0
Ein Gringotts-Kobold wartet auf Kundschaft. - © Jessica Weiser
Ein Gringotts-Kobold wartet auf Kundschaft. | © Jessica Weiser

Reise Magische Momente für Muggel

Einmal im Leben in der Großen Halle von Hogwarts stehen, einen Blick in Dumbledores Büro werfen oder auf einem Besen reiten: Die Warner Bros. Studio Tour lässt die Träume von Harry-Potter-Fans wahr werden

Jessica Weiser
03.11.2019 | Stand 24.10.2019, 17:30 Uhr |

London Ein tiefes Grollen erfüllt den Raum. Überall Rauch und Trümmer. Dann zeigt er sich: ein großer Drache. Und der hat ziemlich schlechte Laune. Brüllend bewegt er sich auf die Menschen zu. Erst langsam, dann schneller. Schließlich reist er sein Maul auf und spuckt er Feuer. Flammen lodern, dichter Rauch und heiße Luft schlagen mir ins Gesicht. Grund zur Panik? Ach was! Stattdessen ertönt um mich herum begeistertes Gemurmel und ich blicke in strahlende Gesichter. Kein Wunder, erstens ist das Ganze „nur“ eine äußerst gelungene 3-D-Animation und zweitens handelt es sich hier nicht um irgendeinen Drachen, sondern einen Ukrainischen Eisenbauch – den Bewacher der Verliese der Zaubererbank Gringotts. Muggeln, nicht-magischen Menschen, wird das jetzt vermutlich wenig sagen. Harry-Potter-Fans wie mir läuft beim Gang durch die von Kobolden geführte Bank jedoch ein wohliger Schauer über den Rücken. Staunend schlendere ich an den Schalterreihen vorbei. Es wirkt fast so, als warteten die kleinen, faltigen Gesellen, die dort sitzen, nur darauf, dass ich anhalte, um ein paar Galleonen, Sickel und Knut abzuheben. Gleich um die Ecke stehen alle Besucher schließlich vor dem prall gefüllten Verlies der Familie Lestrange. Spätestens jetzt würde ich nur allzu gerne zugreifen. „Das lohnt sich leider nicht“, verrät mir Asleigh. „Alle Schätze, die man hier sieht, sind aus Gummi.“ Die 22-Jährige, selbst großer Harry-Potter-Fan, muss es wissen. Sie ist eine von 100 „Interactors“. Ihr Job besteht darin, die Fragen der Besucher zu beantworten. Vor den Toren Londons Die Enttäuschung über Ashleighs Worte wärt nur kurz. Dazu ist das, was man bei der Warner Bros. Studio Tour vor den Toren Londons zu sehen bekommt, einfach viel zu beeindruckend. Die Große Halle von Hogwarts, der Gemeinschaftsraum der Gryffindors, das Zaubereiministerium – für ein paar Stunden tauche ich voll und ganz ein in die Welt des berühmtesten Zauberschülers der Welt. Und das an einem ganz besonderen Ort. In Leavsden, rund 30 Kilometer von der britischen Hauptstadt entfernt, wurde zwischen 2000 und 2010 die berühmte Buchreihe von Joanne K. Rowling verfilmt. Nach dem Ende der Dreharbeiten wurden die Requisiten und Sets nicht mehr gebraucht. Wiederverwenden war bei den speziellen Stücken schwierig und vernichten kam ebenso wenig in Frage. In zwei großen Hallen auf dem Gelände der Filmstudios fanden sie deshalb ein neues Zuhause. Dass sich dort seitdem nichts mehr getan hat, kann man dabei nicht behaupten. Seit die Ausstellung 2012 für Besucher geöffnet wurde, wird sie ständig erweitert. Nach dem Gleis 9 3/4 inklusive Hogwarts-Express sowie dem Verbotenen Wald ist Gringotts die dritte große Neuerung. Seit April ist die prächtige Eingangshalle der Zaubererbank mit ihren hoch aufragenden Marmorsäulen und den drei riesigen Kristallleuchtern zu sehen. „Im ersten Film Der Stein der Weisen wurde die Szene in der Australischen Botschaft in London gedreht“, erzählt Ashleigh. „Für die Dreharbeiten wurde sehr viel herumgeräumt. Ich glaube, das kam dort nicht so gut an.“ Deshalb habe sich die Filmcrew dazu entschieden, Gringotts für den zweiten Teil von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ nachzubauen. Magische Gegenstände Es ist beeindruckend, was nicht nur die Set-Bauer, sondern auch das Requisiten-Team sowie die Kostüm- und Maskenbildner in zehn Jahren geschaffen haben. „Im Zauberstab-Geschäft von Olivander stehen zum Beispiel 17.000 einzeln beschriftete Schatullen, in der Vitrine neben Dumbledores Denkarium befinden sich 800 handgefertigte und beschriftete Glasfläschchen und im Laden der Weasley-Brüder in der Winkelgasse könnte man tatsächlich 120 verschiedene Produkte kaufen“, sagt Ashleigh. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. An allen Ecken stoße ich auf bekannte Gegenstände. Aber selbst Fans, die die Filme mehr als einmal gesehen haben, finden und erfahren immer noch etwas Neues. Wer wusste etwa, dass kleine goldene Totenkopf-Köpfe die Ärmel von Dolores Umbridges rosafarbenem Outfit zieren. „Auf den ersten Blick sieht sie ja total nett aus. Alles ist in Pink und Rosa gehalten und an der Wand in ihrem Büro hängen Teller mit süßen Kätzchenmotiven“, erklärt Ashleigh. „Mit den Knöpfen wollten die Kostümdesigner ihren absolut bösen Charakter unterstreichen.“ Genau hinschauen lohnt sich aber nicht nur bei einer der meistgehassten Figuren im Harry-Potter-Universum. Oft sind es nämlich die kleinen Dinge, die ganz besonders viel Spaß machen. Zum Beispiel der Zauberstab, der in Snapes Kerker unermüdlich den Zaubertrank umrührt, der Schal, der sich im Wohnzimmer der Weasleys selbst strickt oder die 100 Kürbisse, die rund um Halloween von der Decke der Große Halle herabhängen und von denen sich einige auf und ab bewegen. Gespannt wartet man auch vor der Vitrine mit dem Monsterbuch der Monster, das mit den Augen klimpern und den Mund öffnen kann. Passend zu Halloween Passend zu Halloween wurde außerdem die Große Halle neu dekoriert. Anstelle der schwebenden Kerzen hängen nun über 100 leuchtende Kürbisse an der Decke. Einige von ihnen bewegen sich sogar auf und ab. Passend zum gruseligen Fest gibt es zu dem noch die Sonderausstellung "Die dunklen Künste" (noch bis zum 10. November). In dieser Zeit schwebt nicht nur das Dunkle Mal am Himmel des verbotenen Waldes. An mehreren Ständen erfährt man zudem etwas über die Masken und Outfits der Todesser und in einem Duell kann man gegen diese sogar antreten. Soviel sei verraten: Am Ende gewinnt natürlich das Gute. Ein Erlebnis ist es auch mit einem Löffel in Einhorn-Blut und Troll-Rotz herumzurühren. Hergestellt wird all das aus einem klebrigen Schleim, der passend eingefärbt wird. "Bloß nicht anfassen", rät der "Interactor" hinter dem Stand. "Das Zeug klebt wie Hölle." Noch größere Anziehungskraft haben die Besen, die vor einer grünen Wand, dem sogenannten Greenscreen, aufgereiht wurden und auf denen Besucher Platz nehmen können. Natürlich nicht, bevor sie sich noch ganz stilecht einen Zaubererumhang übergeworfen haben. Special-Effects sei Dank erlebt jeder so seinen ersten Besenflug über London. Absteigen möchte ich danach nicht mehr und den Umhang hergeben auch nicht – doch die Schlangen vor den Greenscreens sind lang und es gibt noch so viel zu sehen. Wer es nicht mehr zur Halloween-Ausstellung schafft, der muss nicht traurig sein. "Über das Jahr verteilt gibt es immer wieder solche speziellen Aktionen", verrät Ashleigh. "Und die sind mindestens genau so spannend!"

realisiert durch evolver group