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Gängiges Vorurteil: Die Angst, dass unterwegs der Batterie des E-Autos der Saft ausgeht, hält sich hartnäckig - © Getty Images
Gängiges Vorurteil: Die Angst, dass unterwegs der Batterie des E-Autos der Saft ausgeht, hält sich hartnäckig | © Getty Images

Liegenbleiben mit dem E-Auto Die Suche nach der nächsten Steckdose für E-Autos

Die Zahl der Elektroautos auf deutschen Straßen nimmt langsam, aber sicher, zu. Trotzdem betrachten potenzielle Autokäufer die Verbrennerlose Antriebstechnologie noch immer mit Skepsis – vor allem, wenn es um das Thema Reichweite geht. Zu Recht?

19.06.2020 | Stand 05.10.2020, 16:23 Uhr

Die Annahme, dass sich Elektroautos und Reichweite nicht vertragen, hält sich hartnäckig. Dass weiß auch Ralf Collatz, Pressesprecher des ADAC Ostwestfalen-Lippe: „Umfragen haben ergeben, dass der Durchschnitts-Autofahrer in den seltensten Fällen mehr als 100 Kilometer pro Tag und am Stück fährt." So legten laut der Studie „Mobilität in Deutschland 2008" die Hälfte der Autofahrer weniger als 50 Kilometer pro Tag zurück. Der Anteil derjenigen, die mehr als 100 Kilometer am Tag zurücklegten lag bei, weniger als zehn Prozent. Trotzdem hätten viele Angst, dass bei einem elektrisch betriebenen Fahrzeug, der Akku nicht ausreicht. „Die Akku-Dauer ist für sämtliche Alltagsstrecken absolut ausreichend." Die Zeiten, in denen Elektroautos nach 100 Kilometern sofort an die Steckdose mussten, sind vorbei. Je nach Hersteller und Modell liegen die Reichweiten von Elektroautos aktuell zwischen 200 und 600 Kilometern – sie ist abhängig von der Nutzung elektrischer Verbraucher, der jeweiligen Außentemperatur und vom individuellen Fahrverhalten.

Wann muss ein E-Auto an die Ladestation?

Die Gefahr liegenzubleiben oder gar nicht erst in Fahrt zu kommen, ist bei einem Auto mit Elektroantrieb nicht größer als bei „normalen" Fahrzeugen. Laut ADAC-Statistik rückten die „Gelben Engel" 2019 etwa 3,8 Millionen Mal aus, um liegengebliebene Fahrzeuge wieder flott zu machen – davon 69.313 Mal in OWL. Bei knapp über 40 Prozent aller Einsätze war eine Batteriepanne der Grund. „Das liegt daran, dass die Autos heutzutage technisch so hochgerüstet sind. Die gestiegene Zahl der elektrischen Verbraucher in den Fahrzeugen wirkt sich auf die Lebensdauer der Batterie aus", begründet Collatz und widerlegt damit direkt das Vorurteil, dass nur Fahrer von Elektroautos Batterieprobleme fürchten müssen. Zweithäufigster Pannengrund im vergangenen Jahr waren Probleme mit der Einspritzanlage und der Zündung (17,4 Prozent).

Und wie sieht es bei den E-Autos aus? Tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit, aufgrund eines Defekts liegen zu bleiben, vergleichsweise geringer als bei einem Benziner, weil einfach weniger anfällige Teile verbaut wurden. So fehlen in Elektroautos sowohl Wasserpumpe als auch Kühler, Auspuffanlage und Kupplung. Von den 136.617 reinen Elektroautos, die bis zum 1. Januar 2020 in Deutschland zugelassen waren, benötigten im vergangenen Jahr 3.100 Autos die Hilfe des ADAC. „Bei den Einsätzen ging es im Gros um kaputte Reifen oder defekte Starterbatterien, weil zum Beispiel die Sitzheizung zu viel Strom gefressen hat", erklärt Ralf Collatz. Das Akku-Pannen während der Fahrt höchstens vereinzelt vorkämen liege vor allem daran, dass die Besitzer ihre Autos bestens kennen würden. „E-Autofahrer sind unserer Erfahrung nach höchst motiviert und vor allem sehr gut informiert, wenn es um ihre Fahrzeuge geht." Hinzukommt, dass sich der Bordcomputer der Fahrzeuge mit akustischen und visuellen Hinweisen meldet, wenn sich der Akku dem Ende neigt – diese sind kaum zu übersehen und zu überhören.

Keine einheitliche Regelung bei Ladestationen für E-Autos

Wer sich darüber bewusst hinwegsetzt oder sich aus Versehen bei der Reichweite verschätzt, dem bleiben zwei Möglichkeiten: Servicehotline der Hersteller anrufen oder Pannendienst kontaktieren. So oder so, dass Auto muss dann in der Regel abgeschleppt werden. „Da gibt es leider aktuell kaum eine andere Option", so Collatz. Mit dem Benzinkanister zur nächsten Tankstelle zu laufen, falle natürlich beim Elektroauto weg. Eine Alternative können mobile Ladestationen sein, die bei einer Akku-Panne ausrücken. „In diesem Bereich wird momentan sehr viel ausprobiert. Nicht nur von den Herstellern, sondern gerade auch von Start-up-Unternehmen in den Ballungsgebieten", weiß Ralf Collatz. So würde zum Beispiel in Berlin der Einsatz von Fahrradkurieren ausprobiert und der ADAC verfügt in Duisburg und Hamburg über zwei „rollende Stromspender". „Das sind Elektroautos, die Starthilfe geben können. Das Laden dauert 15 Minuten und reicht für 25 Kilometer." Ein anderer Ansatz seinen öffentliche Ladestationen an zentralen Plätzen oder vor Supermärkten, wo die Autos während des Einkaufs geladen werden könnten.

Dass es gerade beim Thema mobiles Laden keine deutschlandweiten Geschäftsmodelle gebe, liege vor allem daran, dass die Zahl der Elektroautos auf deutschen Straßen im Vergleich zu herkömmlichen Fahrzeugen geringer sei. Ein weiterer Faktor ist die Finanzier- und Durchführbarkeit, wenn es zum Beispiel um Ladestellen an Tankstellen geht. „Das Thema ist auch für Tankstellenbetreiber natürlich wichtig", weiß Collatz. Das es dort kein flächendeckendes Angebot für Elektroautos gebe, liege vor allem an der komplizierten Umsetzung. „In der Regel dauert es acht bis zehn Stunden bis die Batterie eines E-Autos voll aufgeladen ist. So lange stellt sich niemand an eine Tankstelle." Schnelles Laden hingegen koste nicht nur viel Geld, sondern auch viel Energie. „Dafür müssten dann zunächst Generatoren gebaut werden und dann stellt sich auch noch die Frage, woher der Strom kommt." Trotzdem gebe es auch in diesem Bereich bereits einige Pilotprojekte, weiß Collatz. Zum Beispiel bei Aral und Shell. Beide Unternehmen bieten an ausgewählten Standorten Ultraschnellladesäulen an. Diese sogenannten Hypercharger laden das Fahrzeug innerhalb von 10 bis 15 Minuten fast komplett auf. Der verwendete Strom kommt laut Aral und Shell zu 100 Prozent stammt aus regenerativen Quellen.

Wenn beim Elektroauto unterwegs nichts mehr geht – egal aus welchem Grund – und es abgeschleppt werden muss, gilt es ein wichtiges Detail zu bedenken: „Elektroautos dürfen nicht gezogen werden, sondern mit Hilfe eines Krans angehoben und verladen", erklärt Ralf Collatz. Der Grund laut ADAC: „Fließt die Energie im E-Motor ohne aktivierte Elektronik, kann es zu hohen Induktionsspannungen kommen, die die Steuerungselektronik schädigen." Eine Ausnahme bildet da zum Beispiel der Renault Zoe – bei dem Fahrzeug kann der Motor ausgeschaltet werden. Weil sich die Elektronik in allen Fahrzeugen so rasant entwickelt hat, werden die 1.710 ADAC-Pannenhelfer (29 in Ostwestfalen-Lippe), laut Collatz, schon seit Jahren in technischen Belangen unterwiesen.

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