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Slowakei Osteuropa im Andy-Warhol-Fieber

Geburtstagsparty für eine Pop-Art-Ikone

03.08.2013 | Stand 30.12.2015, 15:57 Uhr

Im Eurohotel in Medzilaborce schlagen Jägerherzen höher: An den Wänden der Restaurants hängen ausgestopfte Rehe und Hirschköpfe sowie diverse Jagdtrophäen. Das Hotel, 1978 erbaut, wurde zwar 2002 renoviert, doch der Baustil erinnert auch heute noch an eine kommunistische Ferienanlage. Das einzig Ungewöhnliche an dem ostslowakischen 3-Sterne-Haus, etwa zehn Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist die Adresse: Andy Warhola 195/28, so die Straße und Hausnummer. War der 1987 verstorbene amerikanische Pop-Art-Künstler etwa hier zu Gast? Nein, keineswegs. Stattdessen findet sich wenige hundert Meter vom Hotel entfernt – in einem ehemaligen sozialistischen Kulturhaus – ein Museum mit Werken von Andy Warhol. Vor dem Kunstmuseum stehen einige Buswartehäuschen, die aussehen wie überdimensionale Suppendosen der Campbell Soup Company. 32 dieser Dosen waren Hauptmotiv einer Warhol-Ausstellung im Jahr 1962. Genau dreißig Jahre später öffnete, unterstützt von Andys älterem Bruder John Warhola, das Warhol-Museum in Medzilaborce. Doch warum ausgerechnet hier? Die Antwort darauf findet sich fünf Kilometer vom Museum entfernt, im Karpatendorf Miková. Dort hatten Warhols Eltern gelebt, Ondrej und Julia Varchola, bevor sie in die USA auswanderten. Das Haus, in dem die Familie in Miková wohnte, ist längst abgerissen – doch Andys Mutter, die 1972 starb, hielt Zeit ihres Lebens den Kontakt in die frühere Heimat. Dort scheint inzwischen ein regelrechter Warhol-Rausch ausgebrochen zu sein: Am Ortseingang von Miková empfängt den Besucher – noch vor dem eigentlichen Ortsschild – eine Tafel mit einem Andy-Warhol-Porträt. Auf deren Rückseite ist eine – schon etwas verwitterte – Campbell-Suppendose zu sehen.Das Andy Warhol Museum ist ein Touristenmagnet Die Popularität Andy Warhols reicht längst über Miková und Medzilaborce hinaus. Auch im 120 Kilometer südwestlich gelegenen Košice bzw. Kaschau identifizieren sich Kulturfunktionäre und Tourismusvermarkter mit dem Pop-Art-Pionier. "Andy Warhol ist für uns ein wichtiges Aushängeschild, das uns hilft, Touristen auf uns aufmerksam zu machen", erläutert Ján Sudzina, der Košice in diesem Jahr als europäische Kulturhauptstadt präsentiert. Nicht nur, aber auch mit Andy Warhol. Dessen Geburtstag wird in Košice an diesem Wochenende öffentlich gefeiert – mit Pop-Art-Workshops, in denen sich Kinder mit Acrylfarben versuchen können, mit Auftritten von Andy-Warhol-Doubles und mit der Projektion von Andy-Warhol-Werken an Häuserfassaden. Ergänzt wird die Warhol-Sause durch ein umfassendes kulinarisches Angebot. Etwa zehn Restaurants in Košice bieten ihren Gästen einen Monat lang ein Andy-Warhol-Menü – und das umfasst weit mehr als Tomatensuppe aus der Dose.Nicht nur im Museum, auch sonst dreht sich in der Stadt vieles um den bekannten Pop-Art Künstler Im Dalia-Hotel in der Altstadt von Košice wurde im letzten Jahr unter anderem "Andy’s colorful fantasy" serviert. Ein Menü, das aus einer mit Rindfleisch gefüllten Aubergine, einer mit Schweinfleisch gefüllten gelben Paprika und einer mit Hähnchenfleisch gefüllten Tomate bestand – garniert mit gegrillter Polenta in knalligem Grün und Gelb. Bei einem anderem Košicer Hotel, dem außerhalb des Zentrums gelegenen Hotel Múza, sitzt Andy Warhol tagtäglich auf einem Dachvorsprung. Das Hotel Múza ist ein an Pop Art orientiertes Designhotel. Und es verfügt nicht nur über im Pop-Art-Stil gestaltete Zimmer, sondern auch über eine eigene Galerie – die Mihal Gallery. Inhaber Miroslav Mihal’ hat 1995 mit dem Sammeln von Pop Art begonnen – und mutmaßt, dass seine Sammlung inzwischen rund eine Million Euro wert ist. Zu den wertvollsten Stücken gehört eine Warhol-Darstellung von Schloss Neuschwanstein, die Mihal’ auf etwa 40.000 Euro schätzt. Und ein Unikat eines Marilyn-Monroe-Druckes aus dem Jahr 1967, der früher das Büro von Fred Hughes geziert haben soll, einem Gründungsmitglied der Andy Warhol Foundation. Rund 200.000 Euro, so schätzt Miroslav Mihal’, sei allein dieser Druck derzeit wert. Deutlich weniger kostet es, sich in der Andy-Warhol-Galerie einzumieten. "Die Galerie dient auch als ein exklusives Appartement für besondere Gäste", berichtet Miroslav Mihal’. Etwas Kleingeld vorausgesetzt, steht einer Nacht mit Marilyn also nichts im Wege.

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