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Astronautensicht auf einen großen Mondkrater: Frank Becker hat bislang nur einen Teil der alten Wochenschauen gesichtet, die zu den 3.000 Filmbüchsen aus dem Nachlass eines Sammlers gehören. Mit einer Schau verbindet er eine ganz besondere Geschichte. - © Silke Kröger
Astronautensicht auf einen großen Mondkrater: Frank Becker hat bislang nur einen Teil der alten Wochenschauen gesichtet, die zu den 3.000 Filmbüchsen aus dem Nachlass eines Sammlers gehören. Mit einer Schau verbindet er eine ganz besondere Geschichte. | © Silke Kröger

Brackwede Filmarchiv sucht neues Lager und sorgt für Weihnachtsüberraschung

Frank Becker ist auf der Suche nach Platz zum Unterstellen für weitere Filme. Im neuen Jahr erwartet er eine Lieferung von 8.000 Originalen

Silke Kröger
20.12.2018 | Stand 19.12.2018, 19:49 Uhr

Brackwede. Frank Becker sucht ein neues Lager - das sechste. "Rund 100 Quadratmeter, vor allen Dingen trocken und möglichst ebenerdig" sollte es sein, so der Medienarchivar - schließlich müssen dort etliche Kisten mit Filmrollen gelagert werden. Derzeit ist Becker allerdings noch mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Von den 3.000 Filmrollen, die er im November aus dem Nachlass eines Sammlers übernommen hat, hat er gerade mal 70 gesichtet. Viele der Filmdosen enthalten alte Wochenschauen, die in Beckers Sammlung noch fehlten. Darunter ist auch eine aus dem Oktober 1955 mit einem Beitrag über Kriegsheimkehrer aus der russischen Gefangenschaft, als sie im damaligen Durchgangslager Friedland eintrafen. Mit ihr verbindet der Brackweder eine besondere Geschichte: Vor zehn, fünfzehn Jahren habe ihm ein Mann geschrieben, der ausgerechnet diese Wochenschau suchte, weil sein Vater, ebenfalls ein Kriegsheimkehrer, dort damals gefilmt worden sei. Die Bitte des Mannes war Becker im Gedächtnis geblieben, dessen E-Mail aber schon lange gelöscht. Doch er hatte sich das zugehörige Bild - es zeigt einen Mann und eine Frau, daneben das Datum 18. Oktober 1955 - ausgedruckt, erinnerte er sich. Und diesen Ausdruck fand er nach längerem Suchen ganz unten in seinem Schreibtisch wieder - mit einer Telefonnummer darauf. So konnte er mit dem Sohn wieder in Kontakt treten. Wochenschau zeigt Heimkehrer Die Heimkehrer-Sequenz in der Wochenschau ist nur kurz, sie zeigt jubelnde Menschen, die ausgemergelte Männer in Empfang nehmen - die lange Lagerhaft und die erbärmlichen Bedingungen haben tiefe Spuren in ihren Gesichtern hinterlassen, und nun erwartet sie eine ungewisse Zukunft - und Angehörige, die ihre Lieben nach zehn Jahren ungewissen Wartens endlich wieder in die Arme schließen können. "Ich habe viele tausend Wochenschauen gesehen, aber das ist die ergreifendste", sagt Becker. Er hat dem Sohn eine DVD davon geschickt. Der Vater - er ist inzwischen 97 Jahre alt - bekommt sie als Weihnachtsüberraschung. Der verstorbene Sammler sei ein sonderbarer Mensch gewesen, erzählt Becker, der ein wenig über ihn recherchiert hat. "Er war von Beruf Antiquar und hat irgendwo auf Autoraststätten Filme getauscht. Sein Vater war Komponist in Theresienstadt. Er hat das KZ überlebt." Der Filmnachlass, eine bunte Mischung, so der Medienarchivar, sollte eigentlich vernichtet werden. Die Filmplakate wollten die Erben an Becker weitergeben, auf den sie im Internet gestoßen waren - und der die Rollen dann gleich mit übernahm. Darin fand er wahre Schätze: wie die Wochenschau mit den Kriegsrückkehrern, eine bunt eingefärbte Stummfilm-Wochenschau von 1925 oder eine von 1934 mit einem Beitrag über die Beisetzung von Reichspräsident Paul von Hindenburg, der am 30. Januar 1933 Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt hatte. Auch Filmstreifen aus der Stasi-Zentrale in Berlin sind darunter, etwa Mitschnitte aus der politischen Tagesschau-Berichterstattung der 70er Jahre, alte Werbefilme und sogar komplette Spielfilme - darunter "Winnetou 2" in drei (Rollen)-Teilen: eine englische Version mit spanischen Untertiteln.

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