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Abwechslungsreiches Stavanger: Norwegens Erdölmetropole ist der perfekte Ausgangspunkt für die Wanderungen im Lysefjord. - © Jessica Weiser
Abwechslungsreiches Stavanger: Norwegens Erdölmetropole ist der perfekte Ausgangspunkt für die Wanderungen im Lysefjord. | © Jessica Weiser

Norwegen Zur rechten Zeit am rechten Ort

Im Winter in die Region Fjord Norwegen reisen? Wer kommt denn auf die Idee? Die wenigsten! Gerade deshalb lohnt sich die Reise besonders. Ein Selbstversuch zwischen Stavanger und Bergen

Jessica Weiser
16.11.2019 | Stand 15.11.2019, 18:08 Uhr

Ob Tom Cruise bei seiner Wanderung auf den Preikestolen wohl ins Schwitzen gekommen ist? Bestimmt nicht! Vermutlich ist der durchtrainierte Schauspieler, der auf dem berühmten Felsplateau nahe Stavanger Szenen für seinen Kino-Blockbuster „Mission: Impossible 6" gedreht hat, in Rekordzeit nach oben gesprintet oder hat sich filmreif aus einem Hubschrauber abgeseilt. Ein solch spektakulärer Auftritt bleibt uns an diesem sonnigen Wintermorgen verwehrt. Macht aber nichts. Es wären ohnehin kaum Zuschauer da, die uns dafür feiern könnten – und das, obwohl der Aufstieg auf den 604 Metern hohen Preikestolen zu den berühmtesten Bergtouren Norwegens gehört. Jedes Jahr machen sich über 300.000 Wanderer auf den Weg. An diesem Tag stehen jedoch nur eine Handvoll Autos auf dem Parkplatz an der Preikestolen Mountain Lodge, dem Ausgangspunkt für die Wanderung. Johannes Apon, Guide und Geschäftsführer von Outdoorlife Norway, weiß wa-
rum: „Früher wurden zwischen Oktober und April keine geführten Wanderungen auf den Preikestolen angeboten", erzählt der gebürtige Niederländer, der seit 2008 in Norwegen lebt. Überhaupt seien die Wintermonate bei Norwegen-Reisenden nicht besonders beliebt. „Seit einigen Jahren findet aber ein Umdenken statt, denn während es im Sommer oben richtig voll werden kann, ist man vom Spätherbst bis ins Frühjahr so gut wie alleine unterwegs." Der Weg nach oben sei sogar bei Schnee machbar. Für diesen Fall haben Johannes und seine fünf Kollegen leichte Steigeisen dabei. Schnee liegt an diesem 1. März zwar nicht mehr, das macht die Tour aber nicht weniger anstrengend. „Die Wanderung startet auf 240 Metern über dem Meeresspiegel, im Grunde betrügen wir also ein bisschen", scherzt Johannes. Gleichzeitig warnt er jedoch: „Die fast vier Kilometer bis nach oben haben es trotzdem in sich. Steinig und stufig geht es stetig bergauf. " Apropos Stufen. „Dass der Wanderweg so gut in Schuss ist, haben wir nepalesischen Sherpas zu verdanken", erzählt der Guide auf unserem Weg nach oben. Bis vor wenigen Jahren sei es noch kreuz und quer über große Steinbrocken gegangen. Aus diesen haben die Männer aus Nepal akkurate Stufen geformt, die den Weg sicherer und komfortabler machen. „Das ist alles Handarbeit", erzählt Johannes. „Die Männer können problemlos ihr eigenes Körpergewicht tragen." Froh da-
rüber, dass unsere Rucksäcke deutlich leichter sind – wir kommen auch so schon genug aus der Puste – genießen wir den Weg nach oben und die zahlreichen tollen Aussichten. Zum Beispiel auf die zerklüftete Küstenlandschaft rund um Stavanger oder den zugefrorenen Tjødnane See unweit des Gipfels. Das Beste kommt aber bekanntlich immer zum Schluss, das ist hier nicht anders. Der Preikestolen, der vor rund 10.000 Jahren durch das Abschmelzen des Inlandeises entstand, ist schlicht beeindruckend. 604 Meter unter uns liegt der Lyse-
fjord. Die Wasseroberfläche ist glatt wie ein Spiegel. „Das kommt selten vor", weiß Johannes. „Normalerweise gibt es immer kleine Wellen." Ganz Mutige robben an die Felskante und wagen den Blick in die Tiefe, andere geben sich mit dem Weitblick aus sicherer Entfernung zum Abgrund zufrieden. Kurz versucht man sich vorzustellen, wie es hier wohl aussieht, wenn sich Hunderte Menschen gleichzeitig auf dem Plateau tummeln und versuchen, das beste Foto zu schießen. Tatsächlich ist das unvorstellbar. „Wer Norwegen ohne Touristenmassen erleben will, der muss in der Nebensaison zu uns kommen", sagt auch Anders Nyland, Chef des Bergen Tourist Board. Angst vor dem Wetter müsse man zwischen Oktober und April nicht haben. „Das ist das echte, ursprüngliche Norwegen. Das raue Wetter macht unser Land erst besonders." Und wenn es mal wirklich in Strömen regnet – was in Bergen, regenreichste Stadt Europas, zu jeder Jahreszeit passieren kann? „Dann gibt es in der Region Fjord Norwegen genügend Möglichkeiten, um sich die Zeit in Museen und bei gutem Essen zu vertreiben", rät Nyland. „Go Viking" lautet das Motto, mit dem die Region für die dunkle Jahreszeit wirbt. Apropos Essen. Viele Restaurants in den Fjorden Norwegens haben sich der regionalen Küche verschrieben und setzen auf frische Produkte von lokalen Lieferanten. Einer von ihnen ist Bjarte Finne, Chefkoch im Hotel Fretheim in Flåm. Das Dorf liegt am Ende des Aurlandsfjords, einem Seitenarm des großen Sognefjords. Finne und sein Team unterstützen so die Bauern in der Gegend. „Indem wir mit den Landwirten kooperieren geben wir ihnen Sicherheit und bekommen dafür Top-Produkte. Das ist eine Win-win-Situation für die Bauern und das Hotel." Eine Spezialität der Region: Ziegenkäse. Eine weitere Besonderheit: In Flåm hält die berühmte Flåmbahn. Die Fahrt von 867 Metern in Myrdal hinunter auf nur zwei Meter über dem Meeresspiegel dauert etwa eine Stunde und zählt zu den schönsten Zugstrecken der Welt. Während sich in den Sommermonaten Touristen aus aller Welt in die historischen Waggons quetschen, ist es an diesem Abend angenehm leer. Während es dämmert und leichter Schneefall einsetzt, sorgt die Heizung für Wärme und die Lampen tauchen das Abteil in behagliches Licht. Am Kjosfossen hält die Bahn und entlässt die Reisenden in eine gespenstische Stille. Dort, wo sonst Wassermassen in die Tiefe stürzen, regt sich nichts. Der Wasserfall ist eingefroren. Bunte LED-Lichter zeigen an, wo das Wasser sich sonst seinen Weg bahnt. Richtig heimelig fühlt es sich an, wenn man nach der Fahrt im urigen Ægir BryggeriPub in Flåm einkehrt und sich am neun Meter hohen Kamin bei Bier und Essen im Wikingerstil aufwärmt. Schließlich kommt man sich gerade selbst wie ein Wikinger auf Entdeckungsreise vor. Ganz wie die hartgesottenen Nordmänner kann man im Auerlands- und Nærøy-
fjord auch auf Safari gehen – wilde Tiere inklusive. „Mit etwas Glück sieht man hier Seehunde, Schweinswale oder Adler", erzählt unserere Führerin Ane Olivie Oppheim. So viel Glück haben wir leider nicht. Aber auch ohne tierische Bewohner ist die Landschaft atemberaubend schön und vor allem wieder einmal menschenleer und still.

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