Bielefeld Ein nobler Genosse

Herbert Hinnendahl, ehemaliger Oberbürgermeister, würde heute 100 Jahre alt

VON WILFRIED MASSMANN

Herbert Hinnendahl (rechts) mit (v.l.) Klaus Schwickert, Volker Hausmann und Walter Stich 1989.
Herbert Hinnendahl (rechts) mit (v.l.) Klaus Schwickert, Volker Hausmann und Walter Stich 1989.

Bielefeld. 12 Jahre lang, von 1963 bis 1975, war Herbert Hinnendahl Oberbürgermeister in Bielefeld. Er hat die Folgen der Nachkriegszeit bereits als Stadtrat mit bewältigt, die Kommunale Neugliederung 1973 befördert, die Errichtung der Universität mit angestoßen und in zähen Verhandlungen die Elektrifizierung der Bundesbahnstrecke Hamm – Wunstdorf erreicht. Der spätere Ehrenbürger und langjährige AOK-Chef war ein nobler Genosse von Gestalt und Gemüt. Ende 1993, fast 80-jährig, erlag er einem tückischen Leiden. Auf dem Friedhof in Sudbrack liegt er neben seiner Ehefrau Hildegard begraben. Heute wäre er 100 Jahre alt geworden.

Geboren am 2. Januar 1914 in Sudbrack ist auch der junge Hinnendahl erst 1930 durch Eingemeindung der einstigen Bauernschaft in Schildesche zum echten Bielefelder. geworden. Armut und Not vieler Menschen in jener Zeit sind einer Generation hundert Jahre später kaum mehr vorstellbar. Der Vater arbeitete – wenn es denn Arbeit gab – bei Droop & Rein und bei Dürkopp. Die Mutter war Weberin. Der Knabe musste im Sommer barfuß gehen, um Schuhe zu sparen.

Acht Jahre Volksschule waren das theoretische Rüstzeug des Jungen. Danach war das Leben sein größter Lehrmeister. Eine dreijährige Lehre bei der AOK, der später zwei Verwaltungsprüfungen folgten, zeugten von Lernwillen und Fähigkeit des Aufsteigers. Den Zweiten Weltkrieg erlebte er als Soldat im Sanitätsdienst. Krieg und Kriegsfolgen beschäftigten Hinnendahl sein Leben lang.

Politisch unbelastet, trat der Heimkehrer den Jusos bei, deren Vorsitzender er 1946/47 war. 1947 wurde der Sozialdemokrat mit 33 Jahren jüngster Stadtverordneter. Hinnendahl saß Ausschüssen vor, wurde 1961 Bürgermeister und 1963 Oberbürgermeister.

Parallel verlief seine Beamten-Karriere in der AOK. Als Geschäftsführer leitete er von 1965 bis 1979 Bielefelds größte Krankenkasse.

Herbert Hinnendahl war klug und maßvoll in seinen Ansprüchen – privat, beruflich und politisch. Er erkannte Notwendigkeiten an, wusste aber, dass alles erst einmal von arbeitenden Menschen verdient werden muss. ,,Ein Projekt wird erst dann interessant, wenn das Geld dafür da ist", betonte der Politiker gern. Eine vergessene Haltung, die er später seinen Kollegen – auch aus der eigenen Partei – wiederholt vorwarf.

Hinnendahl war ein feiner Herr mit Haltung und Verstand. Kein Intellektueller, kein großer Visionär, eher ein Sozialdemokrat mit preußischen Grundsätzen, der würdig durch seine randlose Brille auf seine Stadt und ihre Menschen blickte und sich ständig sorgte. Im Rat legte man noch Wert auf Formen.

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