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Segel gehisst: Mit einer Dhau an der Küste von Stone Town entlang. - © Elke Dalpke
Segel gehisst: Mit einer Dhau an der Küste von Stone Town entlang. | © Elke Dalpke

Sansibar Wo der Pfeffer wächst

Es gibt Orte auf der Welt, deren Name allein uns schon träumen lässt. Sansibar ist ein solcher Ort. Ausgebildete Experten sollen Touristen das Land und seine Kultur näher bringen. Unterwegs mit angehenden Tourguides

Elke Dalpke
30.11.2019 | Stand 28.11.2019, 16:38 Uhr

Ein vierstöckiges Haus in der Altstadt von Stone Town auf Sansibar im Indischen Ozean: Der weiße Putz blättert hier und da ab, die Fensterläden aus Holz und der durchgehende, kunstvoll geschnitzte Holzbalkon im obersten Stockwerk sind verblichen. Drinnen ist es dafür in der oberen Etage umso farbintensiver mit grünen Arbeitsräumen und bunten Teppichen. Willkommen im Kawa Training Center, das von der Niederländerin Suzanne Degeling 2010 gegründet wurde. Sie bildet junge Tourguides aus und erfreut sich dabei seit 2015 der Unterstützung der TUI Care Foundation, die es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, jungen Menschen in Urlaubsdestinationen neue Perspektiven durch Ausbildung zu vermitteln. Vom Tourismus soll schließlich auch die einheimische Bevölkerung profitieren und ihr Auskommen finden. Ally Mussa Jape kam mit 17 zu Kawa und gilt, wie Degeling augenzwinkernd versichert, heute als einer der Rockstars unter den Tourguides. Mit einem Video wirbt er im Netz für seine individuellen Führungen, hat aber auch seine Ausbildungsstätte nicht vergessen und arbeitet dort zusätzlich als Juniorlehrer mit. „Nur wer aufhört zu lernen, kann nichts verändern" – so sein Motto. Mittlerweile finden immer mehr junge Frauen den Weg zu Kawa, was auf der moslemisch geprägten Insel (95 Prozent der Bevölkerung sind Moslems) nicht wirklich selbstverständlich ist. Saida, selbstbewusster offener Blick, langes braunes Gewand und rotes Kopftuch, hat es geschafft, sie arbeitet als professioneller Tourguide und sagt: „Selbstvertrauen ist ganz wichtig. Wenn wir uns nicht selbst trauen, vertraut uns auch kein anderer." Sie hatte glücklicherweise die Unterstützung ihres Vaters, der fand, sie könne Tourguide werden, solange es nicht gegen die Tradition und Kultur verstoße. So denken nicht alle. Sie lernte sogar schnorcheln, weil sie ihren Gästen nicht etwas über das Meer erzählen wollte, was sie nicht selbst mit eigenen Augen gesehen hat. Zum neunmonatigen Kurs gehören Englisch (die Sansibarer sprechen Swahili), Geschichte, Flora und Fauna und vieles mehr. Doch was helfen alle diese Fakten, wenn man sie nicht in eine interessante Geschichte verpackt – und gerade das wird ganz gezielt bei Kawa trainiert. Es ist also ein großes Vergnügen, mit den angehenden Guides Stone Town, die Altstadt von Sansibar-Stadt zu durchstreifen, zu erfahren, warum z. B. der 1883 im Auftrag des Sultans Bargash erbaute Palast „Haus der Wunder" heißt. Das Gebäude verfügte als erstes Haus in Ostafrika über elektrisches Licht, fließendes Wasser und einen elektrischen Fahrstuhl. Heute braucht das Anwesen wohl selbst ein Wunder, es ist geschlossen, nachdem einige Balkone eingestürzt waren. Erhaltung und Sanierung sind teuer und an Geld fehlt es deutlich sichtbar nicht nur beim Beit al Ajaib. Als ein „Markenzeichen" Stone Towns gelten die kunstvoll geschnitzten Türen aus edlem Teak- und Jackfrucht-Holz mit den spitzen Messingdornen. Die Dornen sollten Elefanten am Eindringen hindern, was allerdings auf Sansibar nicht nötig war, da es hier keine Elefanten gab. „Also nur Dekoration durch die indischen Handwerker aus Punjab," wie der Guide feststellt. Es existieren etwa 500 dieser Türen, die eine Menge über ihre Besitzer, ihren einstigen Stand und Reichtum verraten. Manche sind wunderbar restauriert, andere nur noch ein Schatten ihrer einstigen Pracht. Mit einer Dhau an der Küste entlang – die traditionellen Holzboote mit dem Dreiecksegel sind ein beliebtes Fotomotiv. Selbst mal an Bord dabei zu sein, macht das Erleben umso intensiver. In der frühen Dämmerung heißt es Leinen los mit Blick auf den lebhaften Forodhani Food Market, abendlicher kulinarischer Treffpunkt an der Ufer-Promenade, und das „Haus der Wunder". Mit kleinen Snacks, Getränken und Taarab-Musik geht es an der Küste entlang vorbei am Hafen und weiter zu den nahen Mangroven und den dort lebenden Sumpfvögeln. Übrigens ist Taarab eine sehr sanfte Musikart, die arabische, indische und afrikanische Klänge vereint und sich perfekt dem farbintensiven Spiel des Sonnenuntergangs anpasst. Für die Sansibari ist Taarab schlicht Kult. Freddie Mercury war zwar kein Taarab-Sänger, sondern der Leadsänger der weltberühmten Rockgruppe „Queen", aber auch er hat reichlich Anhänger auf der Insel im Indischen Ozean, die zu Tansania gehört. Schließlich wurde er hier geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in Stone Town. Die Tourguides werden auch in Nachhaltigkeit ausgebildet und achten sehr auf Umweltschutz. Sie wissen, dass die Natur ihr größtes Kapital ist, das es zu erhalten gilt. Die fantastische Unterwasserwelt mit den Korallenriffen, die Mangroven, die wichtig für den Küstenschutz sind, die schneeweißen Strände mit dem Eieruhrsand sollen ihnen und ihren Familien auch zukünftig ein gutes Auskommen im Tourismus sichern. Da bleibt kein Schnipsel Papier liegen, schon an Bord wir alles eingesammelt und auch sonst umsichtig agiert. Die jungen Sansibari sind hochmotiviert und nehmen die Planung ihrer touristischen Zukunft selbstbewusst in die Hände. Im Untergeschoss des Hauses mit dem Kawa Training Center hat sich Bluebikes eingemietet. Drei Kawa-Tourguide-Absolventen aus dem Jahre 2015 sind hier aktiv, vermieten und reparieren Räder, bieten begleitete Touren auf der ganzen Insel an, wie beispielsweise eine Gewürztour in den Masingini-Wald. Sansibar ist eine grüne Insel, ganz besonders im Süden. Viele sprechen von der Nelken-Insel, aber auch Muskatnüsse, Pfeffer, Koriander, Vanille, Zitronengras und der Lippenstiftbaum gedeihen hier prächtig. Letzterer hat seinen Namen von der roten stacheligen Frucht, die im Inneren kleine Kügelchen enthält. Einfach daran reiben und mit dem Finger auf die Lippen auftragen. Garantiert leuchtend rot! Ein Job im Tourismus ist für die jungen Sansibari (das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 920 US-Dollar im Jahr) eine Riesenchance, die sie nutzen wollen. Die 27- jährige Kawa-Schülerin Salma etwa hat einen Traum, sie möchte gerne Führungen im Kostüm der berühmten Prinzessin Salme von Sansibar und Oman anbieten. Die 1844 geborene Tochter des Sultans Sayyid Said hatte sich in Stone Town wenig standesgemäß in ihren deutschen, obendrein christlichen Nachbarn verliebt. Nachdem Schwangerschaftsgerüchte kursierten, flohen Heinrich Ruete und Salme Hals über Kopf mit einem Schiff von Sansibar nach Aden und weiter nach Hamburg. Eine Liebesgeschichte, die Salma inspiriert und eine Rolle, die sie trefflich spielen könnte, spricht sie doch neben Englisch auch ein akzentfreies Deutsch. Noch bedauert sie ihren geringen Wortschatz, doch das wird sich bei ihrem Engagement noch ändern. Hakuna matata! (Swahili: Kein Problem!)

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