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Analyse in der Kabine: Co-Trainer Edin Terzic zeigt Maximilian Philipp, Jadon Sancho und Lukasz Piszczek Szenen aus der ersten Halbzeit. - © Amazon Prime Video
Analyse in der Kabine: Co-Trainer Edin Terzic zeigt Maximilian Philipp, Jadon Sancho und Lukasz Piszczek Szenen aus der ersten Halbzeit. | © Amazon Prime Video

Fußball-Doku "Inside Borussia Dortmund" auf Prime: So authentisch ist die BVB-Doku

Die neue Amazon-Doku zeichnet das Bild eines Vereins am emotionalen Anschlag. Das mag stimmen, doch zum Gesamtbild gehören unbequeme Aspekte, die das Format ausspart

Björn Vahle
14.08.2019 | Stand 03.09.2019, 20:36 Uhr |

Spieler verstecken sich unter den Sitzen. Marc Bartra schreit, sein Unterarm ist gebrochen, er blutet. Jemand ruft dem Busfahrer zu, er soll weiterfahren, nur weg, weg. Der 11. April 2017, der Tag an dem ein Attentäter einen Sprengsatz neben dem Mannschaftsbus von Borussia Dortmund explodieren ließ, war einer, der den Verein tief erschütterte. Torwart Roman Bürki bezeichnet ihn als den schlimmsten seines Lebens. "Du liegst auf dem Boden und willst einfach nur, dass es vorbei ist." Bis heute, sagt er, erschrickt er und wird sogar wütend, wenn jemand unvorsichtig Krach macht. Dass man die Betroffenen erstmals aus eigener Erinnerung darüber sprechen hört, ist ein klares Verdienst und gehört wenig überraschend zu den dichtesten Momenten der neuen Doku des Fußball-Filmemachers Aljoscha Pause. "Inside Borussia Dortmund" dokumentiert mal emotional, mal sehr analytisch, wie der BVB in der abgelaufenen Bundesliga-Rückrunde nach der Herbstmeisterschaft einen Neun-Punkte-Vorsprung auf den FC Bayern verspielte - und wie das irgendwie mal wieder in den Mythos des sympathischen Vereins aus dem Pott passt, des oft vom Schicksal geschlagenen, aber immer wieder aufstehenden Arbeiterklubs, dem eigentlich jeder den Titel gegönnt hätte. Deutschstunde mit Axel Witsel und Paco Alcácer Man kann Aljoscha Pause also zu seinem Gespür für Dramaturgie beglückwünschen. Drama und Konflikte erzählen ja meist die interessanteren Geschichten, man kommt den Betroffenen, sofern sie das zulassen. Wäre der BVB einfach zum Titel marschiert, die Serie wäre wohl eine andere geworden. Der Doku gelingt manch intimer Blick auf die taktischen Kniffe, mit denen der als detailversessener Zauderer verschriene Trainer Lucien Favre seine Mannschaft lenkt. "Er freut sich total, wenn Dinge so funktionieren, wie er sich das ausgedacht hat", sagt Marcel Schmelzer. Man kann sich das bei Favre bildlich vorstellen. Wunderbar ist auch die Deutschstunde mit Axel Witsel (Belgier) und Paco Alcácer (Spanier), in der zwei gestandenen Männern die Schuljungenaufregung im Gesicht steht, als sie nach ihren Hausaufgaben gefragt werden. Die Geschichte vom emotionalen Außenseiter Auch sonst gibt sich der Verein Mühe, sich den Menschen nahe zu präsentieren. Da sagt der frühere Trainer Ottmar Hitzfeld sinngemäß, dass man in Bayern nicht so Meister wird wie mit dem BVB. "Da ist nie die Begeisterung wie in Dortmund." Alte Recken wie der frühere Pokalheld Norbert Dickel oder der Kapitän der Meistermannschaft von 1963, Wolfgang Paul, erzählen die Geschichten ihrer Zeit, stets von Fährnissen begleitete, oft grotesk unwahrscheinliche Erfolge in letzter Minute, die im Verein offenbar ein gewisses Selbstbild haben reifen lassen: Das des liebenswerten Außenseiters, er sich bei allem Zirkus ein bisschen "realness" bewahrt hat. Doch das Format hat auch seine Schwierigkeiten. Natürlich geht der "exklusive Einblick", den Amazon hier verkauft, nicht so weit, als das man tatsächlich erfährt, warum der eine Spieler die eine und der andere die andere taktische Aufgabe bekommt. Klar, das will kein Verein preisgeben. Stattdessen stellt Pauses Werk eher die Frage danach, wie die Menschen hinter den glatten, mediengeschulten Spielerfassaden damit umgehen, dass das Leben manchmal großen Spaß daran hat, ihnen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ein wenig zu wenig Distanz Das gelang dem Regisseur schon mit "Being Mario Götze", dem Porträt über den gefallenen WM-Helden, und es funktioniert auch diesmal weitgehend. Man bekommt schon den Eindruck, dass da ein bestimmter Typ Mensch arbeitet beim BVB, als Zeugwart, als Athletiktrainer, als Busfahrer - aber eben auch als Spieler. So sehr das stimmen mag, muss man bei dieser Herangehensweise auch festhalten: Nach den Gefühlen des als Offensivhoffnung eingekauften Maximilian Philipp, der in Dortmund nie richtig Fuß fasste und schlussendlich nach Moskau verkauft wurde, fragt die Doku zumindest in den ersten beiden vorab für Journalisten freigegebenen Folgen nicht. Zum Bruch zwischen Aki Watzke und dem zum Zeitpunkt des Anschlags verantwortlichen Trainer Thomas Tuchel, der sich von Watzke im Stich gelassen fühlte, muss der Geschäftsführer sich nicht verhalten. Tuchel musste gehen, Watzke ist noch da. Wie das eben so läuft. Und das in Dortmund immer noch mehr als in anderen Städten virulente Thema von Neonazis auf der Tribüne? Fehlanzeige. "Wir lassen euch rein, aber nicht alles raus" Um es also mit dem Pott-Deutsch von Norbert Dickel zu sagen: "Anfürsich" ist "Inside Borussia Dortmund" ein fesselndes Porträt über das Innenleben eines Vereins am emotionalen Anschlag, der vieles unkonventionell angeht (zum Beispiel mit Matthias Sammer einen externen Berater anstellt, der als TV-Experte im Beisein des Klubchefs die schlechte Leistung der Mannschaft auseinandernimmt) und der damit sicher ein gewisses Alleinstellungsmerkmal in Deutschland besitzt. Vorwerfen muss man dem Format aber, dass es hier und da die Distanz vermissen lässt. Vielleicht lässt sich dieser Widerspruch auch nicht auflösen, der schon die Dokus über American-Football-Klubs und Manchester City kennzeichnete, die Amazon ebenfalls selbst produzierte. Wir lassen euch rein, dafür aber nicht alles raus, vielleicht muss das der Deal sein. Ein Erlebnis ist die Doku allemal - nicht nur für BVB-Fans. "Inside Borussia Dortmund" ist ab dem 16. August auf Amazon Prime für Mitglieder abrufbar. Die ersten drei Folgen erscheinen wöchentlich jeden Freitag. Die letzte Folge läuft am 13. September an.

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