0
Barockes Schloss, modernes Auto: Der Porsche Taycan passt – rein optisch zumindest – sehr gut zum Schloss Nordkirchen. - © Lothar Hausfeld
Barockes Schloss, modernes Auto: Der Porsche Taycan passt – rein optisch zumindest – sehr gut zum Schloss Nordkirchen. | © Lothar Hausfeld

Porsche Taycan Fahrbericht Alleine im Porsche Elektro-Sportler

Eine Woche unterwegs mit dem Porsche Taycan: Wie passen E-Mobilität und Dynamik beim ersten vollelektrischen Porsche zusammen?

Lothar Hausfeld
19.06.2020 | Stand 05.10.2020, 16:20 Uhr

Die Corona-Krise hat die Welt komplett aus den Angeln gehoben. Soziale Kontakte sollten immer noch reduziert stattfinden. Ein guter Ort, um auf möglichst wenige Menschen zu treffen, ist da das Auto – auf dem Testwagenplan stehen ein paar Tage mit dem Porsche Taycan, dem ersten vollelektrischen Porsche. Der Viertürer dient daher vorübergehend der persönlichen „Carantäne". Ein Tagebuch.

TAG 1 mit dem Porsche Taycan

Am Porsche-Werk in Stuttgart- Zuffenhausen herrscht deutlich weniger Betrieb als sonst üblich. Die Werksbänder stehen still, die Büroangestellten arbeiten überwiegend im Home Office. Vor dem Verwaltungs-Altbau stehen wie gewohnt die Fahrzeuge der Testwagenabteilung. Der neue 911 Turbo als Coupé und Cabrio, diverse Cayenne-Modelle – auf engstem Raum stehen hier millionenteure Modelle und Träume vieler Sportwagenfans.

Das Heck zeigt noch am ehesten klassische Porsche-Formensprache.  - © Hausfeld
Das Heck zeigt noch am ehesten klassische Porsche-Formensprache.  | © Hausfeld

Und auch der dunkelblaue Porsche Taycan Turbo, den ich in der kommenden Woche bewegen darf, steht hier, noch verbunden mit der Ladesäule. Vollgeladen, doch die Reichweitenanzeige zeigt gerade einmal 293 Kilometer. „Das Fahrzeug ist heute schon bewegt worden, deswegen orientiert sich die Reichweite am letzten Stromverbrauch", beruhigt mich die Porsche-Mitarbeiterin bei der Fahrzeugeinweisung. Angesichts der rund 500 Kilometer langen Heimreise wären knappe 300 Kilometer Reichweite auch ein wenig dürftig, zumal Porsche (in der Theorie zumindest) 440 Kilometer mit einer vollen Batterie verspricht.

In der progressiven Front spiegelt sich die moderne Technik wider.  - © Hausfeld
In der progressiven Front spiegelt sich die moderne Technik wider.  | © Hausfeld

Die Einrichtung der persönlichen Einstellungen ist erst einmal schnell gemacht; in der Tiefe beschäftige ich mich später mit den vielen Menüpunkten und Einstellungen. Selbst der (nicht anwesende) Beifahrer hat ein eigenes Display, das allerdings bietet nicht wirklich viel.

Jetzt gilt erst einmal: Das Auto erfahren. Die Route nach Hause ist programmiert, das Navigationssystem spielt diverse Möglichkeiten durch, wie man am besten ans Ziel kommt. Klar ist: Ohne Zwischenstopp und Strom fassen wird es nicht gehen.

Schnellladesäule: Das Laden steht beim Porsche Taycan oft im Mittelpunkt. - © Hausfeld
Schnellladesäule: Das Laden steht beim Porsche Taycan oft im Mittelpunkt. | © Hausfeld

Vier Fahrmodi sind anwählbar, wobei ich Sport und Sport Plus, beide auf Wunsch mit einem künstlichen Sound untermalbar (ausprobiert – ist verzichtbar), nur ganz kurz anwähle. Natürlich ist die Beschleunigung des bis zu 625 PS starken Taycan Turbo unfassbar – dieses Auto soll (leer) tatsächlich 2,3 Tonnen wiegen? So leichtfüßig wie selbst aus Tempo 180 noch an Geschwindigkeit zugelegt werden kann, raubt das dem Fahrer den Atem. Atemlos macht allerdings dann auch der Blick auf die Reichweite, die wie Eis in der Sahara schmilzt. Also fahre ich lieber im „Range"-Modus, der reichweitenoptimierten Einstellung – nach rund 325 Kilometern ist dennoch Aufladen angesagt.

Ein Blick ins Cockpit des Porsche Taycan. - © Delia Baum
Ein Blick ins Cockpit des Porsche Taycan. | © Delia Baum

In Freudenberg, einem kleinen Ort in der Nähe von Siegen, lege ich den vom Navi vorgeschlagenen Stopp ein. Mehrere Schnellladesäulen stehen hier in einem kleinen Industriegebiet; mittels Chipkarte registriere ich mich an der Ladesäule und gebe den Anschluss zum Laden frei. Die Ladeklappe am Taycan schwingt nach einem Fingerwischen auf – so, wie man auch ein Smartphone entsperrt. Kabel eingestöpselt, es klackt kurz, und dann wird die Batterie des Taycan mit Hochgeschwindigkeit vollgepumpt.

Es dauert keine zwei Minuten, da fährt der Fahrer eines Porsche Cayenne Hybrid auf den Parkplatz und sucht den interessierten Plausch – natürlich mit gebotenem Abstand, durch die geöffnete Fahrerscheibe. Er schwört auf sein Hybrid-Modell – auch wenn er keine staatliche Förderung wegen der knapp zu geringen Elektro-Reichweite bekommt. Vom reinen E-Antrieb hält er dagegen nicht so viel. „Trotzdem viel Glück bei der Heimreise", ruft er zum Abschied – ganz so pessimistisch bin ich natürlich nicht. Warum auch? Nach 26 Minuten sind 81 Prozent der Batterie gefüllt, das reicht für die restlichen rund 180 Kilometer nach Hause. Die Abrechnung erfolgt per Paypal, 35,55 Euro werden später abgebucht für die Schnellladung. Der Rest der Fahrt nach Hause erfolgt reibungslos; wer mit Tempo 120 über die Autobahn gleitet, erfreut sich an einem tiefenentspannten Vorankommen.

Anders als die meisten Elektroautos rekuperiert der Taycan wesentlich unauffälliger; wo man beispielsweise beim Nissan Leaf beim bloßen Lupfen des Gaspedals eine deutlich spürbare Bremsleistung wahrnimmt, rollt der Taycan ohne wahrnehmbare Verzögerung, wenn man den Fuß vom Gaspedal nimmt. Das trägt zu einem ausgesprochen harmonischen Fahrgefühl bei.

Zuhause an der heimischen Haushaltssteckdose braucht man reichlich Geduld: Nach vier Stunden ist Strom für gerade einmal rund 50 Kilometer geflossen – wenn man denn vorhat, mit etwa 22 kWh auf 100 Kilometern auszukommen, was nur der Fall ist, wenn man konstant zwischen 80 und 120 km/h fährt. Wer an der Steckdose vollladen will, muss den Wagen schon mehr als einen ganzen Tag angestöpselt lassen.

Porsche Taycan TAG 2: Neugier geweckt

Am nächsten Tag geht die Quarantäne-Fahrt aus dem Home Office nach Nordkirchen zum Schloss gleichen Namens, dem „Versailles des Münsterlandes". Der barocke Prachtbau dient als passender Hintergrund für ein paar Fotos; nur wenige Menschen sind hier zum Flanieren unterwegs, jeder hält sich an die Kontakteinschränkungen. Ein interessierter BMWZ4- Fahrer, der sein Fahrzeug auch hier fotografiert hat, kommt auf drei, vier Meter Nähe heran, bestaunt den Taycan, taxiert ihn auf „bestimmt 70.000 Euro" – und liegt damit rund 100.000 Euro zu niedrig: Zum Grundpreis von 152 .136 Euro kommen hier noch einige weitere Extras hinzu, sodass unterm Strich 175.769,40 Euro fällig werden würden. Auf dem Rückweg will ich eine Schnellladesäule an der A1 in der Nähe von Münster aufsuchen – allerdings erfolglos, die Statuslampe der Säule leuchtet rot und signalisiert damit: Ich habe leider keinen Strom für dich. Zum Glück ist die Reichweite auch so noch ausreichend, um nach Hause zu kommen und dort wieder ein paar Reichweitenkilometer aus der Steckdose zu quetschen.

TAG 3: Ladeprobleme beim Taycan

Am Tag darauf fahre ich ins Büro; ein Parkhaus in fußläufiger Nähe des Bürogebäudes verspricht neue Nahrung für die Taycan-Batterien. Säule 1 ist offline, an Säule 2 klappt zwar der Verbindungsaufbau zwischen Fahrzeug und Säule, doch es fließt kein Strom. Säule Nummer 3 ist bereits besetzt, erst Säule 4 funktioniert zufriedenstellend, der Taycan lädt auf.

Als ich abends aus dem Büro am Auto ankomme, zeigt mir schon ein zwischenzeitlicher Blick aufs Smartphone: Hier stimmt was nicht. In der Tat: Die Aufladung wurde, warum auch immer, abgebrochen, sodass nur 70 Prozent der Batterie wieder gefüllt sind. Egal, für den Moment reicht es.

Für einen Besuch der Eltern, die rund 70 Kilometer weit nördlich wohnen, ist die Batterie in jedem Fall ausreichend aufgeladen. Der selbstgebackene Kuchen, der den Kontaktbeschränkungen gemäß vor die Tür gestellt wird, füllt den Kofferraum natürlich auch nicht aus.

Da im ländlichen Raum die Infrastruktur noch bei weitem noch nicht ausgebaut ist, müssen Hin- und Rückfahrt aus der Batterieladung gewährleistet sein – was beim Blick auf die Reichweite auch problemlos möglich ist. Auf der freien Autobahn ist die Verlockung groß, auf den wenigen Abschnitten ohne Tempolimit mal die Höchstgeschwindigkeit auszureizen. Die Vernunft siegt: Was nützen mir kurzzeitig 260 km/h, wenn ich dafür vielleicht auf dem Rückweg nicht weiß, wo ich aufladen soll?

TAG 4: Mit dem E-Porsche langsam warm geworden

Auch am nächsten Tag gibt es an der gleichen Säule im büronahen Parkhaus ein Problem: Die App meldet einen Ladungsabbruch – die Batterie ist allerdings vollgeladen. 100 Prozent – ein seltener Anblick, und auch nur von außen: Als ich die Fahrertür öffne und in den Taycan gleite, sind es schon nur noch 99 Prozent. Nach Hause kommt man damit natürlich trotzdem …

TAG 5

Nach fünf Tagen nutze ich noch ein letztes Mal die Gelegenheit, den Taycan auszufahren und mich insbesondere noch einmal mit den digitalen Spielmöglichkeiten im Cockpit zu befassen. Gelungen ist zweifelsfrei die optische Gestaltung: Der Fahrer blickt auf ein geschwungenes Instrumentendisplay, das vielfältig individualisiert werden kann, sodass man elementare Dinge wie die Reichweite jederzeit im Blick hat. Dass die Klimaautomatik über ein großes Touchfeld gesteuert werden kann, ist ein nettes Gimmick, bringt den Insassen aber keinen wirklichen Vorteil. Der zentrale Bildschirm für den Fahrer bündelt, wie heutzutage üblich, alle Info- und Entertainmentfunktionen. Vom Ladezustand der Batterie über Fahrdaten, Navigation und Medienauswahl wird hier alles angezeigt und gesteuert.

Weder in Größe noch in Vielfalt hebt sich das System von der Konkurrenz ab. Dass der Beifahrer über sein „eigenes" Display verfügt, ist eine nette Spielerei, bringt aber ebenso keinen wirklichen Vorteil. Dass der Taycan nicht gesondert gestartet werden muss, sondern direkt beim Einsteigen des Fahrers mit dem Fahrzeugschlüssel bereit ist, ist eine nette Spielerei, die mir gefällt. Für alle Traditionalisten: Der Startknopf ist links vom Lenkrad. Ein kleines Stückchen Porsche-Tradition. Wie auch die Typenbezeichnung „Turbo". Natürlich hat ein Elektroauto keinen Turbolader. Die Modell-Unterscheidung ist aber aus historischen Gründen durchaus nachvollziehbar.

Porsche Taycan E-Auto: FAZIT

Nach einer Woche in „Carantäne" mit dem Porsche Taycan kann man zusammenfassen: Das Fahren mit einem Elektroauto ist weitgehend problemlos, das Fahren mit einem elektrischen Porsche Taycan natürlich ein enormer Spaß, auch ohne permanente Höchstgeschwindigkeit oder ständiges Ausreizen der enormen Beschleunigungsfähigkeiten.

Die Reichweite – in der Theorie rund 440 Kilometer, in der Praxis kann man davon 15 bis 20 Prozent abziehen – ist nicht sensationell, aber doch für die meisten Anlässe ausreichend. Auch Langstrecken sind möglich, das Netz an Schnellladesäulen wächst beständig. Mit rund 20-minütigen Stopps an einem solchen „Super Charger" lassen sich 80 Prozent der Batterie wieder füllen – wenn denn die Ladesäulen einsatzbereit sind. Mit den entsprechenden Apps kann man das in der Regel im Vorfeld überprüfen.

Ist der Taycan jetzt mehr Porsche oder mehr E-Auto? Erstaunlich, aber wahr: Er ist das eine, ohne das andere zu unterlassen.

Empfohlene Artikel

Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.

Kommentar abschicken
realisiert durch evolver group