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Der unbekannte Franzose

Unsere Kolumnistin war der Meinung, dass es den Flirt im Supermarkt nur in Hollywood gäbe – unlängst wurde sie aber zwischen Mehl und Milch selbst angeflirtet.

Karoline Langenkämper
05.09.2019 | Stand 31.05.2019, 13:26 Uhr

Man stelle sich folgende Situation vor: zwei Menschen stehen im Supermarkt vorm Gemüseregal, strecken beide die Hand nach der letzten Steckrübe aus, eine flüchtige Berührung, ein kribbelnder Augenblick, zack, bumms, und sie leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage. So oder so ähnlich stelle ich mir eine schicksalshafte Begegnung im Supermarkt zwischen zwei Singles vor. Das hört sich für Sie, liebe Leser, nach einer unwahrscheinlichen Begebenheit an? Für mich auch! Deshalb galt der spontane Flirt im Supermarkt für mich lange Zeit als ein urbaner Dating-Mythos. Dass man zwischen Wurstregal und Käsetheke jemanden nach einem Date fragt, gibt’s doch gar nicht, oder? Salut! - hieß es, am Regal im Supermarkt Letzte Woche wurde ich eines Besseren belehrt. Ich stand hochgradig konzentriert im Gang mit den Back-Utensilien und suchte verkrampft das Regal nach Zuckercouleur ab, als plötzlich ein Mann an mir vorbeirauschte und mir ein unvermitteltes „Salut" zurief. Völlig verdutzt blickte ich auf, um nachzusehen, ob ich den Grüßenden denn kennen würde. Aber nein, das Gesicht kam mir nicht bekannt vor. Aufgrund meines verwirrten Ausdrucks machte das unbekannte Gesicht wieder kehrt und sagte: „Pardonnez-moi, je ne voulais pas vous derangez". „Oh, pas problème" erwidere ich und bin ein bisschen stolz, dass ich mein Schulfranzösisch so schnell und spontan reaktivieren kann. Keine spontane Flirt-Laune im Supermarkt Das bereue ich aber schon eine Sekunde später, weil mein Gegenüber mich mit strahlenden Augen anblickt und sich freut, dass ich ihn verstehe. In sehr schnellem Französisch werde ich etwas gefragt, verstehe nur Bahnhof und stammele irgendetwas in gebrochenem Halb-Französisch. Von nun an spricht mein französischer Gesprächspartner nur noch sehr sehr langsam mit mir. Er will wissen wo ich Französisch gelernt habe, ob ich aus Bielefeld käme und ob ich Arminia-Fan sei. Und dann geht’s auch schon direkt mit der Frage weiter, ob ich mit fremden Männern einen Kaffee trinken gehen würde. Instinktiv sage ich „Non". Er wünscht mir daraufhin einen schönen Abend und zieht von dannen. Nett, freundlich und charmant war der französische Unbekannte, trotzdem ging mir das „Nein" allzu leicht von den Lippen. Vielleicht lag es daran, dass mir das alles einfach zu schnell ging, vielleicht auch daran, dass ich zwischen Zuckerperlen und Mandelsplittern partout nicht in Flirt-Stimmung komme. Den Zuckercouleur habe ich über die ungeahnte Begegnung jedenfalls vollkommen vergessen und gehe stattdessen mit einem geschmeichelten Ego zur Kasse. Auch nicht schlecht oder „Pas mal non plus", wie der Franzose sagt.

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