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Das Herz Kanadas: Saskatchewan wartet mit beeindruckenden Naturerlebissen auf. - © Michael Juhran
Das Herz Kanadas: Saskatchewan wartet mit beeindruckenden Naturerlebissen auf. | © Michael Juhran

Kanada Auf den Spuren der Trapper

Die kanadische Provinz Saskatchewan ist mit ihren hunderttausend Seen ein Paradies für Biber und andere Pelztiere. Früher zog es Trapper in die unendliche nördliche Wildnis, heute sind es Wassersportler, Angler und Wanderer

Michael Juhran
19.10.2019 | Stand 18.10.2019, 19:31 Uhr

Im Robertson’s Trading Post in der kleinen Gemeinde La 
Ronge fühlt man sich in die 20er oder 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt, als der Pelzhandel in Kanada das Endstadium seiner Blütezeit erlebte. Felle soweit das Auge blicken kann. „Die Pelztierpopulationen konnten sich in unserer Region nach dem Bau von Staudämmen und vielen Feuern wieder deutlich erholen", sagt Diane Robertson und streicht mit ihrer Hand über ein weiches Luchsfell. „Nur die Fallensteller sterben langsam aus." Diane erbte von ihrem Vater Alex einen der letzten geschichtsträchtigen Handelsposten und hält an der alten Tradition fest, Felle von Trappern der Cree-Nation zu kaufen, obwohl die Nachfrage und Preise den Aufwand kaum noch lohnen. Von den noch im Jahr 1980 registrierten 26.000 Trappern in Saskatchewan sind gerade einmal 4.500 übrig geblieben. Sally McLoed kommt von einer Cree-Gemeinde an der 96 Kilometer von La Ronge entfernten Grandmother Bay. Als Storytellerin teilt sie im nahe gelegenen Thompson’s Camps in Missinipe gern Geschichten aus der Trapperzeit mit ihren Zuhörern. „Wir lebten noch vor wenigen Jahren nahezu autark", berichtet sie am abendlichen Lagerfeuer. Kam ihr Vater von seiner rund 100 Kilometer langen Trapping Line zurück, gab es für ihre Mutter viel zu tun, denn die Felle mussten präpariert und das Leder gegerbt werden. Das Fleisch wurde gegessen oder getrocknet, aus Fellen und Leder entstanden Mokassins, Jacken, Zelte und Decken. „Vor Weihnachten und im auslaufenden Frühjahr belud mein Vater sein Kanu und machte sich auf dem Churchill River auf den Weg, um Felle gegen Metallwaren, Mehl, Eier, Zucker und andere, in unserer Gegend nicht heimische Lebensmittel einzutauschen." Die zahlreichen Pelztiere der borealen Wälder Nord-Saskatchewans brachten den Trappern lange Zeit hohe Erträge und so nutzten sie den Churchill River als eine der Hauptverkehrsadern im Pelzhandel. Cree, Chipewyan und Voyageur genannte Zwischenhändler brachten auf ihm die Fellpakete in die Lager von Großhändlern, wie die Hudson’s Bay Company oder die North West Company. Die damals von ihnen genutzten Wasserwege zählen heute zu den beliebtesten Kanurouten Saskatchewans. 150 Jahre nach der Blütezeit des Fellhandels ist es für Naturfreunde in der äußerst dünn besiedelten Region noch immer ein Abenteuer, den Spuren der Trapper zu folgen. Für die richtige Ausrüstung sorgt Ric Driedeger mit seiner Firma Churchill River Canoe Outfitters in Missinipe: 80 Kanus, Verpflegung, Karten, GPS und wenn gewünscht auch ein erfahrener Guide. Im Schnitt sind seine Gäste drei bis sieben Tage unterwegs. Doch Flussneulinge können sich auf dem Churchill wie in einem Labyrinth verirren, denn er setzt sich hier aus einem Geflecht von Seen mit unzähligen Inseln und Nebenarmen zusammen, verbunden durch Stromschnellen und Wasserfälle. Heidi Seida und Tom Wolfe betreuen hier als Guides seit Jahren Kanutouristen aus aller Welt. Besonders deutsche Wasserwanderer suchen die wohltuende Stille und Weite der Gewässer Saskatchewans, die bei weitem noch nicht so stark besucht sind wie die Ontarios oder Quebecs. Heidi und Tom kennen die besten Rast- und Übernachtungsplätze und wissen, wo man Adler auf den Baumkronen und Biber beim Bau ihrer Burgen beobachten kann. Die beiden freuen sich über das Interesse junger Leute an der überwältigenden Natur – Nachwuchsprobleme kennen sie nicht. Ihre „Lehrlinge" Zev, Ruth, Aria und deren 12 bis 16 Jahre alten Freunde absolvierten gerade erfolgreich ihre Whitewater-Prüfungen – ein Muss bei den vielen Stromschnellen, die manchmal durchfahren und zuweilen auch durch Portages umgangen werden müssen. Bei einer gemeinsamen Kanutour auf dem Devil Lake geht es mit ihnen immer wieder an Biberburgen und Adlerhorsten vorbei. Selbst Schwarzbären lassen sich ab und zu am Ufer blicken. „Trapper lebten nie vom Fallenstellen und dem dabei erbeuteten Fleisch allein", klären die beiden Cree Don und John auf, die mit Motorbooten Touristen zu den besten Angelspots des Churchill führen. Da die begehrten dichten Winterfelle nur von Ende Oktober bis zum April verfügbar sind, ging es im Sommer und Herbst zum Angeln, Jagen und Beerensammeln. „Das Fleisch der Hechte und amerikanischen Zander ist hier so zart, dass Angler bis aus dem Süden der USA zu uns kommen", sagt John und zieht ein besonders prächtiges Exemplar aus dem Wasser. Interessiert verfolgen einige der auf dem Churchill in Heerscharen präsenten Pelikane sein Treiben. Anschließend am Strand des Otter- Sees zubereitet, können Johns Fischgerichte mit jedem Gourmet-Tempel mithalten. Ed Moretto hat sich dank des Fischreichtums direkt an den Twin Falls auf Angler spezialisiert. Neben gemütlichen Blockhütten bietet er Angelfreunden aus aller Welt Boote, Ausrüstung und Guides an. Ed kannte den legendären Mel Jamieson noch persönlich, der als der letzte weiße Vollbluttrapper bis zur Jahrtausendwende nördlich des Prince Albert Nationalparks, zwischen dem Otter Lake, Twin Falls, der Trinity Anglican Church und den Nistowiak Falls unterwegs war. „Einmal kam er mit einem zentnerschweren Herd auf seinem Kanu hier vorbei, den sich seine Frau gewünscht hatte", erinnert sich Ed. Was muss das für eine Schinderei gewesen sein. Heute reisen seine Gäste dank seinem Freund und Piloten Ron Striker wesentlich bequemer im Wasserflugzeug an – eine Anreise, die über Hunderte von Seen und durch dichten Nadelwald zu einem der entlegensten Naturschätze der Erde führt. Es gibt auf unserem Planeten nur noch wenige dieser nahezu unberührten Landschaften, die mit derart intensiven Naturerlebnissen aufwarten.

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