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Grünes Paradies: Kolumbien ist eines der traditionsreichsten und größten Kaffeeanbauländer weltweit. - © Martin Höcker
Grünes Paradies: Kolumbien ist eines der traditionsreichsten und größten Kaffeeanbauländer weltweit. | © Martin Höcker

Kolumbien Auf der Spur des Kaffees

Für Kaffeeliebhaber und Naturfreunde: Immer mehr Kolumbianer in der Sierra Nevada öffnen ihre Fincas für Touristen

Martin Höcker
24.08.2019 | Stand 22.08.2019, 16:53 Uhr

Kaffeebauer Rodrigo Moreno aus Agualinda im Norden Kolumbiens ist sehr zufrieden: mit beachtlichem Tempo streift er die Kaffeekirschen in den gelben Plastikbottich, den er sich umgebunden hat. Die Ernte erstreckt sich über mehrere Wochen. Im November und Dezember 2018 hat es genügend geregnet und die reifen Kaffeekirschen haben ein sattes dunkles Rot angenommen. Nachdem sie in mühevoller Handarbeit vom Strauch gepflückt sind, werden sie in Säcken auf Maultieren über steile Pfade zur Finca von Rodrigo und Lebensgefährtin Jhemmy transportiert. Der Verkauf des Rohkaffees an eine Kooperative in der Küstenstadt Santa Marta ermöglicht den beiden ein gutes Auskommen. Doch seit diesem Jahr haben sie ein neues finanzielles Standbein entdeckt: Sie möchten Touristen die Schönheiten der Sierra Nevada zeigen, ihnen auf geführten Wanderungen die einzigartige Flora und Fauna im höchsten Küstengebirge der Welt und natürlich auch die Produktion des Kaffees nahebringen: „Bei uns können die Gäste die Kaffee-Ernte erleben – auch mithelfen und so erfahren, wie mühsam es ist, den Kaffee zu pflücken, den sie Zuhause trinken." Freilich soll für die Touristen der Spaß im Vordergrund stehen. Kleine Pfade schlängeln sich in Serpentinen die Hänge entlang in die grüne Gebirgslandschaft, ein Wasserfall lädt zum Baden ein. Für Gäste haben Rodrigo und Jhemmy auf dem Dach der Finca eine kleine Ferienwohnung mit zwei Zimmern errichtet. Die Idee des Kaffeetourismus ist in Kolumbien nicht neu. In der sogenannten Kaffeezone, einem Gebiet im Zentrum Kolumbiens nahe der Kleinstadt Armenia, wird diese Form von Fremdenverkehr schon seit einigen Jahren sehr erfolgreich praktiziert. Im Gegensatz hierzu war die Sierra Nevada für Fremde wie Einheimische lange Zeit äußerst gefährlich. Hier hatten Guerillas und Paramilitärs während des Bürgerkriegs ihr Rückzugsgebiet. Entführungen von Touristen waren nicht selten. Doch nach dem Ende des Konflikts hat sich die Sicherheitslage entscheidend gebessert. Die Sierra kann problemlos bereist werden und hat paradoxerweise vom Bürgerkrieg sogar profitiert: die Natur ist hier noch weitgehend unangetastet geblieben. Der Tourismus in Kolumbien hat in den letzten Jahren allgemein stark zugenommen, doch gerade die pulsierende Küstenstadt Santa Marta am Fuße der Sierra Nevada erlebt zurzeit einen regelrechten Fremdenboom. In der knapp 500.000 Einwohner zählenden Stadt hat die Kaffeekooperative RED ECOLSIERRA ihren Sitz. Geschäftsführer Victor Enrique Cordero Ardila ist vom Kaffeetourismus begeistert: „Wir haben hier etwas, was die anderen Kaffeeregionen in Kolumbien nicht haben: Gebirge und Meer. Wer möchte, kann an einem Tag am Strand liegen und am nächsten einen Ausflug in das höchste Küstengebirge der Welt unternehmen. Das ist wirklich einmalig." Die Kaffeekooperativeunterstützt das Tourismusprojekt von Rodrigo und Jhemmy und ermuntert andere Mitglieder, ebenfalls ihre Fincas zu öffnen. Diesen Schritt hat die Finca Victoria schon vor einigen Jahren gewagt und sich inzwischen zu der Attraktion für Kaffeeliebhaber in der Sierra schlechthin entwickelt. Hier kann der Besucher die Geschichte des Kaffeeanbaus in einer Art großem Freilichtmuseum erleben. Die Farm wurde 1892 von englischen Ingenieuren, die für den Eisenbahnbau ins Land kamen, errichtet und ist seit 1950 im Besitz der deutschen Familie Weber. Claudia Weber betreibt das Anwesen seit 2002 in zweiter Generation. Durchschnittlich 80 Besucher kommen pro Tag, um diesen historischen Ort zu besuchen. Der Gerätepark stammt zum großen Teil noch aus dem frühen 20. Jahrhundert. Viele bunt bemalte Zahnräder greifen ineinander. Typenbezeichnungen und Herstellernamen erinnern an Maschinenbauer längst vergangener Zeiten – umso erstaunlicher, dass alle Anlagen heute noch in Betrieb sind. 40 Tonnen Kaffee werden jährlich produziert. Darauf ist Weber zwar sehr stolz, sieht die Vermarktung aber mit Sorge: „Es ist ein sehr schönes Produkt, aber das Traurige daran ist, dass der Kaffee an der Börse gehandelt wird und deshalb großen Preisschwankungen unterliegt. Deshalb stimmt der Preis nicht mit dem Einsatz überein." Das war auch einer der Gründe, die Finca für Besucher zu öffnen und sich ein zweites Standbein zu schaffen. Etwa zwei Kilometer weiter befindet sich mit den Casasviejas eine der schönsten Lodges in der Sierra. Ein steiler Pfad führt dorthin, etwa 30 Minuten Fußmarsch. Auf Wunsch holen die Lodge-Betreiber Gäste auch mit dem Jeep ab. Schon der tolle Blick auf den Regenwald der Sierra bis hin zum 20 Kilometer entfernten Meer begeistert, doch so richtig aufregend wird es zu Beginn der Morgendämmerung. Dutzende exotischer Vögel kommen der Lodge ganz nahe, so dass Hobbyornithologen sie direkt von einer Plattform aus beobachten können. In der Sierra Nevada gibt es eine Konzentration von seltenen Tier- und Pflanzenarten. Diese Biodiversität begeistert auch die drei Betreiber der Lodge. Sie stammen aus Frankreich und kamen nach Kolumbien, um einen anderen Lebensstil zu finden. Vor vier Jahren haben sie das Haus entdeckt, das ursprünglich den Kaffeepflückern als Unterkunft diente. Für die drei Aussteiger war es Liebe auf den ersten Blick: „Alles war in sehr schlechtem Zustand, aber wir konnten die Geschichte dieses kleinen Anwesens spüren. Wir wollten so viel wie möglich von der alten Bausubstanz erhalten und uns auch beim Ausbau an historischen Vorbildern orientieren." Entstanden ist ein Hostel, das trotz aller Einfachheit viel Komfort für den Reisenden bietet. Übernachtet werden kann in Mehrbett- oder Familienzimmern. Die Küche serviert drei oft vegetarische Mahlzeiten pro Tag. Abends gibt es frisch gezapftes Bier von einer regionalen Brauerei. Etwa 20 Kilometer entfernt befindet sich die Kaffeefarm von Rodrigo und Jhemmy. Auch sie hoffen auf eine weitere Zunahme des Kaffeetourismus. Zurzeit wird der Weg bis hin zu ihrer Finca an vielen Stellen ausgebaut, aber es wird noch dauern, bis er auch mit einem normalen Pkw passierbar ist. Wer die Kaffeeplantage besuchen möchte, benötigt einen Jeep mit Fahrer, den die Kooperative RED ECOLSIERRA gerne vermittelt. Der beschwerliche Weg lohnt sich durchaus, denn hier kann der Gast neben der überwältigenden Natur auch den arbeitsintensiven Kaffeeanbau erleben.

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