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New York - Gütersloh und wieder zurück: Diese Zeiten hat Thomas Middelhoff lange hinter sich. Bei "Markus Lanz" stellte er sein zweites Buch vor. - © picture alliance / Stephan Persch
New York - Gütersloh und wieder zurück: Diese Zeiten hat Thomas Middelhoff lange hinter sich. Bei "Markus Lanz" stellte er sein zweites Buch vor. | © picture alliance / Stephan Persch

Meinung Der "eilige Thomas" Middelhoff gibt sich bei Markus Lanz geläutert

Der Ex-Bertelsmann-Manager nutzt die Talkshow, um ein neues Image von sich zu schaffen, kommentiert unsere Autorin

Talin Dilsizyan
22.08.2019 | Stand 22.08.2019, 13:51 Uhr

Hamburg/Bielefeld. Gierig, maßlos, arrogant - Ex-Bertelsmann- und Arcandor-Chef Thomas Middelhoff hat in der ZDF-Sendung von Markus Lanz all diese Eigenschaften für sich in Anspruch genommen. Der von einem bewegten Manager-Leben und einer dreijährigen Gefängnisstrafe gezeichnete 66-Jährige hat Mittwochabend klargestellt, dass er nach dem lange währenden Hoch all die vielen Tiefschläge erleiden musste. Sein zweites Buch ist der Anlass des Auftritts bei "Markus Lanz": "Schuldig". Natürlich geht es in der Talkshow im ZDF darum, Leser zu gewinnen für das Mea Culpa. Es geht ihm aber nicht um eine Entschuldigung bei den Tausenden Karstadt-Quelle-Mitarbeitern, die im Zuge der Insolvenz ihren Job verloren haben. Beim ersten Buch sei es ihm um "die Traumabewältigung im Gefängnis" gegangen, beim zweiten Buch habe er bei sich selbst angefangen. Es gehe ihm um die Schuld, die er bei sich selbst sieht. Im Kreise der Wirtschaftsgiganten Der einstige Vorzeige-Manager, der von Star-Fotografin Annie Leibovitz neben Wirtschafts-Prominenz wie Bill Gates, Jeff Bezos und Warren Buffett abgelichtet wurde, beschwichtigt: "Ich glaube, da bin ich sehr schonungslos mit mir umgegangen, und die Einzelschicksale im Konzern Karstadt-Quelle, die kann ich nicht erfassen, sie einzeln würdigen. Ich kann nur sagen, es tut mir unendlich leid für jeden, der glaubt, dass er aus falschen Entscheidungen seine Position verloren hat." Thomas Middelhoff lebt heute in Privat-Insolvenz. Er weist im Gespräch mit Talk-Master Markus Lanz darauf hin, dass er alles verloren habe - Reputation, Ansehen, Gesundheit. Mit seinen Büchern und Vorträgen gehe es ihm nun aus einem "inneren Zwang" darum, andere vor Fehlern zu bewahren, die er begangen habe. Wenn etwa Start-up-Unternehmer sich nach einem seiner Vorträge dafür bedanken, dass er ihnen die Augen geöffnet habe, dann mache ihn das glücklich. "Ich habe dann das Gefühl, ich habe etwas Sinnvolles erreicht." Kritik an mangelnder Fehlertoleranz Middelhoff kritisiert, dass es zu wenige Menschen in Politik und Wirtschaft gebe, die "den Mut und die Zivilcourage" haben, öffentlich Fehler zuzugeben und selbst dafür gerade zu stehen. Gleichzeitig habe die Gesellschaft nur eine geringe Bereitschaft, mit einem solchen Eingeständnis "offen und konstruktiv umzugehen". "Ich glaube, wenn wir das von beiden Seiten hätten, hätten wir möglicherweise viel weniger radikale Parteien in Deutschland". Menschen, die sich weigern, Fehler einzugestehen, einen Tunnelblick entwickeln, abgehoben werden - Middelhoff bedient sich immer wieder der Metapher einer "Firewall", die ihm den Blick auf die eigene Verantwortung verwehrt habe - sind die primären Adressaten des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Gütersloher Bertelsmann AG. Doch bei all den Beispielen, die Middelhoff aus seiner beruflichen Laufbahn anführt, die anderen klar machen sollen, nicht zu gierig, zu maßlos zu sein, nicht aufzuhören, sich zu hinterfragen, schwingt immer auch mit, dass sein Umfeld bestimmte Fehlentwicklungen begünstigte. So verweist Middelhoff etwa auf seine Frau Cornelie, die "so viel irres Verständnis" gehabt habe, dass der Top-Manager bei drei von fünf Geburten abwesend war. Sie habe ihm etwa im Kreißsaal nach der Geburt seiner Tochter Henriette erlaubt, dass er losfährt, um einen Flieger zu bekommen. Er habe zudem "nie nach Geld gefragt", vielmehr sei ihm der Bonus von 100 Millionen Euro von Reinhard Mohn angeboten worden, nachdem er Anteile an AOL, die er für 50 Millionen DM gekauft hatte, für 8 Milliarden US-Dollar verkaufte. Erst da habe er sich mit dem Gedanken von "Gelderhaltung" auseinandergesetzt. "Die Investition in geschlossene Esch-Oppenheim Immobilienfonds war mein Todesurteil", sagt Middelhoff. Egozentrisch und arrogant - geläutert? Seine Arroganz sah Middelhoff quasi als Markenzeichen - selbst auf den Vorwurf seines Vaters in seiner Jugend reagierte er trotzig. Beispielhaft hierfür steht die Notwendigkeit, im Flugzeug unbedingt in der ersten Reihe sitzen zu müssen. Alles andere sei unerträglich. Bei einem Platz in der zweiten Reihe hatte er den Impuls: "Ich ruf' jetzt sofort Herrn Mayrhuber, den damaligen Chef der Lufthansa an, um zu fragen, wie das denn passieren konnte." Stets musste Middelhoff das Gefühl haben, der Wichtigste zu sein. Stets hetzte er von Termin zu Termin - "der eilige Thomas" sei er deswegen auch genannt worden. Er räumt ein, auch wegen der wenigen Frauen in Spitzenpositionen sei ein solches "Alpha-Tier"-Verhalten weit verbreitet. Immer wieder wird Middelhoffs Stimme schwächer. Doch er nutzt die Plattform zur Vermarktung exzellent. Er kann über die Eskapaden von früher lachen, etwa, als er von Kanzlerin Merkel dezent darauf aufmerksam gemacht wurde, sich besser hinter ihr einzureihen - und das dann dennoch ablehnte. Seine Demut, die er auch durch seine Arbeit in der Behindertenwerkstatt in Bethel entwickelt habe, wirkt aufrichtig. Aber sie ist ichbezogen.

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