Guten Appetit: 20 fröhliche Menschen an der langen Tafel auf dem Brackwerder Kirchplatz freuen sich aufs Essen.
Guten Appetit: 20 fröhliche Menschen an der langen Tafel auf dem Brackwerder Kirchplatz freuen sich aufs Essen.

Brackwede Freundschaft entsteht am Herd

Kitchen on the run: Von einem besonderen Integrationsprojekt und einem wunderbaren Abend im mobilen Küchencontainer in Brackwede

Susanne Lahr

Brackwede. Viele Köche verderben den Brei. Diesen Ausspruch gibt es auch in Syrien. Das lernen wir beim gemeinsamen Kochabend mit Flüchtlingen, Freiwilligen und Brackwedern im Küchencontainer von „Kitchen on the run" auf dem Kirchplatz. Um das Ergebnis vorwegzunehmen: In diesem Fall hat es nicht geschadet, dass so viele in den Töpfen gerührt haben. Es hat hervorragend geschmeckt. Für diesen Abend hat die NW-Redaktion Brackwede die Seiten gewechselt. Wir sind nicht nur Beobachter und Berichterstatter, sondern werden bewusst Teil dieses besonderen Integrationsprojektes des Berliner Vereins „Über den Tellerrand", der mit seinem Küchen-Überseecontainer noch bis zum 26. September in Brackwede zu Gast ist. Wir sind ganz gespannt auf die Menschen und ihre Geschichten, denen wir beim gemeinsamen Kochen begegnen. Die Größe der Hände ist wichtig Zu Beginn heißt es „Schürzen um", auf dem Kirchplatz im Kreis aufgestellt, kurze Vorstellungsrunde. Die NW-Redaktion ist vertreten durch Silke, Susanne, Sibylle, Muriel, Judith und Quoten-Mann Kristoffer. Die Truppe dieses Abends ist zwischen 2 und 68 Jahren alt. Ina und Daniel von „Tellerrand" brechen schnell das Eis, in dem sie uns auffordern, uns erst der Größe nach in einer Reihe zu stellen, dann nach der Größe unserer Hände. Schon ist der Kontakt da, das Eis gebrochen, und es kann an die Kochinseln gehen. Wir haben zwei Dessert-Rezepte mitgebracht (Tiramisu und Obstsalat mit Zitronen-Joghurt-Sauce und Flocken-Crumble). Dazu kochen wir einen griechischen Kartoffel-Topf, machen Tzatziki, es gibt mit Hackfleisch gefühlte Auberginen auf Tomaten-Zwiebel-Bett, einen Rindfleischtopf sowie Injera – eritreisches Sauerteigbrot, zu dem eine scharfe Tomatensauce gegessen wird. Mafi (25) aus Eritrea ist schon mehr als zwei Jahre in Deutschland. Sie hat eine kleine Wohnung in Ummeln und wird Altenpflegehelferin. Ihr gefällt es gut hier, sie hat Kontakte geknüpft. Dass abends kaum noch Busse von und nach Ummeln fahren, findet Mafi etwas schade. Glücklich ist auch die sechsköpfige Großfamilie aus Syrien, die mit dabei ist. „Wir sind armenische Syrer", betont der Vater, der zu den Glücklichen gehört, die eine Arbeit gefunden haben. Erst vor wenigen Wochen hat er als Karosseriebauer bei einem Brackweder Autohaus angefangen. Und die älteste Tochter Jenny ist an diesem Abend noch ganz beseelt von ihrem ersten Schultag in der Grundschule Windflöte. Nach zwei Jahren spricht die Kleine schon fast akzentfrei Deutsch. Flucht vor zwei Kriegen Dvolan (24) ist gebürtiger Iraker, kommt aber aus Syrien. „Ich musste bereits zweimal wegen Krieges flüchten", erzählt der junge Mann, während er im Kartoffel-Topf rührt. Er möchte gerne Elektrotechnik studieren, lernt fleißig Deutsch, hilft bereits im Quartier Zedernstraße als Übersetzer aus. Ob er bleiben darf, weiß Dvolan noch nicht, obwohl sein „Interview" bereits ein Jahr her ist. Zurück möchte er auf keinen Fall. „Die vergangenen beiden Jahre hier waren die friedlichsten meines Lebens." Atto (50), ebenfalls Syrer, ist der Ruhigste an diesem Abend. Sein Deutsch ist auch nach 22 Monaten noch nicht so gut. Der Asylantrag des Malers ist durch, jetzt wartet er sehnsüchtig, dass seine Frau und die fünf Kinder kommen dürfen, was 2018 der Fall sein wird. Studentischer Besuch Und dann ist da noch Karina (28) aus der Ukraine, die aber schon so lange in Deutschland lebt, dass sie eher als waschechte Berliner Göre durchgeht. Sie lebt auch in der Hauptstadt. Außerdem sind Julia (19, Polen), Tamara (20, Weißrussland) und Alica (20, Portugal) da, die für fünf Wochen über die internationale Studentenorganisation AISEC  als Freiwillige für die Integrationsagentur des Deutschen Roten Kreuzes in Bielefeld mit Flüchtlingen arbeiten. Ihre Zeit ist fast um, dann müssen die Studentinnen wieder nach Hause. Leider, wie sie sagen. In Deutschland habe es ihnen sehr gut gefallen. So wie uns allen der gesamte Abend – er war viel zu schnell vorbei. Selbst der Großabwasch in kleiner Küche ging schnell von der Hand. Was bleibt, ist ein gutes Gefühl der Nähe. Zu Menschen aus fernen Ländern, die es zu uns verschlagen hat. Die von ähnlichen Dingen träumen und in Frieden leben möchten wie wir. Sie kennenzulernen ist ein Gewinn. Und es bleibt – ein voller Bauch. Zumindest für diesen Abend. Nächster Termin Am Montag, 4. September, ab 19 Uhr gibt es ein Netzwerktreffen im Küchencontainer. Denn Brackwede soll nach Möglichkeit auch nach dem 26. September „über den Tellerrand" hinaus kochen. Einladung an alle. Anmeldung für die Kochabende unter www.kitchenontherun.org

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