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Glückliche Familie: Friederike und Holger Niehausmeier sind seit Jahren mit drei Pflegekindern eine Familie. Ein Familienfoto bei einem Zoobesuch in Osnabrück zeigt das Glück der Familie. Dass es zwischendrin auch anstrengende und belastende Zeiten gibt, tut dem Glück und der Liebe keinen Abbruch – wie in jeder Familie. Die Kinder wurden zu ihrem Schutz gepixelt. - © Kurt Ehmke
Glückliche Familie: Friederike und Holger Niehausmeier sind seit Jahren mit drei Pflegekindern eine Familie. Ein Familienfoto bei einem Zoobesuch in Osnabrück zeigt das Glück der Familie. Dass es zwischendrin auch anstrengende und belastende Zeiten gibt, tut dem Glück und der Liebe keinen Abbruch – wie in jeder Familie. Die Kinder wurden zu ihrem Schutz gepixelt. | © Kurt Ehmke

Brackwede Familie gefunden: Ehepaar nahm gleich drei Pflegekinder auf

Pflegefamilien: Ein Ehepaar berichtet von seinem Leben mit drei Pflegekindern, die alle eine Behinderung haben. Beide lassen ihre Berufe ruhen und widmen sich ganz den Kindern. Sie sind erfüllt von der Aufgabe, dem Familienleben. Pflegeeltern werden gesucht

Kurt Ehmke
10.11.2018 | Stand 09.11.2018, 19:37 Uhr

Brackwede. Es ist dieser Satz, der besonders viel Gewicht hat: "Wir müssen da bleiben, und wir bleiben da - davon leben diese Kinder." Das sagt Holger Niehausmeier, Vater dreier Pflegekinder, die er mit seiner Ehefrau Friederike auf- und angenommen hat. "Unsere Treue und unsere Präsenz sind für Leon, Niklas und Alexandra täglich die Rettung." Sätze, die viel durchscheinen lassen - von einer Aufgabe, von Verantwortung, von schweren Momenten. Und die andere Seite der Medaille? "Die drei haben einen tollen Humor, jeder für sich, jeder sehr eigen", sagt Friederike Niehausmeier über ihr Pflegekind-Trio - von dem jedes Kind sein eigenes Handicap hat, jeder eine Behinderung. "Wir lieben sie sehr." Gut 14 Jahre ist es her, als sich das bis dahin aus medizinischen Gründen kinderlose Ehepaar entschied, nun endlich Kinder haben zu wollen. "Wir waren es leid, die nächsten tausend medizinischen Schritte zu gehen", sagt er. Ein Pflegekind sollte es sein. Es wurden drei. Heute sind sie sieben, elf und zwölf Jahre alt, zwei kamen direkt nach der Geburt in die Familie der Lehrerin und des Pfarrers. Heute lassen die beiden jeweils 49-Jährigen ihre Berufe ruhen, ihre Kinder brauchen ihre Zeit. Fachkräfte entlasten sie dabei. Über Familien wie die Niehausmeiers freut sich Maik Schmittendorf. Er arbeitet beim Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) im Netzwerk Pflegefamilien. Die werden gesucht. Händeringend. "Der Bedarf ist groß." »Wichtig ist: Es muss ein Gefühl da sein von ,Wir sind Eltern?« Dass Familie Niehausmeier typisch ist, mag auch Schmittendorf nicht behaupten. Drei Pflegekinder seien ungewöhnlich, zwei gebe es häufiger. Die Herausforderung mit drei Kindern sei besonders, mit drei behinderten Kindern noch einmal mehr. Aber: Gerade, dass diese Pflegeeltern viel Glück erleben, Liebe aufgebaut haben, Probleme meistern, all das lässt die Niehausmeiers als idealen Werbeträger für das Netzwerk Pflegefamilien erscheinen. Das Netzwerk betreut in Bielefeld in 78 Pflegefamilien 100 Kinder. Freie Träger wie der VSE mit dem aufwändigen Modell der Westfälischen Pflegefamilie (oder auch Bethel, die AWO und andere) suchen Familien und vermitteln Pflegekinder. Das Jugendamt auch. Die Zahl aller Pflegekinder in Bielefeld liegt bei 500, etwa 10 Kinder leben bei gleichgeschlechtlichen Paaren. Geeignet ist theoretisch jeder, sagt Schmittendorf. "Es muss aber ein Gefühl von ,Wir sind Eltern? da sein." Heißt: Wer über 60 ist, sollte sich, auch perspektivisch, prüfen, ob er nicht doch eher bald in die Großelternrolle gerate. Letztlich aber ist es ein Weg, der aus Gesprächen, Fortbildungen, Workshops besteht - und am Ende wird entschieden, wer wie für was geeignet ist. Es gibt ja auch ältere Pflegekinder, die vermittelt werden wollen. Schmittendorf zur Dauer der Vorbereitung: "Wie bei einer Schwangerschaft, um die neun Monate." Ob es leibliche Kinder in der Familie gibt, ob es besondere Lebenspartnerschaften sind, ob Alleinstehende geeignet sind - all das werde individuell angesehen. »Mit Pflegekindern gibt es sehr viele schöne Momente« Natürlich seien Menschen mit pädagogischen Berufen besonders gut geeignet, aber auch das sei kein alleiniges Kriterium. Fakt ist: Einfache Wahrheiten gibt es hier nicht, auch nicht beim Blick auf das Kind. "Sie alle tragen ihren Rucksack, ihr Gepäck mit sich herum - was aber drin ist im Rucksack, das weiß keiner so genau." Oft erst nach Jahren brechen Dinge auf, werden Probleme nach oben gespült, Handicaps sichtbar. Die Pubertät fördert manchmal Abgrenzungsgedanken. Darauf muss die Pflegefamilie, jeder einzelne in ihr, vorbereitet sein. Traumata gibt es fast immer, starke Entwicklungsstörungen können eine Folge sein. Das "Fetale Alkoholsyndrom" (Folgen von Alkoholkonsum durch die Mutter während der Schwangerschaft) kommt häufig vor, es gibt Schütteltraumata, Gewalterfahrungen. Auch Behinderungen sind nicht selten. Und so ist es "eine große Herausforderung", findet das Ehepaar. Aber: "Auch wenn es mal anstrengend und ablehnend wird, wissen wir, dass es nicht die Pflegefamilie ist, sondern das Trauma, die Behinderung", sagt Holger Niehausmeier. Das rufe er sich immer in Erinnerung, wenn er mal wieder denke: "Ich habe dich lieb, lieb, lieb - und du zeigst mir nur, dass du ja hier angeblich eh nicht gewollt bist." Niehausmeier: "Es braucht eine große Stärke, sich nicht in den Sumpf ziehen zu lassen." Seine Ehefrau sagt: "Wir sind nicht persönlich selbst gemeint, das machen wir uns dann immer wieder klar." Doch, das fügt sie schnell und sehr betont hinzu: "Es gibt viel mehr schöne Momente." Auch, weil für beide immer feststand: "Kinder gehören für uns dazu zum Leben."

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