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Singt und erzählt ökonomisch: Anna Piechotta gibt ein Stück im Hauptprogramm und dann 18 Zugaben. - © Foto: Henning Tonn
Singt und erzählt ökonomisch: Anna Piechotta gibt ein Stück im Hauptprogramm und dann 18 Zugaben. | © Foto: Henning Tonn

Quelle Anna Piechotta (ver)zaubert mit Klavier und Gesang im Zweischlingen

Kollektive Depression bleibt unerreicht

Henning Tonn
14.04.2015 | Stand 14.04.2015, 15:38 Uhr

Quelle. Einen ungewöhnlichen Einstieg wählt Anna Piechotta für ihren Auftritt auf der Zweischlingen-Bühne: "Ich fange heute mit dem letzten Lied an. Ich denke ökonomisch - dann stecke ich das Geld ein und bin weg." Logischerweise klappt der "Trick" der ausdrucksstarken Künstlerin nicht. "Okay, dann spiele ich noch 18 Zugaben", gibt Piechotta vermeintlich kleinlaut nach dem ersten und angedroht letzten Lied nach. Mit ihrer wandlungsfähigen, tollen Stimme, ihrer Anmut und ihrem Charme verzaubert die junge Frau aus Cochem an der Mosel in der Folge das diesmal überschaubare Publikum. Nur knapp 60 haben den Weg nach Quelle gefunden. Schade, denn die großartige Stimme und die witzigen und gewollt "depressiven" Texte hätten auch mehr Zuschauer gut vertragen. Und darum geht's den ganzen Abend in ihrem Programm "Schneewittchen ist tot". "Ich möchte euch kollektiv deprimieren - aber ganz langsam, dann habe ich Spaß", versucht die 33-Jährige glaubhaft zu machen. Das herzhafte Strahlen im Gesicht der Künstlerin spricht da eine ganz andere Sprache - auch wenn Schneewittchen es an diesem Abend tatsächlich nicht leicht hat. Als musikalische Geschichte zieht sich das Märchen vom Schneewittchen wie ein roter Faden durch den samstäglichen Kabarettabend unterhalb der Hünenburg. Und tatsächlich mit einem traurigen Ende, statt wie gewöhnlich mit einem Märchen-Happyend. Was hat sich die Künstlerin nur dabei gedacht? Alle ihre Texte sind selbst geschrieben, gleich ob es um den gierigen Produzenten geht, der 90 Prozent der Gage kassiert, um die Kinder, die so herrlich ahnungslos sind, um das Auftragslied von Putin oder um den Anti-Raucher-Song "An Deiner Unterlippe klebt immer eine Kippe". Mit großer Chanson-Stimme gibt's das Liebeslied zum Entlieben und das coole Lied von den Zeugen Jehovas. Trotzdem, Anna Piechotta verpasst das angestrebte Ziel "kollektive Depression" deutlich. Die studierte Sängerin erreicht das völlige Gegenteil. Viel Anerkennung vom Bielefelder Fachpublikum und einen langen Applaus, auch für einen zwischenzeitlich perfekten Spagat. "Wenn Helene Fischer eine Trapeznummer auf der Bühne macht, dann zeige ich euch einen Spagat." Im zweiten Jahr als Profi auf der Bühne ist Anna Piechotta inzwischen 80-mal pro Saison in ganz Deutschland unterwegs. Am kommenden Samstag wird der geniale C. Heiland im Zweischlingen mit seinem köstlichen, trockenen Humor unterhalten. Musik ist auch wieder dabei - nicht so schön wie die von Piechotta, aber anders und schräger, viel schräger.

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