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Wichtiges Fortbewegungsmittel: Im Wadi Rum sind Kamele nicht nur Folklore, sondern gehören zum Inventar. Neben den Jeeps sind sie nach wie vor Haupttransportmittel für die Beduinen. - © Ekkehart Eichler
Wichtiges Fortbewegungsmittel: Im Wadi Rum sind Kamele nicht nur Folklore, sondern gehören zum Inventar. Neben den Jeeps sind sie nach wie vor Haupttransportmittel für die Beduinen. | © Ekkehart Eichler

Jordanien Die Schätze Jordaniens

Römer, Christen, Beduinen: Eine Reise durch Jordanien führt weit zurück in die Zeit. Zu irren Landschaften und tollen Kulturschätzen

Ekkehart Eichler
20.04.2019 | Stand 18.04.2019, 18:37 Uhr

Eine nackte Frau an der Wand. Unfassbar! Jedenfalls hier, wo die Religion jegliche Darstellung von Menschen kategorisch verbietet. Die holde Schöne entsteigt gerade dem Bade, wobei ihr sechs Männer durchaus interessiert zusehen. Dieses Bild wie auch alle anderen herrlichen Fresken in diesem winzigen UNESCO-Welterbe entstand Anfang des 8. Jahrhunderts, als sich Omayyaden-Kalif Walid I. einen Jagdpavillon mit Badehaus bauen ließ, der auch als Lustschloss diente – das
Qusair’ Amra. Nicht mal zwei Generationen später schon aber war Schluss mit lustig: Die nachfolgenden Abbasiden hatten nichts übrig für die „Ausschweifungen" ihrer Vorgänger, aber auch kein Interesse an deren abgeschiedenem Schlösschen im heutigen Wüsten-Grenzland zum Irak und zu Saudi-Arabien. Zum Glück: So blieben neben weiteren Bade- und Jagdszenen auch der Laute spielende Bär und der Beifall klatschende Affe von Bilderstürmerei verschont und präsentieren sich heute – auch dank teilweiser Restaurierung – fast wieder so schön wie zu frühislamischer Zeit. Gut 500 Jahre zuvor hatten die Römer das Sagen. Und hauten kräftig auf Putz und Pauke. Zum Beispiel in Jerash. Hier, etwa 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Amman, ist manches nachvollziehbar von Glanz und Gloria, aber auch vom Alltagsleben in dieser Zeit. Obwohl 746 ein Erdbeben schwere Wunden schlug, gelten die Ruinen des antiken Gerasa heute als best erhaltene römische Provinzstadt im Nahen Osten. Erster Kracher: das von ionischen Säulen eingefasste Forum. Ein riesiges Oval und damit ganz und gar untypisch für klassische Stadtanlagen. Von ihm zweigt die Hauptachse ab, der 800 Meter lange Cardo Maximus mit 200 meist korinthischen Säulen. Die Pflasterung ist immer noch original; gut zu erkennen sind die Fahrspuren metallener Wagenräder. Einen Meter tiefer blieb auch die Cloaka Maxima erhalten – die Kanalisation. Im „Pompeji des Ostens" fasziniert das stattliche Nymphäum, der zweistöckige Prachtbrunnen, dessen Marmorauskleidung irgendwann verloren ging. Noch immer lassen sich in der „Shopping Mall" die Läden von Fleischer, Bäcker oder Fischverkäufer lokalisieren. Und immer noch bestechen gleich zwei erstklassig restaurierte Theater mit so raffinierter Akustik, das selbst ein Flüstern im obersten Rang auf der Bühne mühelos zu hören ist. Über allem aber thront Gerasas größtes Heiligtum: der Artemistempel. Auch auf dieser gigantischen Anlage hat nicht alles den Launen der Natur getrotzt – von vormals 32 Säulen stehen aber immerhin noch 11. Und schwanken sogar bei Wind. Ein Effekt, den die Reiseleiter gern sichtbar machen, indem sie etwa einen Teelöffel in die Ritzen zwischen den Säulentrommeln stecken und dann behutsam an ihnen wackeln. In alttestamentarische Zeiten gar geht es südwestlich von Amman. Nach biblischem Bericht nämlich stieg Moses auf den Berg Nebo, erblickte das gelobte Land Kanaan und starb, ohne es je betreten zu haben. Bis heute nicht nur für Christen ein heiliger Platz: Obwohl Jordanien im 7. Jahrhundert islamisiert wurde, bringt man frühchristlichen Schauplätzen und biblischen Propheten große Achtung entgegen. Mal ganz abgesehen von der Aussicht: Die ist noch immer so phänomenal wie zu Moses Zeiten, vorausgesetzt, es regnet keine Schusterjungen wie heute. Vom 840 Meter hohen Gipfel liegt ein Irrsinns-Panorama auf dem Präsentierteller – vom fruchtbaren Tal des Jordan bis zum Nordende des Toten Meeres. In dessen seifig-salziger Brühe hängen wir wenig später unsinkbar ab und sehen Menschen bei ihrer Verwandlung in Schlammmonster zu. Ein sehr spezielles Vergnügen, das aber fabelhaft sein soll für die Haut. Zwei Millionen farbige Steine, die ein ursprünglich 16 mal 6 Meter großes Mosaik bildeten, gehören zum nächsten Superlativ gleich um die Ecke in Madaba. Was hier anno 560 geschaffen wurde, ist eine monumentale steinerne Landkarte und die älteste Darstellung der Region überhaupt. Von Unterägypten und dem Nildelta bis in den heutigen Libanon. Im Mittelpunkt steht der christliche Nabel der Welt – das heilige Jerusalem. Weiter gen Süden. Auf Serpentinen durch das gigantische Wüstental des Wadi Mujib (so etwas wie der hiesige Grand Canyon), vorbei an der mächtigen Kreuzritterburg Kerak (von der nur noch Ruinen und Gewölbe übrig sind) und an der Welterbe-Felsenstadt Petra (die einen eigenen Artikel verdient), geht es ganz nach unten zu Jordaniens wohl schönstem Kulissenzauber. Denn es gibt Landschaften, die man gesehen haben muss, um zu glauben, dass es sie gibt. Das Wadi Rum ist eine dieser Naturkulissen, die dem Betrachter das Gefühl gibt, irgendwie nicht mehr auf dieser Welt zu sein. Das vor Urzeiten vom Meer bedeckte gewaltige Wüstental ist reich bestückt mit bis zu 400 Meter hohen Felsmassiven. Deren Sockel sind aus Granit; die Spitzen aus rötlichem Sandstein schliffen Wind und Erosion in bizarre Formen – 30 Millionen Jahre lang. In diese surreale Mischung aus Sand, Stein, Canyons und Schluchten kommt man allerdings nur per Kamel oder Jeep – das Monopol auf beides haben die am und im Wadi lebenden Beduinen. Von denen man auf rüttelnden und rumpelnden Pisten von Stopp zu Stopp kutschiert wird und im Idealfall auch einiges über ihr Leben erfährt. Und ihre treuen Kamel-Freunde „Unverzagtes Herz", „Wunder der Tugend" oder „Vater der Einsamkeit" – das Arabische kennt 160 Synonyme für das „größte Geschenk Allahs". Die Tour beginnt an den „Sieben Säulen der Weisheit". Der markanteste Fels im Wadi Rum trägt den gleichen Namen wie die Autobiographie des weltberühmten Lawrence von Arabien, der schon vor hundert Jahren vom Wadi Rum als „unermesslich, vom Echo widerhallend und göttlich" schwärmte. Und dem ist nichts mehr hinzuzufügen

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