0
Landschaftlich reizvoll: Die Kapverdischen Inseln sind eine Inselgruppe im Atlantischen Ozean. Sie liegen vor der afrikanischen Westküste. - © Karin Kura
Landschaftlich reizvoll: Die Kapverdischen Inseln sind eine Inselgruppe im Atlantischen Ozean. Sie liegen vor der afrikanischen Westküste. | © Karin Kura

Kapverden Erlebnisse auf Santo Antão

Eine wilde, zerklüftete Küste, dahinter eine einsame Bergwelt, das ist die kleine Vulkaninsel Santo Antão. Wanderpfade führen durch Bergdörfer, die nur zu Fuß erreichbar sind. Immer mit dabei ist die Musik, ohne Musik geht gar nichts auf den Kapverden

Karin Kura
23.11.2019 | Stand 21.11.2019, 17:50 Uhr

Es kräht der Hahn um 4.30 Uhr. Er zerreißt die Stille der Nacht. Erst nach sechs Uhr wird es allmählich hell. Ein neuer Wandertag beginnt, auf einer kleinen Insel im Atlantik. Sie heißt Santo Antão und gehört zur Inselgruppe der Kapverden. Im Tal Ribeira de Chã das Pedras brechen die Wanderer auf. Zuckerrohr-pflanzen stehen am Wegesrand, mit hellen, federweichen Blüten, die sich sachte im Wind wiegen. Es gibt Mango- und Papayabäume, auch wilden Pfeffer. Die Landschaft ist in Terrassen geformt, sie verleihen den Berghängen etwas Schwungvolles. Manche der Terrassen existieren schon seit über hundert Jahren, sie dienen als Anbaufläche für Mais, Maniok und anderes Gemüse. In einer Art Seitentäler-Hopping durchwandert die Gruppe an mehreren Tagen den Nordosten von Santo Antão. Angeführt von Markus Leukel, zugleich Reiseleiter und Wanderguide, geht’s von der Inselhauptstadt Ribeira Grande über Bergpässe in kleinere Seitentäler. Auf steinigen Eselspfaden, die sich hinauf bis auf 1.300 Meter Höhe schrauben. Auf der Route liegen Bergdörfer, in die keine Straße führt. Wo es ganz normal ist, dass Kinder ein bis zwei Stunden zur Schule laufen. Hier versorgen sich die Menschen selbst, neben Gemüseanbau besitzen viele auch Hühner und Schweine. Mittags kehren die Wanderer bei der Familie von Joana ein. Das Haus liegt im hintersten Zipfel eines namenlosen Tals. Hungrig nehmen die Menschen auf der Dachterrasse Platz, auf dem langen Tisch stehen Schüsseln mit Gemüsesuppe. In der offenen Küche gleich nebenan kochen die Frauen der Familie das kapverdische Nationalgericht Cachupa, ein Eintopf, basierend auf Mais, Bohnen und Gemüse. Das Mittagessen für Wandergruppen ist eine willkommene zusätzliche Einkommensquelle – und die Wanderer, sie genießen. Fühlen sich willkommen auf der Dachterrasse, dem Wohnzimmer der Familie. Von der abgeschiedenen Bergwelt führt die Wanderreise weiter ans Meer. Die Küste Santo Antãos prägen schroffe, steile Felshänge, an denen sich die Atlantik-Wellen lautstark und Gischt versprühend brechen. Ein faszinierendes Schauspiel. Zum Anschauen, weniger zum Baden. Ein Wanderpfad schlängelt sich an der spektakulären Küste entlang. Rechts ragt die steile Felswand in die Höhe, links geht’s geradewegs hinunter ins tosende Meer. Zwanzig Kilometer lang ist die Strecke und führt bis nach Ponta do Sol. Der Ort liegt auf einer Landzunge, wie auf dem Präsentierteller, und in perfekter Lage sowohl für Sonnenauf- als auch für Sonnenuntergänge. Ponta do Sol gilt mit seinen rund zehn Hotels und Pensionen als Touristenhochburg der Insel. Tatsächlich hoch ist das neueste Hotel, ein unansehnlicher Klotz direkt am Hafen. Von dort aus hat man jedoch einen guten Blick für den Moment, wenn die Fischerboote reinkommen. Wie sie das bewerkstelligen, ist schon abenteuerlich: Kaum mehr als eine enge, mit Felsen gespickte Bucht, das ist der Hafen. Der Wind peitscht die Wellen hinein, und die bunten Holzboote darauf gleich mit, sie landen unsanft am Strand. Anschließend wird ausgeladen und der Fang auf einem großen steinernen Tisch gewogen. Auf einer alten Waage mit Gewichten und zwei Schüsseln. Unweit vom Hafen, an der Strandpromenade, hat Carla Costa gerade die schwarze Tafel vor ihrem Haus Música do Mar aufgestellt. Darauf steht zu lesen, dass es heute Abend Livemusik gibt. Wie fast jeden Abend. Es spielen Carlas Vater sowie ihr Bruder, mit Gitarre und Ukulele, eine Art Mini-Gitarre. Das Música do Mar, Pension, Restaurant und Musiklokal in einem, ist immer gut besucht. Die Musik, sie war es auch, die Reiseleiter Markus Leukel auf die Kapverden zog. Im Jahr 2008 kam er zum ersten Mal auf die Inselgruppe, die rund 450 Kilometer vor der Küste Senegals liegt. Er ist Musiker, genauer Schlagzeuger und Perkussionist, ihn interessieren besonders die Rhythmen der Kapverden. Und der Westerwälder begann, die traditionellen Stilrichtungen zu erforschen und zu systematisieren. Das hatte vor ihm noch keiner gemacht, und so gab er auf Einladung der kapverdischen Universität Workshops für lokale Bands und gründete schließlich eine Musikschule. Während die Gäste im Música do Mar noch beim Essen sind, swingt der Laden schon, die Stimmung steigt. Auch draußen vor der Tür wippen Passanten. Carla und die anderen Frauen, die gemeinsam das Música do Mar mit acht Gästezimmern betreiben, sie beherrschen das Kunststück, Essen und Getränke zu servieren, zu tanzen und mitzusingen. Alles gleichzeitig. Die kapverdischen Klänge lassen Gastgeber und Gäste miteinander verschmelzen. Mittendrin schwingt Markus das Tanzbein. „Die Musik ist der Schlüssel zu den Herzen der Menschen", weiß Markus. Mal bedächtig, melancholisch und sentimental, aber auch feurig kann sie sein. Ein Mix aus afrikanischen und portugiesischen Einflüssen prägt die Inselgruppe, die einst ein Umschlagplatz für den Sklaventransport nach Amerika war. Im Jahr 1975 wurden die Kapverden von Portugal in die Unabhängigkeit entlassen. „Die Touristen denken oft, das hier wäre Afrika, es stimmt aber nicht", meint Carla Costa. „Wir sind weder Afrikaner noch Europäer, wir haben aus allen Einflüssen etwas Eigenes, Kapverdisches kreiert." Bekannt wurden die Kapverden bei uns durch die Musikerin Cesária Évora. Mit ihrer Stimme, dem sentimentalen Morna-Gesang, trug sie ihre Heimat nach Europa. Die Sängerin kommt von São Vicente, der Nachbarinsel Santo Antãos. Dort ist der kleine Flughafen nach ihr benannt, auch ein Denkmal steht davor und erinnert an sie. Die Inselhauptstadt Mindelo, vor wenigen Jahren noch ziemlich heruntergekommen, ist heute eine schmucke Hafenstadt. Mit herausgeputzten bonbonfarbenen Häuschen und zahlreichen Musikkneipen. In Mindelo lebt Markus gemeinsam mit seiner kapverdischen Frau. Manchmal lädt der 52-Jährige die Wandergruppen zu sich nach Hause ein. Dann packt er seinen Rhythmus aus, trommelt die Cachon, eine Trommel, die wie eine Kiste aussieht, begleitet von einer Gitarre. Zur Hausmusik gibt’s ein Abendessen, auf dem langen Wohnzimmertisch ist für die Gäste eingedeckt. Mit dem Rosengeschirr von Markus’ verstorbener Großmutter.

realisiert durch evolver group