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Herbstliches Stillleben: Das kleine Häuschen am See lädt zum Verweilen ein. - © Lädtke
Herbstliches Stillleben: Das kleine Häuschen am See lädt zum Verweilen ein. | © Lädtke

Kanada Farbenrausch am Lorenz-Strom

Wenn der Indian-Summer die Provinz Québec bunt anmalt, ist es Zeit für eine Entdeckungstour durch den frankophilen Teil Kanadas. Zum Beispiel im Parc de la Jacques

Manfred Lädtke
09.11.2019 | Stand 07.11.2019, 16:31 Uhr

Nicht sprechen, ganz langsam bewegen! „Öennck, öennck", ahmt Pierre den Lockruf eines Elchs nach. Angestrengt spät der Wildführer durch die auf einem See tanzenden Nebelschwaden. Vorsichtig robbt er auf allen Vieren ans Ufer. „Öennck!" Plötzlich raschelt das Geäst und platscht es im Wasser. Fehlanzeige. Nur ein Wasservogel landet in seinem Element. Es ist acht Uhr morgens. Seit zwei Stunden ist die Gruppe auf Elchpirsch. Da! Ein Schnaufen, ein leises Knacken – aber kein Elch. Haben die scheuen Tiere den Braten gerochen? Egal. Ouébec, Kanadas größte Provinz, bietet Naturliebhabern auf einer Länge von 300 Kilometern wildnisreiche,unermessliche Wälder, Tausende von Seen und Flüsse sowie „Logen"-plätze für Walbeobachtungen. Mittlerweile wölbt sich ein blanker, blauer Himmel über die herbstliche Szenerie. Blutrot und in leuchtendem Orange strahlen Ahorn und Hartriegel. An Flussufern stehen die Bäume wie flammende Fackeln am Straßenrand. Ein Bild wie von da Vinci gemalt. Ende September zeigen sich erste rote und gelbe Farbtupfer in den Laubbäumen. Dann geht es ganz schnell, erklärt Pierre bei einer Wanderung hoch über dem Jaques-Cartier-Fluss, der sich wie ein silbernes Band durch den kanadischen Farbkasten schlängelt. Kommt der Frost, verwandeln sich die bewaldeten Hügelzüge über Nacht in Märchenlandschaften. Am Ufer teilt die Naturschützerin Paddel für eine Flusspartie aus. Beim Gleiten durch die romantische Wildwest-Szenerie werden Geschichten von Trappern und Indianern wach. Seit Urzeiten siedelten Irokesen und Huronen am St. Lorenz-Strom und seinen Nachbarflüssen. Nach der Kanutour im Land der Abenteurer versammeln sich die Greenhörner am Lagerfeuer und lauschen bei gebratenem Wild und Fisch den Legenden aus grauer Vorzeit. Am nächsten Morgen zeigt der Reisekompass nach Tadoussac, wo Walbeobachtungen die Hauptattraktion an der Côte-Nord sind. Auf einem felsigen Vorsprung ragt der 900-Seelen-Ort weit in den Mündungsbereich zweier großer Wasserwege hinein. Das Salzwasser des St. Lorenz und das frische Süßwasser des Saguenay verbinden sich zu einem Whirlpool, dessen maritime Flora Walen als nahrhafter Fressnapf dient. „Erst als Dampfschiffe die Meere eroberten, kamen Touristen hierher", berichtet Maurice, während er seiner Gruppe Schwimmwesten und Öljacken reicht. Dann steuert er sein wendiges Schlauchboot zu den Tummelplätzen von Minkwalen und Finnwalen. Plötzlich, wie auf Kommando, werden Kameras in Position gebracht. Wal in Sicht! Eine wuchtige, meterhohe Atemfontäne schießt aus dem Wasser. Wenig später passiert das, was Hobbyfotografen vor die Linse sehnen: Der majestätisch durch das Wasser stoßende Meeressäuger zeigt sich mehrere Male an der Oberfläche, hebt seine gewaltige Schwanzflosse senkrecht aus dem Wasser und taucht in einer gewaltig aufstiebenden Gischt ab in die Tiefe. Auf den Wellen des Tauchmanövers fährt das Schlauchboot Achterbahn. Es sei ihr fünftes, aber nicht letztes „Whale Watching" gewesen, versichert eine 73-jährige Lady aus Louisiana. Sie wolle einem Wal in die Augen sehen, das verheiße Glück und ein langes Leben. Am liebsten einem 30 Meter langen Blauwal, natürlich. Aber die sanften Riesen statten selbst der „Gourmet-Küche" in Tadoussac nur selten einen Besuch ab. An dieselbe Verheißung beim Blick in die großen Kulleraugen einer Robbe will die rüstige Amerikanerin freilich nicht glauben. Das erleichtert ihr später den Verzicht auf eine Kajak-Tour im Parc du Bic, einem großen Mosaik aus kleinen Buchten, Inseln und Sandbänken am Ufer des Lorenz-Stroms. Als die in Neoprenanzügen gezwängten Freizeitsportler in der Bucht von Anse á Orignal dem Sonnenuntergang entgegenpaddeln, äugen neugierig schwarze Köpfe aus dem stillen Wasser – so als wollten die Robben die Paddler zum Versteckspiel auffordern. Aufgepasst! Sechs Knopfaugen locken ein Kajak geradeaus, verschwinden dann aber blitzschnell unter Wasser. Sekunden später tauchen die Heuler Steuerbord oder Backbord wieder auf. Sind sie da, sind sie weg. Reingefallen. Während die Robben mit den Paddlern ihr Versteckspiel fortsetzen, bietet der Himmel ein rauschendes Kontrastprogramm. Hektisch flatternde weiße Punkte werden größer und größer. Mit aufgeregtem Geschnatter ziehen Tausende von Schneegänsen über den Parc du Bic. Die weiß gefiederten Vögel haben den kurzen arktischen Sommer genutzt, um ungestört brüten und den Nachwuchs heranziehen zu können. Nun machen sie auf ihrer Reise an die nordamerikanische Ostküste in den Wildreservaten vor den Toren der Provinzhauptstadt Québec-City Station. Beim Anblick der gewaltigen Heerscharen ist es kaum vorstellbar, dass die Tiere vor einigen Jahrzehnten noch ums Überleben kämpften. In der Ortschaft Montmagny ist die Vorfreude auf die gefiederten Gäste besonders groß: Dort wird ihre Ankunft mit einem Schneegans-Festival gefeiert. Nach 30 Sekunden ist der himmlische Rausch vorbei. Nur das Klatschen der Paddel und das „Pluntsch" der auf und abtauchenden Robben mischt sich in die Stille der einsamen Bucht.

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