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Berühmt: Die Statue Leif Erikssons blickt über den Eriksfjord im Südwesten Grönlands. Er war der erste Europäer in Nordamerika. - © Michael Juhran
Berühmt: Die Statue Leif Erikssons blickt über den Eriksfjord im Südwesten Grönlands. Er war der erste Europäer in Nordamerika. | © Michael Juhran

Grönland/Kanada Auf der Route der Nordmänner

Vor mehr als 1.000 Jahren erkundeten die Nordmänner als erste Europäer die Küsten des heutigen Kanada. Mit einem Expeditionsschiff kann man ihren Spuren folgen – ein spannender Exkurs in die Geschichte und Gegenwart

Michael Juhran
23.11.2019 | Stand 21.11.2019, 17:44 Uhr

Qassiarsuk ist ein unscheinbarer Ort an der Südwestküste Grönlands mit gerade einmal 75 Einwohnern. Ein paar Bauernhöfe, grasende Schafe und Pferde sowie ein planierter Schotterweg entlang der Küste eines langgezogenen Fjordes. Nur die Statue des Amerika-Entdeckers Leif Eriksson auf einer Felsklippe und der Nachbau eines nordischen Langhauses sowie einer kleinen Kirche am Rande der Bucht deuten darauf hin, dass dieser Ort die Keimzelle einer der größten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte ist. Hier ließ sich im Jahr 985 Erik der Rote mit seinem Sohn Leif Eriksson sowie circa 800 weiteren Isländern nieder, nachdem er in seiner Heimat geächtet wurde – die erste permanente Siedlung von Europäern auf Grönland. Von seinem Hof „Brattahlid" aus starteten die Nordmänner den isländischen Sagas zufolge vier große Exkursionen, um die Küste des heutigen Kanada zu erforschen. Landet man heute mit dem Expeditionsschiff im Fjord vor Qassiarsuk, so kann man sich in dieser entlegenen Region gut vorstellen, mit welchem Wagemut und welcher Hoffnung die Nordmänner ihre neue Heimat erschlossen. Dabei trafen sie auf günstige klimatische Bedingungen. Die Mittelalterliche Warmzeit (ca. 950 bis 1250) brachte selbst im Winter milde Temperaturen und die Wiesen müssen so grün gewesen sein wie jetzt auch, so dass Schafe und Ziegen im Sommer reichlich Nahrung fanden. Von Bergketten geschützte Fjorde, Süßwasserquellen und der nahegelegende Gletscher Qooroq ähneln der Landschaft Islands, wo guter Boden zur Jahrtausendwende bereits aufgeteilt war. Erik der Rote hatte die grönländische Küste drei Jahre lang mit einer kleinen Gefolgschaft erkundet, bevor er 985 mit 14 Schiffen voller Siedler zurückkehrte. Obwohl die größte Insel unserer Erde überwiegend von einem dicken Eispanzer bedeckt ist, reichte die sommerliche Vegetationsperiode im milden Klima des südwestlichen Küstenbereiches damals aus, um Gemüse anzubauen und Haustiere zu halten. Schlendert man heute im kleinen Qassiarsuk von Hof zu Hof, so gedeihen in einigen Gärten Kartoffeln, Zwiebeln, Karotten und Rote Bete. In einem nachgebauten Langhaus erfährt man, wie sich die Nordmänner mit dicken Torfwänden vor der kalten Jahreszeit schützten. Mit Fellen belegte Sitze an den Feuerstätten strahlen in den schlichten Unterkünften sogar eine gewisse Gemütlichkeit aus. Eine kleine Kirche neben dem Langhaus deutet darauf hin, dass auch hier die Christianisierung wenige Jahre nach Einzug des Christentums in Island (Jahr 1000) ihren Lauf nahm. Ersteigt man den Felsen mit der Statue Leif Erikssons, so öffnet sich ein Rundblick auf eine malerische, von Bergen umgebene Bucht, die im Sommer zu Wanderungen oder zu einer Bootstour zum Icefjord mit seinen bizarren Eisbergen einlädt. Weiter südlich trifft man in Igaliku auf das geistliche Zentrum der Nordmänner mit den Überresten des ersten Bischofssitzes auf Grönland. Ein wichtiger Rohstoff fehlte den Nordmännern jedoch im nahezu baumlosen Grönland: Holz für die Reparatur und den Bau von Schiffen, ihrem lebenswichtigen Transportmittel. Dieser Mangel dürfte auch das Hauptmotiv für ihre Expeditionen in Richtung Westen gewesen sein. Als erprobte Seefahrer überquerten sie in wenigen Tagen die über 300 Kilometer breite Davisstraße. Selbst mit hochmoderen Expeditionsschiffen, wie der „Fram" von Hurtigruten, ist die Passage nach Labrador keine Spazierfahrt. „Wenn die Sicht durch Nebel oder Schnee stark eingeschränkt ist, muss man äußerst vorsichtig sein, da in den Gewässern auch Eisberge treiben", bestätigt „Fram"-Kapitän Ole Johann Andreassen. Man mag sich lieber nicht vorstellen, wie es Leif Eriksson und seiner Mannschaft in offenen Booten bei der ersten Reise erging, als sie im Jahr 1000 der Grönlandsaga zufolge in die neue Welt vorstießen. Doch die dichten Wälder in Labrador und Neufundland müssen ihnen wie ein Geschenk Gottes vorgekommen sein. Holz, Beeren, Karibus, Elche sowie Fische und Robben im Überfluss. Wenn die „Fram" vor den kanadischen Küstenorten anlegt, kann man sich in den örtlichen Museen davon überzeugen, wie enorme Fisch-, Robben- und Walbestände über Jahrhunderte Walfänger, Fischer und Händler aus aller Welt anlockten, bis die Überfischung in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts für viele Orte das wirtschaftliche Aus brachte. Geblieben sind idyllische Weiler, die heute zum großen Teil vom Tourismus leben. Auch die Siedlung von Leif Eriksson an der Nordspitze von Neufundland hat sich zu einem touristischen Magneten entwickelt, nachdem das norwegische Ehepaar Ingstad deren Grundmauern in den Jahren 1960 bis 1968 freilegte. Inzwischen hat Parks Canada das UNESCO-Welterbe „L’Anse aux Meadows" übernommen und Nachbauten der ersten Torfhäuser und einer Wikingersiedlung errichtet, in der selbst die Kopie eines der berühmten Schiffe der Nordmänner zu bewundern ist. Hier wird wie im Mittelalter gesponnen, gewebt, geschmiedet und Viehzucht betrieben. Erst im Museumsdorf wird man sich als Besucher der historischen Bedeutung des kleinen Ortes bewußt. Erstmals trafen Menschen, deren Vorfahren vor 100.000 Jahren von Afrika aus entweder nach Osten über Asien oder nach Westen über Kontinentaleuropa auswanderten, wieder aufeinander. Zögerliche Annäherungsversuche durch Handel fanden jedoch aufgrund strittiger Auseinandersetzungen mit tödlichem Ausgang ein Ende, so dass die Nordmänner ihre Aufenthalte im heutigen Kanada jeweils auf maximal zwei Winter begrenzten. Den Ausgrabungsergebnissen der Ingstads zufolge wurde die Siedlung in „L’Anse aux Meadows" bereits im Jahr 1020 wieder aufgegeben. Die Natur überdeckte die Spuren der ersten Europäer in Amerika und es dauerte weitere 500 Jahre, bis Kolumbus den Kontinent neu entdeckte.

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