0
Jesse Pinkman (Aaron Paul) im Film "El Camino". - © Ben Rothstein/Netflix
Jesse Pinkman (Aaron Paul) im Film "El Camino". | © Ben Rothstein/Netflix

"Breaking-Bad"-Film "El Camino" auf Netflix: Der arme, arme Jesse Pinkman

Achtung: Dieser Text enthält Spoiler zur Serie "Breaking Bad".

Angela Wiese
14.10.2019 | Stand 16.10.2019, 07:27 Uhr

Die größte Gefahr der Fortsetzung einer eigentlich beendeten Serie besteht in der Zerstörungskraft. Eine schlechte Fortsetzung kann die Genialität einer Story nämlich schnell einstampfen. Durch Relativierung zum Beispiel. Oder auch, weil totgeglaubte Protagonisten plötzlich wieder auftauchen. Droht der Netflix-Serie "Breaking Bad" ein solches Schicksal durch den gerade erschienenen Film "El Camino"? Sechs Jahre ist es her, dass das dem "Breaking-Bad"-Ende entgegenfiebernde Publikum Jesse Pinkman dabei zusah, wie der Versuch, ein Meth-Imperium aufzubauen, endgültig scheiterte. Für den ehemaligen Schüler des Lehrers und Drogen-Chefkochs Walter White (Bryan Cranston) war das Ende besonders furchtbar. Die "Breaking-Bad"-Story wird zu Beginn von "El Camino" in Megakurzform noch mal gezeigt. Die Geschichte schließt genau am Ende der Serie an. Und endlich, was für ein großartiges Schmankerl für Fans der Serie, erfährt der Zuschauer, was mit dem gequälten Pinkman passiert. Das ist schön, denn das hat man nicht oft, dass ein offenes Serien-Schicksal doch noch zu Ende erzählt wird. Nach Monaten der Folter und des Hungers, in denen Pinkman angekettet Drogen kochen musste, ist er nun auf der Flucht. Gebrochen, schwer verletzt und gejagt von der Polizei und den Erinnerungen an die Menschen, die er selbst umbrachte - oder die wegen ihm umgebracht wurden - will Pinkman weg. Ganz weit weg. Farblose Flucht Und so begleitet der Film Pinkman auf seiner Suche nach Geld, das ihm diesen Exit ermöglichen soll. Die Geschichte dieser Suche ist längst nicht so raffiniert wie die von "Breaking Bad", obwohl dessen Schöpfer Vince Gilligan bei dem Film Regie geführt hat. Pinkmans Flucht bleibt aber bis zum Schluss etwas farblos. Die ganze Zeit erwartet der Zuschauer, dass etwas Großes, eine spektakuläre Wendung passiert. Doch: nichts. Das bedeutet, dass zum Glück auch kein Unsinn passiert. Walter White weilt nicht etwa doch noch unter den Lebenden. Die Heisenberg-Story bleibt weitestgehend unangetastet. Lediglich Begegnungen mit noch lebenden Überbleibseln von damals (Skinny Pete zum Beispiel) und wenig erhellende, dafür sehr emotionale Rückblenden erinnern an die Vergangenheit. Keine Raffinesse Obwohl "El Camino" nicht im Ansatz die Raffinesse der Serie aufweist, der Film lohnt sich dennoch. Er bringt etwas zu Ende. Er lenkt den Blick auf den kaputten Pinkman, der schon zu Serienzeiten so sehr mit seinem Handeln haderte und schließlich sogar dem ehemals korrekten Walter White moralisch überlegen war. Pinkman leidet so sehr, dass das Publikum geradezu mit ihm hofft, er möge einen guten Schluss finden. "El Camino" ist eine Art Abrundung zur Serie. Man kann den Thriller schauen. Man verpasst aber auch nichts, wenn man es lässt. "Breaking Bad" zerstören kann der Film nicht. Dafür ist er viel zu kraftlos.

realisiert durch evolver group