Der Automat in der SB-Filiale wurde auseinandergerissen. Ein mit Ketten betriebener Roboter inspiziert später die verdächtige Tasche und den Bankvorraum. - © Fotos: Christian Mathiesen
Der Automat in der SB-Filiale wurde auseinandergerissen. Ein mit Ketten betriebener Roboter inspiziert später die verdächtige Tasche und den Bankvorraum. | © Fotos: Christian Mathiesen

Bielefeld Polizei-Großeinsatz: Kriminelle sprengen Bankautomaten in Bielefeld

Zeugin sieht Täter mit Motorrad flüchten - Salzufler Straße gesperrt - Sprengstoff-Roboter gibt inzwischen grünes Licht

Jens Reichenbach
Jürgen Mahncke

Friderieke Schulz

Bielefeld. Gegen vier Uhr am Mittwochmorgen haben Unbekannte mit einer massiven Explosion einen Geldautomaten in der SB-Filiale der Deutschen Bank in Heepen gesprengt. Mindestens ein Täter ist mit einem größeren Motorroller auf der Flucht, heißt es von der Polizei. Weil anschließend möglicherweise Explosionsgefahr am Tatort herrschte, mussten Sprengstoffexperten des Landeskriminalamtes (LKA) anrücken. Erst um 10 Uhr konnten sie Entwarnung geben. Die großräumige Sperrung im Heeper Ortskern wurde anschließend aufgehoben. Nach Angaben von Polizei-Einsatzleiter Eckart Rosen war es in dem Automatenraum der Bank tatsächlich zu einer heftigen Explosion  gekommen. Die ersten eintreffenden Einsatzkräfte hatten eine starke Rauchentwicklung in der Filiale wahrgenommen. Die Tür des Vorraumes wurde durch die Wucht der Druckwelle aus den Angeln gerissen und nach draußen gedrückt. Im Inneren lagen zahlreiche Bruckstücke von Geldautomaten und Auszugsdruckern sowie Scherben. Allerdings hielt der besonders geschützte Tresor des Geldautomaten der Explosion stand, wie Rosen um 10 Uhr vermelden konnte. Die Täter kamen nicht an das Geld heran. Ferngesteuerter Roboter inspiziert um 9.30 Uhr Taschen und Bankräume Weil der Flüchtige vor der Tür der Selbstbedienungsfiliale zudem eine verdächtige Tasche mit einem Zündkabel oder einem Gasschlauch zurückgelassen hatte und in der Tasche Sprengstoff oder ein explosives Gasgemisch sein könnte, sperrte die Polizei den Ortskern über Stunden ab und evakuierte das betroffene Haus. Zu groß war die Gefahr einer weiteren Explosion. Die Bombenexperten des Landeskriminalamtes (LKA) aus Düsseldorf erreichten Heepen gegen 9 Uhr und brachten per Fernsteuerung einen Roboter - in der Fachsprache "Manipulator" genannt - auf den Weg zu der schwarzen Kunststofftasche. Dieser öffnete die Tasche mit einem Greifarm und sendete davon Livebilder zu den Sprengstoffermittlern. Anschließend wurde der auf Ketten fahrende Roboter per Fernsteuerung auch in die Bankräume gelenkt. Dort führte der Roboter nach Angaben von Polizeisprecherin Hella Christoph sogar Luftmessungen durch. Beträchtlicher Schaden in der Bank Um 9.36 Uhr war die Untersuchungen und Kamerabilder des  Roboters analysiert und das LKA gab schließlich Entwarnung. In der Tasche war demnach kein sprengbares Material mehr. Was in der Tasche lag, wollte Christoph aus ermittlungstaktischen Gründen allerdings nicht nennen. "Das ist Täterwissen. Das geben wir nicht heraus." Der Vorschlaghammer, den der Täter vor der Tür zurückgelassen hatte, ist vermutlich nicht eingesetzt worden, so Christoph. "Wir haben keine Einbruchspuren entdeckt. Die Ermittlungen dazu laufen", so Christoph. Die Spurensicherung der Kripo hat seit 10 Uhr die Ermittlungen am Tatort aufgenommen. Laut Einsatzleiter Rosen hat die Explosion einen beträchtlichen Schaden in der Bank verursacht. Erste Meldungen, wonach Geldscheine im Innenraum zu sehen waren, bestätigten sich nicht. Die Polizei geht von einem Sachschaden in fünfstelliger Höhe aus. Die Tür und mehrere Bankgeräte müssen erneuert werden. Gemeldet hatte die Tat eine Bewohnerin, die um 4 Uhr an der Salzufler Straße Schlaggeräusche von der Bankfiliale am Amtsplatz gehört hatte und daraufhin den Notruf abgegeben hatte. Dann sah sie einen Mann auf einem größeren Motorroller flüchten. Laut Polizei ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass mehrere Täter aktiv waren. Explosives Gas noch in der Bank? Nach diesem Notruf, stellte die Polizei schnell fest, dass die Täter einen Bankautomaten in die Luft gejagt hatten. In Heepen und Umgebung wurde daraufhin ein Polizei-Großeinsatz mit allen verfügbaren Streifenwagen ausgelöst. Ein Polizeihubschrauber kreiste seit 5 Uhr über Heepen, leuchtete die Straßen aus, der Ortskern war komplett abgesperrt. Weil die meist aus Holland agierenden Tätergruppen bei ihren Automatensprengungen in der Regel ein Luft-Gas-Gemisch nutzen, dass sie ins Innere des Automaten einfließen lassen und dann zünden, bestand im Raum der Selbstbedienungs-Filiale an der Salzufler Straße womöglich immer noch akute Explosionsgefahr. Im betroffenen Gebäude wurde deshalb das Gas abgedreht, in der Bank selbst wurde zudem der Strom abgeschaltet. Auch Feuerwehr und Rettungsdienst eilten mit insgesamt knapp 30 Einsatzkräften nach Heepen, waren aber zunächst nicht in der Bank aktiv. Zu groß war auch für sie das Risiko vor und in der Bank. Zuletzt Sprengungen in Gütersloh, Verl, Halle und Löhne Das Ziel der in NRW seit Jahren agierenden Banden ist, an die Geldkassetten in den Automaten zu kommen. Zuletzt hatten die Banden vermehrt Automaten in OWL im Auge: Erst im Juni hatten Unbekannte in Gütersloh einen provisorischen Automaten in die Luft gejagt. Im Mai flogen Automaten in Löhne, Halle und Verl in die Luft. In Spenge wurde bei der Sprengung im März sogar ein historisches Gebäude schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bielefeld war bisher nur zweimal Ziel der Automatensprenger: Ende Dezember 2015 hatten Unbekannte Teile der Commerzbank-Filiale in Sennestadt mit einer Gas-Explosion zerstört, waren aber - wie jetzt auch in Heepen - trotzdem nicht an das Geld in dem Automaten gekommen. Im Juni 2016 kam es erst gar nicht zu der Sprengung in Brackwede. Diese Tätergruppe galt in ihrem Vorgehen als amateurhaft. 2016 waren noch viele dieser Sprengungen gescheitert. Deutlich professioneller agieren Banden, die laut LKA aus Holland mit PS-starken Autos nach NRW eilen, um dann sehr schnell und gezielt Bankautomaten zu sprengen und auszunehmen. Diese Profis benötigen oft nur drei Minuten, in jedem zweiten der 268 Fälle 2017 waren die Täter laut Bundeskriminalamt erfolgreich. Hoffnung auf Videoaufnahmen von nebenan Was die Ermittler des Landeskriminalamtes sehr beunruhigt: Die Täterbanden setzen inzwischen auch auf selbstgemischte Sprengstoffe, sie werden immer skrupelloser. In Heepen gehen die Ermittler aber davon aus, dass hier Gas gezündet worden ist.  Laut Bundeskriminalamt haben die Automatensprengungen im ersten Halbjahr 2018 enorm zugenommen: Die Täter schlugen laut WDR bis Juni bundesweit 187 Mal zu. Das entspricht einem Anstieg von mehr als 33 Prozent im Vergleich zu 2017. Offensichtlich geht dieser Trend in der zweiten Jahreshälfte ungebremst weiter. In NRW stieg die Zahl der Sprengungen im Vergleich zu 2017 nur leicht von 51 auf 55 nach oben, berichtete LKA-Sprecher Frank Scheulen. Der Fall in Heepen war der 68. in diesem Jahr. Die Polizei Bielefeld sucht nun dringend nach Zeugen, die gegen vier Uhr morgens am Tatort oder in der Nähe  etwas beobachtet haben. Hoffnung legen die Ermittler der Kripo auf Videoaufnahmen einer Kamera, die aus der benachbarten Apotheke nach draußen filmt. Hinweise an die Kriminalpolizei (Kriminalkommissariat 12) in Bielefeld unter Tel. (0521) 54 50.

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