0
„Waldness": Diese Wortschöpfung beschreibt die gesundheitsfördernden Wirkungen des Waldes. Dazu gehört zum Beispiel, dass Blutzucker und Blutdruck sinken und man besser schläft. - © Flora Jaedicke
„Waldness": Diese Wortschöpfung beschreibt die gesundheitsfördernden Wirkungen des Waldes. Dazu gehört zum Beispiel, dass Blutzucker und Blutdruck sinken und man besser schläft. | © Flora Jaedicke

Österreich Wellness im Wald

Der Wald hat ungeahnte Kräfte. Nicht nur auf uns Menschen wirkt er regenerierend. Auch das Almtal im Salzkammergut könnte er touristisch neu beleben

Flora Jädicke
21.04.2018 | Stand 19.04.2018, 18:16 Uhr

Aus den Tiefen steigt der Nebel. Über dem dichten Blätterdach leuchtet der große Wagen in der Nacht. Noch ist der Weg kaum zu erkennen. Aber allmählich schiebt der Tag die Nacht aus dem Hochwald am Kasberg im Almtal. In der kühlen Luft verströmen Fichten und Tannen, Erde und Pilze ihren Duft. Er beruhigt die Seele und gibt neue Kraft. Nur wenige Minuten später tauchen die ersten Sonnenstrahlen die Gipfel am Toten Gebirge in ein sanftes Rosa. „So eine Sonnenaufgangswanderung durch den Wald hinauf ist besser als jedes Fitnessstudio", erklärt Waldness-Coach Kerstin Diensthuber, „und Waldluftbaden ist für Körper und Geist wie ein Jungbrunnen. Hier im Süden des Salzkammerguts haben die Elmen (Elfen) ihre Heimat. Die Naturgeister gaben dem Almtal seinen Namen. Sie tun dem Menschen wohl. So sagen die Einheimischen. Viel wahrscheinlicher aber ist, und das ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen: Der Wald tut uns gut. Je älter, desto heilbringender. „Es ist das spezielle Licht, das Grün", sagt Kerstin. Aber allen voran sind es die Terpene, sagen Wissenschaftler. Unsichtbare Duftstoffe, die vor allem Nadelbäume verströmen. Mit diesen Botenstoffen kommunizieren Bäume untereinander. „Sie passen auf einander auf. Geben Informationen über Wasser, Licht und andere lebenswichtige Umstände weiter", sagt Kerstin. „Eine Art „wald-wide-web" für Baum und Mensch." Die bioaktiven Substanzen sorgen nicht nur für einen reibungslosen Plausch zwischen den Bäumen. Sie senden diese Botenstoffe auch an den Menschen. Also doch Elfen? Kerstin schmunzelt. Die Pheromone der Bäume gelangen mit der Waldluft über Haut und Lungen in die Körperzellen. Dort unterstützen sie sogenannte Killerzellen bei Abwehr von Krankheiten. Ein Tag im Wald lässt die Anzahl dieser nützlichen Zellen bis zu 40 Prozent steigen. Blutzucker und Blutdruck sinken. Der Herzrhythmus reguliert sich genauso wie der Adrenalinausstoß. Der Aufenthalt im Wald reduziert Stress, fördert gesunden Schlaf und stärkt das Immunsystem. Es ist also weder Hexenwerk noch Esoterik-Zauber. So kompliziert es klingt, so einfach ist es. Man muss sich nicht anstrengen, nur einfach im Wald sein. Das ist die überaus erfreuliche Nachricht. Und so stapft die kleine Wandergruppe frühmorgens mit noch mehr Elan die drei Kilometer bergan. Nicht ohne Lohn. Das Sonnenaufgangsfrühstück im Baumhaus am Hochberghaus auf 1.200 Metern entschädigt für das allzu frühe Ende der Nacht. Waldkräuter-Massage, Wildkräuter-Brotaufstrich, Honig vom Hochberghaus und selbstgebackenes Brot aus dem Tal. Was will man mehr? Längst ist der sogenannte Biophilia-Effekt im Ausland bekannt. In Japan kennt man das „Shinrin Yoku", was übersetzt soviel bedeutet wie „Waldbaden". In Neuseeland nennt man ihn „Forrest Medicine". Im Almtal haben findige Touristiker daraus ein wohliges Tourismuskonzept gezimmert. „Der Wald ist ein wunderbarer Therapeut", sagt Hüttenwirt Hermann Hüthmayr, einer der Väter von „Waldness". Er gab dem Projekt seinen Namen. Der Besitzer der Familienalm „Hochberghaus" sorgt nicht nur seit Jahrzehnten für Wohlbefinden auf 1.200 Metern. Er ist auch Gründer der „Kinderhotels" in Österreich. Mit dem Almtal hat er noch viel vor. Sein „Ruhestand", ein „Strandkorb" für den Wald im Almtal, ist die wohl herzigste Idee und sie macht dem 64-jährigen Almtaler sichtlich Spaß. In den kommenden Jahren soll der Waldtourismus weiter ausgebaut werden. Im Tal und auf 1.000 Metern sollen sogenannte Waldness-Resorts mit jeweils zehn bis 15 Lodges entstehen. Außerdem ist ein „Waldness-Spa" geplant, eine Art Gesundheitszentrum mitten im Wald. „Wir wollen wieder mehr Bezug zur Natur herstellen", sagt er. Für die „Waldness-Pioniere" aber heißt es jetzt erst einmal: Schuhe ausziehen. Förster Fritz Wolf will den Wald erlebbar machen – barfuß und mit allen Sinnen. Auf weichem Moos wird dem Wald nachgefühlt. Hören, Riechen, Fühlen. Die Bäume stehen hier so dicht, dass jedes Geräusch die Fantasie anregt. „Waldpädagogik ist ein fester Bestandteil eines Waldness-Aufenthalts im Almtal", sagt Wolf. Bereits seit Mitte der 90er-Jahre betreibt der Jäger, Oberförster und Koch eine Waldschule. Auf einer Wiese am Rande der Gemeinde Grünau hat er ein 200 Jahre altes Heustadel zum Klassenzimmer umgebaut. Hier hält er Rat mit seinen Gästen, bewirtet sie und erklärt die Welt des Waldes. Fünf Tage dauert ein Waldness-Aufenthalt im Almtal. Und das bei jedem Wetter. „Ein ordentlicher Wolkenbruch aber", sagt Förster Wolf, „bringt den Wellness-Effekt erst richtig in Schwung. Mit jedem Regentropfen strömen auch die Botenstoffe." Waldness hält aber nicht nur diejenigen fit, die in Grünau, Oberösterreichs waldreichster Gemeinde, ihre Heimat haben. Sie bringt auch gestresste Städter wieder ins Gleichgewicht. Dabei greifen die Guides auf die vielen Facetten des Waldes zurück. Für Wohlbefinden sorgen sie alle. Beim Wald-Wyda rückt man unter kundiger Anleitung Stress und innerer Unruhe zu Leibe. Die Meditationsform geht auf keltische Druiden zurück. Im Almtal haben sich die Marienschwestern vom TEM-Zentrum in Bad Mühllacken der alten Yoga-Form angenommen. Man sagt ihr nach, den Energiefluss und die Beweglichkeit zu verbessern. Wanderführerin Sabina Haslinger führt die Gruppe nicht nur sicher zum Gipfel. Oben angekommen ermuntert sie jeden: „Es darf gejuchzt und gejodelt werden!" Eher still und entspannt blinzelt man anschließend in den blauen Himmel. Den steinigen Boden zwischen den Latschenkiefern spürt man nicht. Auf sogenannten Luftsofas (Lay Bags) liegt man wie auf Wolken, genießt die Stille und saugt tief die vom Duft der Kiefern satte Luft ein. Tags darauf lässt man sich von Maria Hageneder in die Welt der Kräuter und die fünf Säulen des Wassertretens nach Pfarrer Kneipp einführen. Ob Sommer oder Winter, der Schindl-
bach hat stets 10,05 Grad Celsius Wassertemperatur. „Die ideale Temperatur zum Waldkneipen", sagt Hagender. Es stärkt das Immunsystem und ist der ideale Einstieg in ihre gut zwei Kilometer lange Tour durch den Märchenwald im Schindlbachtal. Zwischen alten Märchenfiguren wachsen hier allerlei Waldkräuter. Maria Hageneder weiß zu jedem Kraut eine Geschichte zu erzählen und hat überdies nützliche Tipps für die Verwendung der Heilkräuter. Die Schätze des Waldes landen im Almtal auch auf dem Teller. Denn kulinarisch hat der Wald einiges zu bieten. Am Wegesrand wuchern wilde Kirschen, Walderdbeeren, Brombeeren und Himbeeren. Nach Waldkneipen und Kräuterkunde wartet eine Brotzeit am Rande des Märchenwaldes. Waldness-Unterkünfte und -Restaurants bieten unterdessen „Waldness-Menüs" an. Allerdings ist ein wenig Planung nötig, da einige Anbieter montags oder dienstags geschlossen haben. Der Wald im Almtal aber ist immer offen. Rund um den Almsee oder die verwunschen gelegenen Ödseen verströmt er unablässig seine heilsame Wirkung.

realisiert durch evolver group