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Opimistisch: Unternehmensberater Wilhelm Heidbrede (r.)  hat dem Tischlermeister Ralph Sauer geholfen, seine Firma neu aufzustellen. Der nächste Schritt ist die Digitalierung. - © Wolfgang Rudolf
Opimistisch: Unternehmensberater Wilhelm Heidbrede (r.)  hat dem Tischlermeister Ralph Sauer geholfen, seine Firma neu aufzustellen. Der nächste Schritt ist die Digitalierung. | © Wolfgang Rudolf

Bielefeld Handwerk 4.0: Wissenschaftler unterstützen Bielefelder Tischlerei

Digitaliserung: Unternehmensberater hat geholfen, einen Handwerksbetrieb fit für die Zukunft zu machen

Sebastian Kaiser
24.08.2019 | Stand 25.08.2019, 11:13 Uhr

Bielefeld-Ummeln. Die Auftragsbücher waren stets voll, die Zahl der Mitarbeiter stieg, anspruchsvolle Kunden waren bestens zufrieden, die Tischlerei "formsache" hatte sich zu einer der größten in OWL entwickelt. Doch irgendwann spürte Unternehmer Ralph Sauer: Irgendetwas läuft nicht mehr rund. "Ich war der einzige, der den Überblick hatte. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen", sagt der Tischlermeister. 1997 hatte sich Sauer selbstständig gemacht. Mit seinem Betrieb ging es steil bergauf. Er spezialisierte sich auf den Möbelbau, fertig Einzelstücke sowie Kleinserien für private, zu 70 Prozent aber für gewerbliche Kunden. Läden, Banken, Gaststätten, Praxen oder sogar ganze Hotels stattet die Tischlerei aus. Die Belegschaft wuchs von einem Gesellen auf über 30 Beschäftigte - neben Tischlern auch Zeichner, Projektleiter, Bürokräfte. Bis zu 40 Projekte laufen gleichzeitig "Dass bei uns 20 bis 40 Projekte gleichzeitig laufen, ist keine Seltenheit", sagt Sauer. Doch traditionelle Strukturen etwa bei der Arbeitsorganisation passten nicht mehr zu dem schnell gewachsenen Handwerksunternehmen. Und das Betriebsgebäude war auch zwölf Jahre nach dem Einzug an vielen Stellen noch im Rohbauzustand. "Vor lauter Arbeit hatte ich bestimmte Dinge aus dem Blick verloren", sagt Sauer. Daher traf er eine ungewöhnliche Entscheidung. Der Handwerksmeister holte sich einen Unternehmensberater ins Haus. Der heißt Wilhelm Heidbrede und kennt sich mit mittelständischen Firmen aus. Heidbrede erkannte nicht nur Investitionsbedarf. Auch bei der Arbeitsorganisation, beim Materialeinsatz oder Abläufen im Büro gab es Optimierungspotenzial. Die Werkstatt wurde umgekrempelt Dann ging es an die Arbeit. Der Bürotrakt wurde ausgebaut und modern gestaltet, die Werkstatt umgekrempelt, Maschinen wurden neu positioniert, Arbeitsabläufe verbessert, ein Nebenstandort wurde in den Hauptsitz integriert. Zudem überzeugte der Berater den Handwerker, einen kleinen Beirat einzurichten. Für den gewann Heidbrede auch einen erfahrenen Tischlermeister aus Höxter. "Der bringt Fachkompetenzen ein, die ich gar nicht haben kann", sagt Heidbrede. Das ganze zog sich über mehrere Jahre hin. Jetzt folgt der entscheidenden Schritt in die Zukunft. Die Digitalisierung der Tischlerei steht noch aus. Heidbrede hatte einen IT-Berater hinzugezogen. Der machte klar, wo etwas passieren muss. Es geht um ein automatisiertes Lager-Management, die Arbeitszeiterfassung und die Prozesssteuerung, also die effektivste Einteilung von Mitarbeitern und Maschinen für unterschiedliche Aufträge. Fraunhofer Institut hat Interesse Doch mit welchen Computersystemen und Programmen soll der Handwerksbetrieb digital werden? Heidbrede hat gute Kontakte zum Technologie-Netzwerk "it's OWL". "Wir wollen Wissenschaftler engagieren, um Lösungen für die Aufgaben zu entwickeln, die der IT-Berater erkannt hat", sagt er. Die ersten Gespräche laufen schon. Unter anderem habe eine Expertengruppe vom Fraunhofer Institut in Lemgo Interesse. Beraterleistungen gibt es nicht umsonst. "Doch für die unterschiedlichen Module gibt es Zuschüsse des Bundes, Landes und der EU", sagt Heidbrede. "Ohne diese Förderungen hätte ich den Berater wahrscheinlich nicht engagiert", sagt Ralph Sauer. Doch der Erfolg hat ihn überzeugt. "Die Analyse von Außenstehenden war wichtig, um die Komplexität des Betriebs nachhaltig in den Griff zu bekommen. Aus heutiger Sicht würde ich die Sache auch ohne Zuschüsse durchziehen." Bei 35 Mitarbeitern soll es bleiben Das Geschäft läuft weiterhin prächtig, rund 2,4 Millionen Euro Jahresumsatz schreibt die Tischlerei "formsache". Mehr Personal aufbauen will Ralph Sauer jedoch nicht. Bei 35 Mitarbeitern, davon sieben Azubis, soll es erst einmal bleiben. Allerdings: "Wir wollen Synergien entwickeln und stärker mit Zulieferern und Lohnfertigern zusammenarbeiten. Außerdem wollen wir uns weiter spezialisieren und dazu feststellen, welche Aufträge in der Vergangenheit besonders gut gelaufen sind." Auch dazu müsse der Betrieb im IT-Bereich modern aufgestellt sein.

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