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Norwegen als Vorreiter in Europa: Dort waren im März 2019 bereits 60 Prozent aller verkauften Neuwagen E-Autos. Viele europäische Länder haben auch bereits Ziele gesetzt, wann keine neuen Verbrenner mehr verkauft werden, in Norwegen soll es 2025 so weit sein. ⋌Foto: istock - © istock
Norwegen als Vorreiter in Europa: Dort waren im März 2019 bereits 60 Prozent aller verkauften Neuwagen E-Autos. Viele europäische Länder haben auch bereits Ziele gesetzt, wann keine neuen Verbrenner mehr verkauft werden, in Norwegen soll es 2025 so weit sein. ⋌Foto: istock | © istock

Antrieb „Elektroautos sind günstig wie nie“

2020 soll das „Schicksalsjahr“ des Elektroautos werden. Zum Beispiel, weil es plötzlich günstiger zu haben und zu fahren ist als vergleichbare Verbrenner.

Monika Dütmeyer
19.06.2020 | Stand 05.10.2020, 16:25 Uhr

Wer schon einmal ein Gaspedal eines Elektroautos betätigten durfte, weiß: Die Dinger beschleunigen wie verrückt. E-Auto fahren macht aber nicht nur Spaß, sondern ist auch günstig wie nie. In diesen Tagen erleben wir, dass Elektromobilität nicht länger einer doch eher überschaubaren Gruppe von gut situierten Ökos mit Eigenheim inklusive Solar-Tanke vorbehalten ist. Viele E-Autos sind plötzlich sogar günstiger als Verbrenner. Modelle wie der „VW e-up!", „Seat Mii electric" oder der „Skoda Citigo e iV" sind abzüglich von Förderungen schon für 10.000 Euro und ein paar „Zerquetschte" zu haben.

E-AUTO KLEINWAGEN AB 10.000 EURO

Ein Grund dafür ist die erhöhte Förderung von Seiten der Bundesregierung als Teil des Corona-Konjunkturpakets. Von den Grundpreisen dieser Modelle, die um die 20.000 Euro liegen, gehen dabei 9.000 Euro runter. „6.000 Euro stammen vom Staat, 3.000 Euro vom Hersteller", erklärt Stephanie Weller vom Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. Die Förderung ist gestaffelt: bei einem Netto-Listenpreis bis 40.000 Euro sollen für reine Elektrofahrzeuge, die ab dem 4. Juni 2020 zugelassen wurden, 9.000 Euro runter gehen, bei einem Preis über 40.000 bis 65.000 Euro immerhin noch 7.500 Euro. Wer allerdings mit dem Gedanken spielt, sich einen Porsche Taycan mit einem rund sechsstelligen Grundpreis zuzulegen, geht leer aus. Dafür gibt es aber auch für gebrauchte Stromer eine Prämie von 5.000 Euro, gebrauchte Plug-In-Hybride werden mit 3.750 Euro gefördert. Um die Förderung zu bekommen, muss das Auto gekauft und zugelassen sein und mindestens sechs Monate in den Händen des Antragstellers bleiben. Den dazugehörigen „Papierkrieg" liefern sich oftmals die Autohändler für ihre Kunden. „Damit sind die E-Autos so günstig wie nie", sagt Stephanie Weller. Zu der Förderung kommt auch noch eine Befreiung von der Kfz-Steuer für zehn Jahre und die aktuelle Mehrwertsteuerersparnis. Außerdem niedrige Wartungskosten, da E-Autos wohl seltener kaputt gehen, und Strom, der, zu einem guten Tarif „getankt", meist günstiger ist als Benzin oder Diesel. Oder nach einer Berechnung der Verbraucherzentrale in Euro ausgedrückt: Während man bei einem Benziner der Kompaktklasse über eine Nutzungsdauer von 16 Jahren mit 15.000 Kilometern Laufleistung im Jahr mit Gesamtkosten von 73.062 Euro rechnen muss (inklusive Fahrzeugkosten, Kraftstoff/Strom, Versicherung, Wartung, Steuern, etc.) kommt ein Elektroauto auf 65.767 Euro, zugrundegelegt ist dabei das Kaufjahr 2020. Eins brauchen die zukünftigen E-Auto-Besitzer allerdings: Geduld, da es derzeit schon Wartezeiten gibt.

E-AUTOS SIND UMWELTFREUNDLICH

Aber profitiert nicht nur das Portemonnaie, sondern auch die Umwelt vom Kauf eines Stromers? Gemessen an den CO2-Emissionen „überholt" ein E-Auto einen Verbrenner in Sachen Umweltfreundlichkeit ab etwa 50.000 bis 100.000 Kilometern. Ein E-Auto startet dabei aufgrund der Batterieherstellung mit einem größeren CO2-Rucksack als ein Verbrenner, holt aber mit jedem gefahrenen Kilometer auf. Die Kritik, die es bei der Gewinnung von Rohstoffen wie Lithium und Kobalt für die Batterien gibt, hält Weller für „absolut gerechtfertigt". Die Förderung sei mit Umwelt- und Sozialproblemen verbunden und beim Recycling sei ebenfalls noch viel Luft nach oben. Ebenso müssten die erneuerbaren Energien dringend weiter ausgebaut werden, die in Form von Strom als „Treibstoff" zum Einsatz kommen. Aller Kritik zum Trotz: „Ein E-Auto ist auch unter den heutigen Bedingungen schon die klimafreundlichste Option." Das belegten zahlreiche Studien zur Klimabilanz von Elektroautos. Deshalb rät die Expertin tendenziell zum Umstieg – auch wenn man einen Verbrenner fährt, der eigentlich noch gut ist. „Die Gebrauchtwagen werden dann vermutlich ältere Fahrzeuge ersetzen, die einen viel höheren CO2-Ausstoß haben." In Kombination mit den Elektroautos sinke so der gesamte CO2-Ausstoß im Pkw-Verkehr. Wichtig sei jedoch zu schauen, ob ein Elektroauto zu den individuellen Bedürfnissen passt und ob man die Möglichkeit zum Laden habe.

E-AUTO LADEN: WIE KOMPLIZIERT KANN DAS SEIN?

Die Möglichkeit, sein Auto an einer „normalen" Steckdose zu Hause zu laden, sollte laut ADAC nur eine Notlösung und kein Dauerzustand sein. Denn dabei könne es unter bestimmten Umständen, wie Alterungsprozessen an den Kontakten, zu einer ungewünschten Erwärmung kommen, mit der eine erhöhte Brandgefahr einher gehe. Zu empfehlen sei eine spezielle Ladestation für E-Autos, eine so genannte Wall-Box. Dank optimaler Ströme erfolge die Ladung schneller und sicherer. Zum Vergleich: Während die Ladung einer leeren 30 kWh-Batterie an einer Haushaltssteckdose nach Informationen des Verbraucherzentrale Bundesverband locker 13 Stunden dauern kann, sind es an öffentlichen Säulen zwei bis vier Stunden und nur zehn bis 40 Minuten an Schnellladesäulen. 80 Prozent der E-Auto-Fahrer würden ihr Auto in der Regel zu Hause laden, weiß Weller. „Für Wall-Boxen sollte man sich ebenfalls über Fördermöglichkeiten informieren." Und sie macht Hoffnung für alle Mieter und Bewohner von Eigentumswohnungen: „Im Herbst diesen Jahres soll eine gesetzliche Grundlage geschaffen werden, damit Wall-Boxen auch auf gemeinschaftlich genutzten Parkplätzen oder in Garagen ohne große Hürden installiert werden können.

Bis dahin müssen sie sich mit öffentlichen Ladesäulen begnügen, bei denen Preisberechnung und Belegung oft undurchsichtig sind, die Nutzung häufig eine vorherige Anmeldung in unterschiedlichen Systemen erfordert. „Da kann es bei einem vergleichbaren Ladevorgang zu Preisen zwischen drei und 30 Euro kommen." Der Verbraucherzentrale Bundesverband setzt sich deshalb für eine einfache und einheitlich geregelte Nutzung von Ladesäulen genauso ein wie für den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Im zweiten Quartal des Jahres 2020 lag die Anzahl der Ladestationen laut Statista in Deutschland bei rund 19.400. Bis 2030 sollen eine Millionen Ladepunkte zur Verfügung stehen, um sieben bis zehn Millionen E-Autos speisen zu können. Am 1. Januar dieses Jahres waren Statista zufolge rund 136.600 „Stromer" auf deutschen Straßen unterwegs. Nach einer Zielmarke der Bundesregierung sollten es eigentlich schon eine Millionen Fahrzeuge sein. Doch eine neue Gesetzgebung dürfte einer dynamischen Entwicklung in die Hände spielen: Die von der EU vorgegebenen Flottengrenzwerte. Sie zwingen Hersteller sozusagen dazu, klimafreundliche Fahrzeuge auf den Markt zu bringen.

Kern der Flottengrenzwerte ist eine Obergrenze für CO2: Definiert wurde ein Grenzwert von 95 Gramm pro Kilometer. Nach Einschätzung des ADAC sei es selbst bei einem Mittelklasse-Pkw mit Verbrennungsmotor kaum möglich, diesen Wert zu erreichen, in den Klassen darüber praktisch überhaupt nicht. Deshalb haben mittlerweile alle Hersteller „zum Ausgleich" Elektroautos und Plug-in-Hybride auf den Markt gebracht, die die durchschnittlichen CO2-Werte ihrer jeweiligen Flotte senken sollen. Brennstoffzellen-Autos seien aktuell noch teuer und erschienen eher als Zukunftsvision. Deshalb seien Elektroautos das Mittel der Wahl, für die 0 Gramm pro Kilometer angerechnet würden. Und wer diese Werte nicht einhalten kann, dem drohen ab 2021 Strafen.

JOBKILLER E-AUTO?

Doch mit den Flottengrenzwerten nicht genug: Bei vielen Autoherstellern ist auch in Sachen „Willkommenskultur" für die Elektroautos noch Luft nach oben. Denn mit ihrer ganz anderen Technik, wurden sie nicht überall mit offenen Armen begrüßt: Nach Recherchen der Quarks-Redaktion des WDR besteht ein E-Auto-Antrieb aus rund 210 Einzelteilen, während ein Verbrenner-Antrieb aus rund 1.400 Teilen besteht. Durch diese einfachere Technologie und den Umstand, dass die E-Autos wohl nicht sehr oft kaputt gehen, haben sie sich vielleicht nicht der allergrößten Beliebtheit erfreut. Denn unterm Strich heißt das weniger Arbeit für Hersteller und Werkstätten. „Es stimmt. Im Zuge dieser Entwicklung gehen Arbeitsplätze verloren. Aber es ergibt keinen Sinn auf etwas zu beharren, das keine Zukunft hat", sagt Stephanie Weller. Wer sich dagegen sperre, „steht am Ende viel schlechter da". Lieber solle man sich rechtzeitig umorientieren und Arbeitsplätze in Zukunftsbereichen schaffen.

Doch die Zukunft wird nicht nur von Herstellern, sondern auch von den Verbrauchern gemacht. Ein E-Auto eigne sich besonders gut für Pendler. Und auch für die längeren Strecken machen die Ausbaupläne des Ladenetzes genauso Hoffnung wie die fortschreitende Energiewende. Und auch, wenn es sich anders anfühlen mag: Im Schnitt werden Pkw in Deutschland nur an 13 Tagen im Jahr über 100 Kilometer gefahren. „Und für diese Fälle kann man auch mal Carsharing-Angebote nutzen, einen Mietwagen nehmen oder die Bahn", fasst Stephanie Weller zusammen.

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