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Mit einem Klick: Geht es nach den Vorstellungen der Verbraucherzentrale soll es künftig viel einfacher werden von A nach B zu kommen. Und das nicht nur dank vieler Angebote, sondern auch durch neueste Technik.  - © istock
Mit einem Klick: Geht es nach den Vorstellungen der Verbraucherzentrale soll es künftig viel einfacher werden von A nach B zu kommen. Und das nicht nur dank vieler Angebote, sondern auch durch neueste Technik.  | © istock

Hausanschluss Mobilität Mobil bleiben auch ohne Auto

Alle Menschen sollen zukünftig unabhängig vom Wohnort und ohne eigenes Auto mobil sein – das fordert der Bundesverband der Verbraucherzentralen. Die Umsetzung ist aber schwierig.

Jessica Weiser
26.09.2020 | Stand 01.10.2020, 10:48 Uhr

Mobil sein ohne Auto? Gerade für Menschen, die nicht in einer Großstadt wohnen, klingt das auch 2020 noch nach schöner Utopie. Ohne fahrbaren Untersatz von A nach B zu kommen, mag vielleicht noch im eigenen Ort klappen, doch bei weiteren Strecken setzen fehlende Bus- und Bahnverbindungen oder schlecht abgestimmte Fahrpläne der Mobilität Grenzen.

Anspruch auf Mobilität durchsetzen

Geht es nach dem Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) ist dieser Zustand nicht hinnehmbar – auch im Hinblick auf die geplante Einführung eines CO2-Preises auf Kraftstoffe. Deshalb fordern die Verbraucherschützer einen Hausanschluss für Mobilität – analog zu den städtischen Hausanschlüssen für Abwasser, Strom, Wärme oder Wasser.

Marion Jungbluth, Leiterin des Teams Mobilität und Reisen beim vzbv, ist der Meinung: „Das Auto ist in vielen Regionen Deutschlands gezwungenermaßen für viele Menschen das Verkehrsmittel Nummer eins. Einen attraktiven Nahverkehr gibt es oftmals nicht. Um denjenigen, die kein eigenes Auto haben oder ohne eines leben wollen, trotzdem eine Teilhabe im Sinne der Daseinsvorsorge zu ermöglichen, ist ein gesetzlicher Anspruch auf den Hausanschluss Mobilität nötig." Schließlich trage die Erreichbarkeit jedes Ortes mit öffentlichen oder öffentlich zugänglichen Verkehrsmitteln entscheidend zur Lebensqualität bei.

Was ist der Hausanschluss für Mobilität?

Neu ist diese Forderung nicht. Das Konzept „Hausanschluss Mobilität" stammt aus dem Jahr 2012. Auf viel Gegenliebe stieß man damit jedoch zunächst nicht. „Anfang dieses Jahrzehnts galt unser Vorschlag, jeden Haushalt an öffentliche Mobilität anzuschließen, als unrealistisch", erinnert sich Jungbluth. Ein 30-Minuten-Takt auf dem platten Land sei nicht finanzierbar. Mittlerweile lägen die Dinge jedoch ein wenig anders. „Die Digitalisierung hat unserer Idee Rückenwind gegeben. Mit dem Smartphone muss sich Mobilität mit wenigen Klicks organisieren lassen. Der klassische ÖPNV mit Bussen und Bahnen, die nach einem starren Fahrplan fahren, werden ergänzt durch flexiblere Angebote, die On-Demand Menschen von A nach B oder zur nächsten Haltestelle bringen."

Schon jetzt ließen sich erste Erfolge erkennen. „Pooling-Fahrzeuge, also Kleinbusse, die mehrere Fahrgäste einsammeln und transportieren, erfreuen sich großer Beliebtheit – besonders auf dem Land, wo sonst Busse nur morgens und abends oder am Wochenende gar nicht fahren." Der vom vzbv geforderte Hausanschluss Mobilität würde den Menschen einen Anspruch an Anbindung bundesweit zusichern. „Das ist ein Auftrag für die nächste Bundesregierung, wenn sie den Klimaschutz ernstnehmen möchte. Diese Weiterentwicklung des Mobilitätsangebots ist dringend nötig, damit Verbraucher auch ohne eigenes Auto beweglich sind." Einige Bundesländer gingen da bereits mit gutem Beispiel voran. „Hamburg will bis 2030 mit dem sogenannten „Hamburg-Takt" Fahrpläne komplett überflüssig machen. Demnach würden Busse und Bahnen alle fünf Minuten an jedem Ort im Hamburger Stadtgebiet fahren."

Alternativen zum Auto

Wer mit offenen Augen in OWL unterwegs ist, dem wird bereits aufgefallen sein, dass auch hier in der Region die ein oder andere Alternative zum Auto aufgetaucht ist – neben Leihfahrrädern, Elektro-Scootern und Rollern gibt es auch Car-Sharing-Angebote. An einer flächendeckenden Umsetzung hapert es jedoch nach wie vor. Für Marion Jungbluth liegt der Grund auf der Hand: „Viele innovative Mobilitätsdienstleistungen haben noch kein tragfähiges Geschäftsmodell, sprich werfen keine Gewinne ab." Deshalb gingen die Anbieter in die Städte, wo die Nachfrage höher sei. Genau deshalb ist ihrer Meinung nach der Hausanschluss Mobilität so wichtig. „Grundsätzlich benötigen wir attraktive Mobilitätsalternativen auch am Stadtrand und in der Fläche. Mit dem Hausanschluss könnten solche Lücken aufgedeckt und geschlossen werden." In Zukunft müsse die Frage neu geklärt werden, wie die Finanzierung des Öffentlichen Personenverkehrs auf neue Beine gestellt werden könne, um gezielt einen bundesweiten Erreichbarkeitsanspruch sicherzustellen.

Als wären diese Hürden noch nicht hoch genug, steht das Konzept aktuell noch vor einem ganz anderen Problem. Coronabedingt steigen viele Pendler nämlich lieber wieder ins Auto als in Bus oder Bahn. „Corona stellt die öffentlichen Verkehrsunternehmen vor große Herausforderungen", weiß auch Marion Jungbluth. „Aus Angst sich anzustecken, sind die Fahrgastzahlen dramatisch eingebrochen. Damit gehen auch die Ticketeinnahmen zurück." Die Krux an der Sache: Trotz sinkender Einnahmen müsse massiv in eine Angebots- und Qualitätsoffensive investiert werden, um die Fahrgäste nicht dauerhaft zu verlieren und sogar neue zu gewinnen.

Deshalb fordert sie: „Alle Akteure müssen gemeinsam Maßnahmen zur Steigerung der Attraktivität erarbeiten, neue Finanzierungsmodelle entwickeln und einen gesellschaftlichen Dialog initiieren. Dabei darf es keine Denkverbote geben. Ohne ,Wumms‘ an dieser Stelle besteht die Gefahr, dass Busse und Bahnen die Verlierer der Corona-Krise bleiben und die Klimaziele nicht erreicht werden können."

Der Wunsch der Verbraucherschützerin: „Mobilität zu organisieren, muss so einfach werden wie eine Playlist zusammenzustellen. Meine App gibt mir Vorschläge, denen nicht nur Wetterinformationen, Verkehrslage und Fahrpläne zugrunde liegen, sondern auch meine persönlichen Präferenzen berücksichtigt. Informieren, buchen und bezahlen benötigt nur noch wenige Klicks." Auch das Angebot müsse immer vielfältiger werden. „Die klassischen Verkehrsmittel, also Auto, Bahnen und Busse, müssen individueller auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen, so dass während der Fahrt hervorragende Bedingungen zum Arbeiten, Filme streamen oder Entspannen herrschen. Ergänzend kommen immer neue Geräte hinzu: (Fahrerlose) Shuttle, die virtuelle Haltestellen anfahren, elektrisch angetriebene Kleinstfahrzeuge, die Spaß und Fitness in den Vordergrund stellen und andere, die wir heute noch nicht kennen."

Nutzungsverhalten mit dem Auto ändert sich

Wie aber überzeugt man Menschen, deren Herz am eigenen Auto hängt, eben dieses häufiger stehen zu lassen oder ganz darauf zu verzichten? „Wir stellen fest, dass sich in anderen Konsummärkten das Nutzungsverhalten stark verändert", erklärt Jungbluth. „Früher war mal eine umfangreiche Platten- oder CD-Sammlung ein Statussymbol. Heute nutzen die meisten eine Musikstreaming-App. Wieso soll ich also in Zukunft viel Geld für ein bestimmtes Auto ausgeben, wenn ich einfach und flexibel das Verkehrsmittel auswählen kann, dass zu meinem Reiseanlass passt? An einem sonnigen Tag wähle ich vielleicht ein cooles E-Bike, an einem anderen muss es ein Cabrio sein, für die Langstrecke kann ich in der Bahn arbeiten und so weiter. Ein eigenes Auto wäre dann weniger Statussymbol als Symbol für die Vergangenheit."

Und wie sieht für Marion Jungbluth die Mobilität von morgen aus? „Mobilität wird ein Teil des zunehmend vernetzten Verbraucheralltags. Mobiles Arbeiten, Online-Konferenzen und digitale Seminare werden zu weniger berufsbedingter Zwangsmobilität führen. Weniger Mobilität bedeutet weniger Stress, weniger Belastungen und mehr Lebensqualität für alle. Mobilität bedeutet aber auch Teilhabe und sie verbindet Menschen."

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