Das einzige Bildnis: Rosemary Flöthmann hält das Porträt von Nazi-Bürgermeister Hermann Bitter, der seine Stadt Brackwede vor Zerstörung bewahrt hat, hoch. Sie und die Archiv-Mitarbeiter, hier Wolfgang Kornfeld, würden sich über Fotos von Bitter und aus dem II.Weltkrieg freuen, mit denen die Darstellung im Museum Deutscher Widerstand in Berlin möglich gemacht werden könnte. - © Sibylle Kemna
Das einzige Bildnis: Rosemary Flöthmann hält das Porträt von Nazi-Bürgermeister Hermann Bitter, der seine Stadt Brackwede vor Zerstörung bewahrt hat, hoch. Sie und die Archiv-Mitarbeiter, hier Wolfgang Kornfeld, würden sich über Fotos von Bitter und aus dem II.Weltkrieg freuen, mit denen die Darstellung im Museum Deutscher Widerstand in Berlin möglich gemacht werden könnte. | © Sibylle Kemna

Brackwede Der Nationalsozialist, der Brackwedes Zerstörung verhinderte

Sibylle Kemna

Brackwede. Er war Nationalsozialist, doch er hat sein Dorf Brackwede vor der Zerstörung gerettet und das mit seinem Leben bezahlt: Hermann Bitter, Brackwedes Bürgermeister von 1939 bis 1945 könnte in die Berliner Gedenkstätte Deutscher Widerstand aufgenommen werden. Das hat Ortsheimatpflegerin Rosemary Flöthmann in die Wege geleitet, die als gebürtige Schottin ganz ohne Scheuklappen an das Thema herangeht, das für Brackwede nach wie vor ein heißes Eisen ist. Sie ist mit dem Museum bereits vor zwei Jahren in Kontakt getreten und hat vorgeschlagen, Bitter aufzunehmen. Dieses zeigt sich durchaus interessiert. "Ich habe Papiere gefunden, die zeigen, dass Herr Bitter immer mehr Probleme mit seinen Kollegen in Bielefeld bekam. Er wollte alles anders machen und war eher kein typischer Nationalsozialist", berichtet Flöthmann. Auch gibt es schriftliche Aussagen jüdischer Bürger nach dem Krieg, nach denen sie "mit der Verwaltung in Brackwede kein Problem" gehabt hätten. "Man kriegt ein anderes Bild von diesem Bitter", sagt Flöthmann. "Ich will Bitter nicht auf eine Ebene mit von Stauffenberg heben, auf keinen Fall, aber auch diese Leute haben erst einmal mitgemacht, bevor sie sich zum Widerstand entschlossen", erklärt Flöthmann. Eine Fernsehsendung über das Attentat auf Hitler am 20. Juli und Stauffenbergs Würdigung im Museum brachte sie dazu, sich auf der Basis der neu aufgetauchten Papiere an das Berliner Museum zu wenden, das nach eigenem Bekunden "die gesamte soziale Breite und weltanschauliche Vielfalt des Kampfes gegen die nationalsozialistische Diktatur" dokumentiert. Der Fall Hermann Bitter käme für die Abteilung "Widerstand der letzten Stunden" in Frage, erklärt Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte. Denn am 2. April 1945 hatte Bitter angeordnet, die Panzersperren zu entfernen und Brackwede kampflos den anrückenden Amerikanern zu übergeben. "Räumt alles weg, leistet keinen Widerstand, die schießen nur unser Dorf kaputt", beschreibt Flöthmann die Anordnung Bitters, die dieser mit seinem Leben bezahlte. Noch in der Nacht ließ Wehrmachtskommandeur Major Martin den Brackweder Bürgermeister verhaften und zum Sedanbunker bringen, wo ihn ein Kriegsgericht verurteilte. Am nächsten Morgen wurde er im Teutoburger Wald erschossen und verscharrt. "Das war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das steht so ausdrücklich in einem Lehrbuch für Juristen der Amsterdamer Universität", betont Flöthmann. Die Ortsheimatpflegerin beeindruckt der Mut, die Bitter bewiesen hat. "Er hatte mehr Einblicke als andere und wusste, was ihm und seiner Familie geschehen würde, wenn er ausschert." Bitter sei sicher "kein Gutmensch" gewesen, aber Brackwede hat ihm am Herzen gelegen. "Er hat mit seiner Zivilcourage den Ort gerettet." Das rehabilitiere Bitter "ein Stück weit", meint Flöthmann. Sie hat bei einem Besuch in Berlin auch das Museum aufgesucht. Dort wurde ihr deutlich gemacht, dass ohne gute Fotos von Bitter keine Aufnahme in die Ausstellung möglich sei. Von Bitter gibt es aber nur eine sehr schlechte Porträtaufnahme und eine Zeichnung. Die wurde vor rund einem Dutzend Jahren erstellt. "Leider kennen wir die Vorlage nicht", bedauert Ortshistoriker Karl Beckmann, der Flöthmann bei ihren Bemühungen, Bitters Tat zu würdigen, unterstützt. Zusammen haben sie einen Lebenslauf Bitters und diverse Dokumente nach Berlin geschickt, doch ohne historische Aufnahmen kann das Museum nicht arbeiten. "Wir harren der Dinge, die da aus Brackwede kommen", sagt Johannes Tuchel der NW. Nicht nur die fehlenden Fotos, auch weitere Dokumente seien erforderlich für die Präsentation Bitters in der Ausstellung. Aufgrund der Akten des Gerichtsverfahrens gegen Bitter, die Flöttmann aufgetrieben hat, sei "das Bild etwas klarer geworden", erkannte Tuchel an. Es sehe so aus, als habe Bitter "in letzter Minute etwas begriffen." In etlichen deutschen Dörfern und Städten hätten Menschen mit und ohne offizielle Funktion versucht, eine kampflose Übergabe zu erreichen und dabei ihr Leben riskiert. Diese Fälle könne man aber nicht vergleichen. "Man muss jeden Fall einzeln bewerten", betont Tuchel.

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