Auslöser für Kritik: Vor diesem Wohnhaus (r.) stürzte sich der Bewohner (15) einer der Jugendwohnungen mit einem Messer auf einen anderen Flüchtling (19). - © Andreas Zobe
Auslöser für Kritik: Vor diesem Wohnhaus (r.) stürzte sich der Bewohner (15) einer der Jugendwohnungen mit einem Messer auf einen anderen Flüchtling (19). | © Andreas Zobe

Baumheide Nach Messerattacke: Anwohner kritisieren Wohnprojekt mit minderjährigen Bewohnern

Streit unter Flüchtlingen sorgt Nachbarn

Jens Reichenbach
11.01.2019 | Stand 11.01.2019, 11:16 Uhr

Baumheide. Der Messerangriff eines 15-jährigen Flüchtlings am 13. Dezember an der Siebenbürger Straße auf einen anderen Zuwanderer (19) hat in der Siedlung Siebenbürger Straß für Unruhe gesorgt. Direkt neben der Kita suchte eine Mordkommission nach dem Messer. Von Tötungsabsicht war die Rede. Bis die Staatsanwaltschaft den Fall doch nicht als so gravierend einschätzte: Nun ermittelt man wegen gefährlicher Körperverletzung. Doch eine Pädagogin (39) übt trotzdem Kritik - und zwar an der Betreuung. Das Jugendprojekt mit insgesamt zehn Wohnungen gibt es seit 2014 "Der Verein, der die Jugendlichen bei uns in den Häusern untergebracht hat, hat sie nicht im Griff", sagt die in der Türkei geborene Deutsche. Sie selbst habe auch in der Flüchtlingshilfe gearbeitet und könne deshalb gut einschätzen, was schieflaufe. "Der Messer-Streit sei kein Einzelfall", sagt sie und erwähnt eine blutige Prügelei mit acht bis zehn Beteiligten im Sommer 2017. Auch Lärmbelästigungen habe es immer wieder gegeben. Sie selbst habe zweimal die Polizei gerufen. Im Dezember dann der vorläufige Höhepunkt. Die Pädagogin (ihr Name ist der Redaktion bekannt) lebe seit vier Jahren in der Siedlung, damals sei es sogar noch schlimmer gewesen. "Ja, es ist besser geworden, trotzdem werden wir Nachbarn über die jungen Mitbewohner nicht aufgeklärt. Wir wissen nicht, wer da wohnt und wie viele es jeweils sind." Das kenne sie auch eigener Erfahrung anders. Transparenz sei bei so einem Projekt sehr wichtig. Das Jugendprojekt mit insgesamt zehn Wohnungen à zwei Bewohnern im Alter von 15 und 21 Jahren gibt es seit 2014 in der Siedlung, erklärt Christine Schmitt-Vogt, Geschäftsführerin des Vereins Wohngemeinschaften. Die Bewohner würden tagsüber "stationär betreut". Das heißt, die Jugendlichen und Heranwachsenden treffen die Pädagogen des Trägers regelmäßig - nach Absprache oder auch spontan. Oft kämen sie auch selbst ins geräumige Büro des Vereins: "Für die Jugendlichen ist das hier Zuhause und Familie gleichermaßen", sagt Schmitt-Vogt. Sie könne verstehen, dass der Messer-Vorfall für Unruhe gesorgt habe. Auch bei ihnen sei der Schreck groß gewesen. Bis heute könnten sie sich nicht erklären, was damals Auslöser war. "Wir kennen den Jungen seit 2015." Das Verhalten passe nicht zu ihm. Die Kritik der Nachbarin überrascht die Sozialpädagogen und Pädagogen des achtköpfigen Teams: "Es ist nicht unsere Wahrnehmung, dass es hier nicht gut läuft", sagt Schmitt-Vogt. Zumal die Teamleiterin betont, dass "ihre Jugendlichen" mit der Schlägerei 2017 nichts zu tun hatten. "Es gab mal einen Vorfall in einer Wohnung. Jugendhilfe ist nie ohne Konflikte." Im Schnitt bleiben die jungen Leute 18 Monate, bevor sie den nächsten Schritt gehen und eine eigene Wohnung beziehen. Der Anteil minderjähriger Flüchtlinge sei aktuell hoch, sagt die Geschäftsführerin. Es wohnten aber auch junge Mütter mit Kindern hier. In der Regel stellten die Pädagogen die Jugendlichen im Haus vor. "Wir erreichen dabei natürlich nicht jeden", sagt die Teamleiterin. "Für die Jugendlichen ist das hier Zuhause und Familie gleichermaßen" "Die Idee mit den WGs ist gut", gibt die Kritikerin zu. "Aber die Umsetzung nicht." Sieben Wohnungen habe sie bisher wahrgenommen. Hinzu kämen noch erwachsene Migranten, die nichts mit dem Projekt zu tun hätten. Auch dort gebe es Probleme wie häusliche Gewalt. "Wir können die WGs in dieser Zahl bei uns nicht integrieren", sagt die 39-Jährige. "Es ist zu viel." Ein Sozialpädagoge fügt an: "Einige gehen sogar regelmäßig für ältere Nachbarn einkaufen." Michael Seibt von der Freien Scholle, die vor Ort nicht nur als Vermieter, sondern auch als Kümmerer auftritt, betont: "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. In jeder Siedlung gibt es Konflikte." Und er lobt das Jugendprojekt: "Hier werden junge Menschen fit gemacht fürs Leben. Das ist wichtig für unsere Gesellschaft." Er gibt aber auch zu, dass es sehr wichtig sei, Ängste abzubauen und transparent zu bleiben. Weil das letzte Nachbarschaftstreffen schon ein Jahr her ist, nahm der Verein nun die Kritik zum Anlass, alle Nachbarn zum Kaffee einzuladen. Vielleicht ist es der nächste wichtige Schritt für die nötige Integration.

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