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Ausblick: Vom Trippstein haben Wanderer einen herrlichen Blick über Schwarzburg. Friedrich Ebert unterzeichnete dort 1919 die Weimarer Verfassung, woran ein Gedenkstein erinnert. - © Kristine Gresshöner
Ausblick: Vom Trippstein haben Wanderer einen herrlichen Blick über Schwarzburg. Friedrich Ebert unterzeichnete dort 1919 die Weimarer Verfassung, woran ein Gedenkstein erinnert. | © Kristine Gresshöner

Deutschland Das vergessene Tal

Schwarzatal: Für Wanderer, die Ruhe und Abgeschiedenheit suchen, ist der Panoramaweg in Thüringen ein Geheimtipp. Die Region ermöglicht nicht nur ungestörtes Weitwandern, sondern auch kürzere Ausflüge

Kristine Greßhöner
26.10.2019 | Stand 24.10.2019, 17:35 Uhr

"Lothar!", schallt es durch den Wald nahe Oberweißbach. Zwischen den Bäumen steht der Pilzsammler in blauer Regenkleidung und ruft seinen Hund. Als Lothar zurück bei Herrchen ist, kehrt wieder die gewohnte Ruhe ein auf dem Pa-
noramaweg im Schwarzatal, wo normalerweise deutlich mehr Bäume als Menschen und Hunde zu finden sind. Das Wasser gurgelt im Bach, die Wipfel der Bäume rauschen im Wind, der Regen tropft von der Kapuze. Und ansonsten herrscht Stille. Außerhalb der Siedlungen, die meist in einiger Entfernung vom vorbildlich gekennzeichneten Weg im Tal liegen, scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Verwitterte, hölzerne Wegezeichen weisen an manchen Kreuzungen so viele Ziele aus, dass erst ein Blick auf das eigene GPS-Gerät Klarheit bietet. Sie könnten Relikte jener Hoch-Zeit sein, die die Region während der Sommerfrische mit Tausenden DDR-Urlaubern erlebte. Heute ist es ruhig geworden im Schwarzatal. Was zunächst verschlafen wirken mag, hat sich zu einer heimlichen Stärke entwickelt, von der naturbewusste Wanderer später schwärmen werden. Und wer kürzeren Tagestouren von sechs bis 15 Kilometern Länge den Vorzug gibt, findet ein ansprechendes Touristik-Konzept mit bemerkenswert vielen Möglichkeiten vor. Jeder Wunsch kann im Schwarzatal erfüllt werden, sofern der ambitionierte Urlauber ein Wanderer ist. Wer am liebsten als Selbstversorger mit der kompletten Ausrüstung unterwegs ist, findet Abgeschiedenheit und sportliche Herausforderung zugleich. Die rund 4.000 Höhenmeter setzen eine gute Grundkondition vo-
raus und können in den planmäßig acht Etappen, aber auch in deutlich weniger Tagesetappen bezwungen werden. Anders als auf dem benachbarten Rennsteig sind andere Menschen auf dem Weg eine Seltenheit. Versorgungspunkte wie zum Beispiel Gaststätten gibt es zudem wenige. Und so lohnt sich der Besuch des Fröbelturms bei Oberweißbach gleich doppelt, um bei gutem Wetter die Aussicht zu genießen. Die hausgemachten Klöße sind köstlich. Wer mehr als die Landschaft und die Wanderpfade entdecken möchte, erhält in den örtlichen Touristeninformationen eine Fülle von Broschüren. Darin: die so genannten Wanderstarts. Das Konzept überzeugt: Losgelöst vom Panoramaweg, dafür in dessen direkter Nähe, markieren diese Starts die Ausgangspunkte für kürzere Rundwanderwege. An den Wanderstarts sind praktischerweise Einkehr- und Parkmöglichkeiten vorhanden sowie ein Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr. In den Broschüren gibt es eine Karte und wichtige Hinweise im handlichen Format. Doch nicht nur die verwunschenen Täler laden zum Verweilen ein. Auch die Sehenswürdigkeiten der Region bieten eine unerwartet große Vielfalt. So laden die Feengrotten, die früheren Bergwerksstollen in Saalfeld, zum Entdecken ein. Als die „farbenreichsten Schaugrotten der Welt" sind sie im Guinness-Buch der Rekorde seit 1993 erfasst. Die Führungen mit Cape und, wer mag, mit Zipfelmütze, sind liebevoll gestaltet, lehrreich und unterhaltsam. In der nahen Innenstadt, direkt am Marktplatz, wird in der Güldenen Gans eine Thüringer Spezialität serviert. Das Rostbrätel ist ein Nackenstück vom Schwein, gegrillt auf dem Holzkohlengrill. Gut gesättigt kann es weitergehen auf Schloss Schwarzburg. Auf einem Bergsporn über dem Tal der Schwarza gelegen, blickt es auf bewegte Zeiten zurück und ist zurzeit eine große Baustelle, die man besichtigen kann. Umso beeindruckender wirkt das Zeughaus: Seit 2018 wird die Waffensammlung der Schwarzburger Fürsten wieder an derem Stammsitz gezeigt. Die Sammlung ist mit etwa 4.000 Objekten die älteste fürstliche Zeughaussammlung in Deutschland. Das laute Piepsen verrät es: Die kostbaren Gewehre und Schwerter werden von einer empfindlichen Alarmanlage überwacht. Eine Führung lohnt sich. Historisch ebenso reizvoll ist ein Besuch im Geburtshaus Friedrich Fröbels in Oberweißbach. Wo der Begründer des Kindergartens seinerzeit als Baby über die Holzdielen robbte, ist heute ein pittoreskes Museum eingerichtet. Gerd Eberhardts mitreißender Vortrag über Fröbels Leben macht die historische Figur erlebbar. In den Räumen nebenan hängt der Duft der Olitäten, jener Naturheilmittel, für die die Region früher bekannt war. Noch lange begleitet der Kräuterduft den Wanderer weiter auf seinem Weg durch das Schwarza-
tal.

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