehen, Zivilcourage zeigen und Seiten und Nutzer im Zweifelsfall melden." Mittlerweile nämlich kooperieren die meisten Netzwerke mit "no-nazi.net" und bemühen sich, bei rechtsextremen Vorkommnissen zu intervenieren.

realisiert durch evolver group