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Ein wahrer Hochgenuss, inklusive Idylle pur: Mit dem Hausboot auf der Charentes durch Cognac-Country. - © Wolanewitz
Ein wahrer Hochgenuss, inklusive Idylle pur: Mit dem Hausboot auf der Charentes durch Cognac-Country. | © Wolanewitz

Frankreich Hausbootreise auf der Charentes

Entlang des Flusses im Südwesten Frankreichs warten zahlreiche Sehenswürdigkeiten und tolle Naturerlebnisse. Und wie ließen diese sich besser erkunden als mit einem gemütlichen Hausboot?

Ulla Wolanewitz
19.10.2019 | Stand 18.10.2019, 19:41 Uhr

Hausbootfahren? Wer kennt sie nicht, diese große Sehnsucht? In frühen Kindertagen wach gekitzelt von Huckleberry Finn, der mit Jim den Mississippi runterflößte oder von Tammy, dem Mädchen vom Hausboot, das Mitte der 1960er Jahre via Mattscheibe in die Wohnzimmer schipperte und damit das Tor zur Welt und der romantischen Schifffahrt öffnete. Heute müssen keine Bäume gefällt werden, um diese Sehnsucht nach Selbstbestimmung, unberührter Natur und Zeit zum freimütigen Philosophieren zur Pflege der eigenen Psychohygiene ausleben zu können. Das vergnügliche Abenteuer beginnt am „Port de Plaisance", wie die Franzosen ihre Marina, ihren Jachthafen nennen. Am Quai de François Mitterand in Jarnac. Diese kleine Gemeinde im Cognac-Country, in dem Courvoisier seinen edlen Tropfen produziert, ist der Geburtsort des einstigen Staatspräsidenten. Hier startet die Reise auf der Charentes, die auch namensgebend war für dieses Départment. Bevor die Wasserstraße der Cognac-Verschiffung diente, wurde auf ihr das Salz vom Atlantik ins Landesinnere befördert. Heute dürfen Freizeitkapitäne mit der „licence de plaisance" und einer komfortablen schwimmenden Ferienwohnung die Region erobern. „Mystique" heißt die moderne Hoppetosse, die hier ihre Besatzung erwartet. Ein Begrüßungskonzert zum „Einschiffen" gestaltet das Feder- und Amphibienvieh, das schnatternd und quakend seine neuen temporären Nachbarn empfängt. Kurze Einführung in Navigation und Technik und Leinen los mit Kurs auf Cognac. Auf die Stadt, die dem weltberühmten französischen Weinbrand seinen Namen gab. Ab durch die grüne Mitte. Die schwimmende Großraum-Badewanne mit ihren elf Knoten – etwa 20 Stundenkilometer – reagiert äußerst gelassen auf den Zick-Zack-Kurs einer noch unerfahrenen Kapitänin und lässt sich gut wieder auf Kurs bringen. Dafür wollen auf der knapp dreistündigen Flussfahrt durch den grünen Tunnel mächtige Zahnräder und riesige Ketten zum Öffnen und Schließen der drei Schleusen bewältigt werden. Teamwork und Muskelkraft braucht es auch beim Anlegen in Cognac. Die Stadt grüßt von Weitem mit ihrer „Porte Saintes-Jaques", dem Stadttor aus dem 15. Jahrhundert. Die City trumpft mit vielen kleinen Läden auf, die zum Flanieren und Entdecken einladen. Logisch dürfen in der Markthalle köstliche Käseproben degustiert werden. Vielleicht noch einen Cognac dazu? Es war der Brite Jean Martell, der 1715 von der Kanalinsel Jersey hierherkam, um als Cognac-Händler erfolgreich zu werden. Neben diesem bekannten Produzenten sind es auch Rémy Martin und Hennessy, die ihren Cognac in Cognac herstellen. Interessant: Im Destillationsverfahren geht ein Deputat – „Tarula" oder auch der „part de anges" – von zwei Prozent an die Engel. Dieser Anteil vaporisiert und schlägt sich als Ruß an den Wänden nieder. Ein altes Sprichwort sagt: Je schwärzer das Haus, umso schöner die Braut. „Wo Alkohol gebrannt wurde, floss Geld, und Töchter erhielten eine gute Mitgift", erklärt Jeremy Marcelino, der Gäste gerne durch das Museum der „Fondation D´Enterprise Martell" begleitet. Der Eingangsbereich gleicht dem Inneren eines Weinfasses. Unter einem Dach der Fondation befinden sich neben der Ausstellung zum Cognac-Herstellungsverfahren auch eine ständig wechselnde hochkarätige Kunstschau. Super auch: Der Eintritt ist frei. Der Besuch der Dachterrasse ebenso. Der „Martell" mit Blick über die Stadt will dann aber doch bezahlt werden. Schwan, Fischreiher und Biber eskortieren die Freizeitkapitäne weiter auf der Strecke nach Saintes. Nicht nur als „Bugfrollein" lässt sich die Schönheit dieser Idylle genießen. Das Schippern bereitet sogar das doppelte Vergnügen, alldieweil die Wasseroberfläche diese Bilderbuchidylle „natürlich" widerspiegelt. Der grüne Punkt vorm Bug? Ist keine Riesenschildkröte, sondern ein Schwimmer mit grüner Bademütze, der den Fluss für sein Training nutzt. Nach dreieinhalb Stunden und zwei Schleusen ist es Zeit, eine genüssliche Mittagsrast einzulegen. Das gelingt in Chaniers auch bestens. Sehr gut schwimmt die Regenbogenforelle, die „truite de arc-ciel", nach dem Genuss in einem gekühlten Roséwein. Weitere 90 Minuten auf dem Wasser braucht es nach Saintes. Am Ufer der Charentes prunkt der 2.000 Jahre alte „Arc de Germanicus", der ein Bruder vom Triumphbogen der Hauptstadt sein könnte. „Napoleon hat ihn hier für Paris abgekupfert", ist sich Stadtführerin Brigitte Torquéau sicher. Das umfassende historische und architektonische Erbe aus gallo-römischer Zeit dieser Stadt, ist hier nicht nur in Museen zu bestaunen. Auch laden das Amphitheater und die Benediktinerabtei von 1047 zu einer spannenden Zeitreise in vergangene Jahrhunderte ein. „Im Augenblick verweilen!", empfiehlt ein alter Cognac-Werbeslogan. Mit Blick auf den illuminierten „Germanicus" am Abend und einem Apéritif an Deck, fällt das nicht schwer. Einfach macht es der „Pineau de Charentes", als Likörwein sozusagen der kleine, jüngere Bruder vom Cognac. Nein, Hausbootfahren ist keine Regatta. Hier ist der Weg das Spiel, das Ziel, der Genuss. Wo sonst ist es so gut möglich, auf und dabei gleichzeitig im Fluss zu sein?

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