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Der Mercedes EQC: Mit 408 Elektro-PS und erstaunlicher Dynamik bewegen sich die 2,5 Tonnen durch den Alltagstest. - © Maximilian Mühlenweg
Der Mercedes EQC: Mit 408 Elektro-PS und erstaunlicher Dynamik bewegen sich die 2,5 Tonnen durch den Alltagstest. | © Maximilian Mühlenweg

Alltagsfahrtest des Mercedes EQC Mercedes EQC: E-Raumschiff für alle Fälle

Im Alltagstest zeigt ein Elektro-SUV mit beeindruckender Technik, warum weder lange Strecken noch die Parkplatzsuche in der Stadt zu Problemen werden.

Maximilian Mühlenweg
19.06.2020 | Stand 05.10.2020, 16:17 Uhr

Der Rückwärtsgang ist eingelegt, der Blick geht erst in die Rückspiegel, dann über die Schultern, schließlich auf den großen Bildschirm in der Mitte des Armaturenbretts. Aus der Vogelperspektive sind die weißen Linien zu erkennen, die eine Stromladesäule von der nächsten abgrenzen. Acht Kamerabilder zeigen den Mercedes EQC so, als schwebe man mehrere Meter darüber. Dies führt nicht nur dazu, dass der 4,7 Meter lange Wagen in wenigen Lenkeinschlägen perfekt parallel an die Ladesäule manövriert werden kann.

Auch ganz allgemein muss man sich nie wieder Sorgen um den graphitgrauen Lack machen, wenn man in der Altstadt die letzte enge Parklücke ergattern möchte. Eng ist es dagegen am ersten Stopp des Tages, der Ladestation in Bielefeld-Sieker, nicht – doch der EQC ist nicht alleine.

Mercedes EQC: Laden und Reichweite

Denn auch ein Kleinwagen lädt dort seine Batterien an einer von insgesamt 58 Ladesäulen in ganz Bielefeld auf. Die Ladestation verrichtet flüsterleise ihren Dienst – noch, denn kaum steckt das zweite Ladekabel mit höherer 50 Kilowatt (kW) Ladeleistung im EQC, beginnen die Ventilatoren der Ladesäule sich deutlich hörbar zu drehen. Man beginnt zu ahnen, wie viel Energie in den 50 Minuten, die das Fahrzeug an der Station steht, durch die dicken schwarzen Kabel in die Batterien fließt, bis diese wieder von 50 auf 100 Prozent geladen sind. Am liebsten lädt der EQC aber an einer Schnellladesäule mit 110 kW Ladeleistung – so sind die Batterien nach 40 Minuten wieder von 10 auf 80 Prozent geladen. Bei einer Batteriekapazität von 80 Kilowattstunden (kWh) und einem aktuell hohen Strompreis von 30 bis 40 Cent pro kWh werden für einen vollständigen Ladevorgang 24 bis 32 Euro fällig.

In Skywalker-Blau zeigt das „Raumschiff" EQC auch bei Nacht, dass es gegen das Verbrenner-Imperium „rebelliert".  - © Maximilian Mühlenweg
In Skywalker-Blau zeigt das „Raumschiff" EQC auch bei Nacht, dass es gegen das Verbrenner-Imperium „rebelliert".  | © Maximilian Mühlenweg

Häufig an Autobahnen, wie der A2 zwischen Bielefeld und Hannover, zu finden, steht eine dieser Schnellladesäulen an diesem Tag optimal, um auf dem Rückweg vom Ausflug zum Steinhuder Meer noch einmal nachzuladen. Nötig wäre der Zwischenstopp nicht gewesen, denn mit 360 Kilometern realistischer Reichweite schafft der EQC die deutlich kürzere Strecke auch so problemlos.

In der Zeit, in der Tankstellencroissant und -kaffee im Bauch verschwinden, genehmigt er sich dennoch ein wenig Energie, und nachdem die letzten Krümel aus dem futuristischen Innenraum gewischt sind, sind die Batterien bereits wieder vollständig auf 100 Prozent geladen. Bei diesem Ladetempo wären auch Urlaubsreisen in Richtung Süden mit wenigen Stopps möglich, ohne, dass Fahrer und Gefolge die Geduld verlieren.

Mit dem neuen E-Mercedes über die Autobahn

Mit frischer Energie geht es wieder auf die Autobahn, auf der sich der EQC mit circa 130 km/h effizienztechnisch am wohlsten fühlt. Doch auch bei höheren Geschwindigkeiten gibt das Interieur keinen Laut von sich. Kein Knacken, kein Quietschen, nichts. Die Umgreifgeräusche der Finger am Lenkrad und das Summen der Klimaanlage sind solange die größten Lautstärkefaktoren, bis das drahtlos mit dem Fahrzeug verbundene Smartphone per Freisprecheinrichtung einen Anruf durchstellt und so die bibliothekähnliche Stille im Innenraum durchbricht. „Grüß‘ dich, was treibst du gerade?" – „Rate mal!" – „Im Büro?" – „Mit 140 km/h auf der Bahn unterwegs!" – „Ist aber ganz schön leise bei dir!".

Ist es! Denn die Geräusche auf und ab rasender Kolben von Verbrennungsmotoren entfallen und zusätzlich schalldämmende Materialien machen den EQC wahrscheinlich zu einem der leisesten Fahrzeuge überhaupt.

Kaum ist der Anruf beendet, nähert sich bereits die heimische Abfahrt. Ohne das Bremspedal drücken zu müssen, entschleunigt der EQC dank der am Lenkrad verstellbaren Motorbremse von selbst und speist somit wieder etwas Energie zurück in die Batterien. „Außerdem werden so Verschleißteile wie die Bremsen geschont", sagt Verkaufsberater Pascal Sils von der Bielefelder Niederlassung der BERESA OWL GmbH & Co. KG, die das Testfahrzeug zur Verfügung gestellt hat.

Mit dem neuen EQC von Mercedes im Alltagstest unterwegs

Der nächste Morgen führt ins Lipperland zum Mountainbiken. Quasi als Ersatz zum eigentlich obligatorischen Wasserkistentest dient das Rad als Testobjekt für das Fassungsvermögen des Kofferraums. Die 500 Liter Volumen werden per Fingerzug, der die Rückbank zurückklappen lässt, problemlos auch für die sperrige Fahrrad-Fracht erweitert.

Auf dem Weg zum entfernten Mountainbikerevier sorgen 408 serienmäßige PS, ganze 760 Newtonmeter Drehmoment und der sanfte Star-Wars-Klang der zwei Elektromotoren besonders beim 0-auf-100 -Test für ein breites Grinsen im Gesicht auf der Landstraße. Die vielzitierte gummibandähnliche Beschleunigung in E-Fahrzeugen drückt den Kopf verzögerungsfrei in die gepolsterte Kopfstütze, bevor sich die 2,5 Tonnen erstaunlich dynamisch und leichtfüßig durch die nächste Kurve zum Ziel schlängeln.

Nach einer anstrengenden Tour auf zwei Rädern ist es an der Zeit, sich zu entspannen. In einem dichtbewachsenen, kleinen Waldstück senken sich die vier dicken, schallisolierten Fenster, um frische Waldluft ins Fahrzeug zu lassen. Deutlich hört man neben den Geräuschen des Waldes das Laub auf der Straße unter den breiten Reifen zerbröseln. Ruhige Abroll- statt lauten Motorgeräuschen und keine giftigen Abgase: Pure Entspannung und Alltag in E-Fahrzeugen. Außerdem sind die Waldbewohner sicher dankbar für die störungsarme Durchfahrt ihres Lebensraums.

Zurück auf der Bundesstraße kommt die Frage nach einem der wohl häufigsten Kritikpunkte auf: die Verfügbarkeit von Lademöglichkeiten. „Hey Mercedes, wo ist die nächste Ladestation?" Dank der Sprachsteuerung zeigt der EQC ohne Gefummel am Display die nächstgelegenen Optionen an. Hier, mitten auf dem Land, wo die nächste Kleinstadt 20 Kilometer entfernt liegt, gibt es im Umkreis von nur zehn Kilometern ganze acht Lademöglichkeiten. Einem weltweit diskutierten Kritikpunkt wird zumindest im tiefsten Lipperland der Wind aus den Segeln genommen. Stichwort Segeln: Selten war eine Fahrt auf der Landstraße entspannter, denn auf dem Heimweg werden ausnahmsweise alle Energierekuperationssysteme deaktiviert, was dazu führt, dass nicht ein einziger Ruck zu spüren ist, wenn man den Fuß vom Gas nimmt. Aber egal, ob man nun wie auf Schienen gleitet oder mit aktivierten Rekuperationssytemen Kilometer für Kilometer aufs Reichweitenkonto hamstert: „Man bewegt das Fahrzeug ganz anders als einen Verbrenner." Wer einmal elektrisch fährt, versteht, was der Bielefelder Beresa-Verkaufsleiter Jörg Heidemann meint.

Wie schlägt sich der neue E-SUV von Mercedes in der Stadt?

Früh am nächsten Morgen stehen auf dem Weg zur Arbeit noch einige Einkäufe an. Als säße man in der königlichen Kutsche, warten in unmittelbarer Nähe des Supermarkt-Eingangs mehrere E-Fahrzeug-Parkplätze darauf, exklusiv genutzt zu werden. Angefüttert von den Privilegien erwartet man als neuer Parkplatzkönig beinahe noch einen roten Samtteppich. Doch man soll ja nicht gierig werden. Vor allem nicht, wenn der Supermarkt zusätzlich zum Parken in erster Reihe auch noch kostenfreien Strom zum Laden während des Einkaufs anbietet. Schön, wenn das Portemonnaie einmal geschlossen bleiben kann, musste es sich zuvor zur Anschaffung des 84.000-Euro-Wagens doch recht weit öffnen. Das Fahrgefühl der E-Mobilität lässt sich aber auch schon für wesentlich weniger Geld genießen, obwohl die zahlreichen Assistenzsysteme und die luxuriöse Vollausstattung des EQC natürlich ihre Reize haben.

Im weiteren Stadtverkehr bleiben alle Geräusche draußen, die man gerade frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit nicht hören will. Dass man mitten in der Stadt ist, merkt man akustisch erst, sobald man Fenster senkt, um die Parkplatzschranke zu öffnen.

Wer einmal sein eigenes Fahrverhalten reflektiert, wird wahrscheinlich feststellen, dass derartige Kurzstrecken den Großteil aller Fahrten ausmachen und die Reichweite von 360 Kilometern in den wenigsten Situationen ein Problem darstellt.

Mercedes ist in der Gegenwart angekommen

Obwohl die Reichweite noch nicht mit der von Verbrennern vergleichbar ist, rückt dieses Problem mehr und mehr in den Hintergrund. Die Fahrzeugtechnologie und das E-Ladenetz haben im Test gezeigt, dass sie bereits jetzt in der Lage sind, die Fahrten des Alltags problemlos zu meistern, zahlreiche Situationen sogar angenehmer zu machen und die Lust auf technischen Fortschritt weiter zu wecken. Wachsende Reichweiten und schnellere Lademöglichkeiten werden elektrisches Fahren in den nächsten Jahren noch unkomplizierter machen, als es schon ist. Ob aber letztlich Elektromobilität oder doch andere Technologien wie Wasserstoff die Zukunft sein werden, wird sich erst noch zeigen. Elektroautomobile Kinderkrankheiten, wie minimale Reichweiten und Ladenetzlücken, scheinen jedenfalls überwunden.

Zum aktuellen Zeitpunkt bieten E-Fahrzeuge wie der Mercedes EQC ein wohlbalanciertes Fahrerlebnis aus Reichweite, Komfort, Schadstoffausstoß und spannender wie beeindruckender Technik. Dass noch wenige Kompromisse eingegangen werden müssen, rückt aber spätestens dann in den Hintergrund, wenn man am Ende des Tages den von innen wie außen raumschiffartig beleuchteten Wagen mit der Gewissheit abstellt, dass man seine Heimatstadt einen weiteren Tag lang nicht mit noch mehr Feinstaub verschmutzt hat.

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